Wie war solcher Abstand im Kritisch-Geistigen unter Menschen der gleichen Rasse, der gleichen Zeit überhaupt erklärbar?
Durch das Fenster kam blaues Schneelicht und zeichnete jedes Einzelnen Kontur mit einem Meßband aus vergastem Metall. Einige Minuten herrschte erwartungsvolles Schweigen. Nun wollte jemand eine wandernde Flamme unter dem Tisch bemerkt haben. Sie erwies sich jedoch als silbernes Zigarettenetui, das du Perron mit den Füßen Monseigneur auf den Schoß hinüber zu praktizieren versuchte. Diese triviale Auslegung des Phänomens fand wenig Anklang. Man solle sich nie durch solch scheinbar einfache Erklärungen beirren lassen.
Ursprünglich sei es doch eine Flamme gewesen. Der magische Kreis ermangle eben noch der nötigen Kraft zu dauernden Materialisationen. Das hätte das Flammengespenst gerade noch rechtzeitig gemerkt, um seinen Rückzug auf scheinbar natürliche Weise durch das Zigarettenetui zu decken, dessen Überreichung in diesem Moment durch magische Einwirkung auf du Perrons Unterbewußtsein erfolgt sei. Nichts schien einfacher.
„They are sooo smart“ — sie sind ja so gerieben, bestätigte Lady Eveline.
Also den Kreis verstärken: Monseigneur und Quadrupedescu, Glorias Nachbarn, vertraten die Ansicht, intensiverer physischer Kontakt zwischen den Teilnehmern würde die Phänomene wesentlich fördern. Doch man heischte Ruhe, wartete wieder. — Nun knackte die Platte deutlich. Alles glimmerte vor Erregung, nur Muriel Hitchcock blieb ruhig, das graue Papiergesicht voll Herablassung seitwärts einem Unsichtbaren zugelehnt.
„Es ist Alastair. Ich spüre ihn schon die ganze Zeit hinter meinem Sessel. Nie versäumt er eine Gelegenheit, mir nahe zu sein.“
Sie war aus Philadelphia, trotz wurmiger Haut hübsch, hypersmart, und gab sich, da sie ein wenig hinkte, gern für eine etwas beschleunigte Reinkarnation der Lavallière aus. Das mit Alastair aber ging, wie man nun erfuhr, schon viel länger; seit sie eine wunderschöne griechische Hetäre zu Alexandrien gewesen und er, als Säulenheiliger, aus Leidenschaft zu ihr sein Gelübde gebrochen hatte und für sie gestorben war. Durch diesen gewaltsam frühen Tod waren sie seitdem immer um eine Drittel-Inkarnation auseinander — very trying indeed — und konnten sich nur mehr oder weniger durch Tischplatten hindurch angehören. Jetzt wollte keine der Damen in Astralflirts zurückstehen. Eine Art makabren Erotelns hub an, und es ergab sich, daß alle schon einmal wunderschöne griechische Hetären gewesen. Madame Bavarowska aber schoß den Vogel ab mit einer extra Fleißinkarnation als Pharaonentochter. Es bedarf wohl der Erwähnung nicht, daß sie auch in dieser Gestalt von einem Liebreiz war, der vielen zum Verhängnis werden sollte. Nun begannen die Damen zu erörtern, was sie jedesmal angehabt, und die Sitzung drohte in einer Modediskussion zu verenden; die Weiber zerschnatterten alles, als der Tisch deutliche Zeichen von Ungeduld gab, Friedolin Eisele um Ruhe bat und die Leitung der Séance wieder übernahm.
Es wurde mit dem Tisch vereinbart, ein Klopflaut bedeute — „ja“, zwei — „nein“, damit man in zweifelhaften Fällen wisse, ob richtig buchstabiert worden sei. Nun begann Eisele langsam immer wieder das Alphabet herunterzusagen, wie Horus es schon vom Salon aus vernommen. Der Buchstabe, bei dem es klopfte, galt, und so setzten sich mit der Zeit Worte zusammen. Der Tisch war gerade bis Mia gelangt und wollte fließend weiterreden, da warf sich Madame Bavarowska mit einem Aufschrei über ihn.
„Mia — c’est pour moi — für mich, so heiße ich!“
„Sie heißen doch Natalie,“ widersprach es aus grollender Runde.