Ja, es war eine pläsierliche Fahrt in der Kastanienallee heimwärts. Alle Baumschatten flogen im Vorbeifahren mir über meine geblendeten Augen, die ganz in tiefen Gedanken mit der in den Mondstrahlen blinkenden Kett sich beschäftigten.

Es muß ein Weltengeist geben, der alle wahre und kräftig natürliche Gefühle nicht in den Lüften verschwirren läßt. So ein Seufzer aus dem Mutterherzen, auf der Darmstädter Chaussee, ist nicht dort geblieben als irrender Geist herumzuschweifen. Er wird sein Ziel gefunden haben, auch war mein Herz ganz feurig, und ich dacht, so wird auch heut nacht die Frau Königin eine vergnügliche Ahnung von mir haben, daß sie mich hat so in einen feurigen Rapport gesetzt mit meinem Sohn, daß ich ihn da im Mondschein zwischen dem Baumgeflüster vor mir schweben sehe, und kann die schönste Rede führen mit ihm, weil da allerlei Meldungswürdiges mir begegnet ist. Ach was man sich nicht vor unschuldige Unmöglichkeiten einbilden kann! – Aber Muttergefühl ist eine Wünschelrut, die schlägt in allen weiblichen Herzen an. Und die Frau Königin auch wird nicht ohne Absicht das Verdienst als Mutter in mir belohnt haben, sie wird gedacht haben: wenn sie doch auch so ein Sohn möcht zur Welt bringen, der diese mit seiner Unsterblichkeit könnt ausfüllen. – So ein Wunsch ist kein schlecht Gebet für eine erhabne Landesmutter – er begreift das Wohl des ganzen Menschengeschlechts in sich und es kann erhört werden, eben weil es der Müh wert ist so zu beten, so lohnt es auch dem Schicksalsgott die Erfüllung. – – –

Frankfurter Bürgertum ist der best Adel, der sich bis jetzt noch in alle Zeiten Respekt erworben hat. Welcher Staat kann sich des rühmen? Nun, ich kann Euch sagen, als ich in der Nacht vors Tor kam, so freut ich mich über die Maßen: »Sie müssen die Sperr bezahlen!« – »Königlich Equipage!« ruft der Lakai vom Bock herunter. – Schildwach ruft: »Heraus!« – »Ei was!« sag ich, »freilich will ich die Sperr bezahlen. Stecken Sie Ihnen Ihr Seitengewehr ein, Herr Leutnant, ich bins nur und sonst niemand!« – »Ei, um so besser, vor Ihnen präsentiere mer das Gewehr mit Vergnüge.« – Nun, als wir durch den Orkus durchgerumpelt waren und endlich vor meinem Haus stillhalten, so kommt mir ein ganzer Trupp von Basen und Vettern entgegen gestürzt. – Ich sag: »Ei, was wollt ihr dann? – Es ist nachtschlafende Zeit!« – »Ach, Gott seis gedankt, daß wir Sie wieder vor unsern Augen sehen, lieb Frau Rat; wir hatten gedacht, Sie wären arretiert! Die Jungfer Lieschen hat uns in große Ängste zusammen getrummelt, es wär eine Order kommen von Ihre Königliche Majestät von Preußen, grad wie Sie hätten wollen ins Kirschenwäldchen fahren mit der Frau Bethmann; und kaum daß Sie sich hätten was anziehen können, so wären Sie mit Eskorte von drei Mann in einem zuenen Wagen mit vier Pferd forttransportiert worden. Und so sitzen wir hier schon drei Stund und wissen nicht, was wir sollen anfangen, und eben wollten wirs dem Herrn Bürgermeister melden, und wir wären Ihnen nachgeeilt, aber die Jungfer hatte den Ort vergessen, wo Sie waren hintransportiert worden.« – –

»Nun, um Gotteswillen! Was sind das vor Sachen! – Das Rätsel will ich Euch morgen lösen; heunt will ich Euch nur eins sagen, daß die Jungfer Lieschen eine Hahlgans ist, und ich seh wohl ein jetzt, daß ihr die Haub heunt morgen nicht verkehrt auf dem Kopf gesessen hat, daß ihr aber der Kopf verkehrt unter der Haub sitzt, davor will ich Euch stehn. Ich bedank mich übrigens vor die Teilnahme; und wenn Sie einmal arretiert werde sollten, so werd ich auch mein Bestes tun, Sie wieder einzuholen. Übrigens, wer meine große Abenteuer genauer will erfahren, der muß morgen kommen, heunt sind die Tore gesperrt.« –

Nun, wie ich die gute Nachbarn los war – so mach ich der Lieschen erst Vorwürf, wie sie so dumm könnt sein und mir die Leut über den Hals trummelt.

Nun nehm ich meine Sternblumenhaub vom Kopf herunter und stülp sie über die Bouteille. Die hat heunt was mit mir erlebt – ich eröffne meine Enveloppe, die Lieschen erstarrt vor der goldnen Kett! – Sie macht mir Vorwürf, daß ich nicht gleich hab vor den Nachbarn, die um meine Abwesenheit waren in Sorgen gewesen, meinen Mantel aufgemacht. »Und«, sagt sie, »das war einmal nichts, daß die Frau Rat nicht gleich es gesagt haben, und morgen bei Tag wird das lang so kein Effekt machen.« – »Nun!« sag ich, »es ist nun emal geschehen, nun wollen wir uns ins Negligé werfen und ins Bett legen und von denen viele Strabatzen uns ausruhen!« –

Nun kommts endlich so weit, daß ich im Bett liege. – Die Frau Bethmann haben einen Korb mit den schönsten Kirsche mitgebracht aus dem Kirschenwäldchen, und wenn mirs recht wär, so wollte sie mir zulieb morgen noch einmal mit mir hinfahren. »Ei, freilich ist mir das recht! Jetzt stell sie mir die treffliche Herzkirschen an mein Bett und die Wasserflasche dabei, so werd ich wie eine Prinzeß mirs wohl sein lassen und die ganze Nacht Kirschen fressen.« –

Aber die Lieschen hat keine Ruh, sie persuadiert mir noch über die weiß Nachtjack die goldne Kett um den Hals – und nun bewundert sie und bedauert, daß es die Nachbarn von rechts und links und gegenherüber nicht gesehn haben! »Nun!« sag ich, »schweig sie mit ihrem Lamento, es ist emal vorbei; hätt ich ehnder dran gedacht, so hätt ichs freilich ihne zeigen können, es würde sie im ersten Augenblick, wo sie noch den Schreck in alle Glieder hatten über meine bewußte Arretierung, noch mehr gefreut und überrascht haben!« – »Ach!« ruft die Lieschen, »die hab ich gleich wieder beisammen, es ist ja nit weit hin!« und eh ich ihr auf ihre Dummheit Kontraorder geben kann, klappt sie mit ihre Pantoffel die Trepp hinunter, ich hör die Haustür gehn, ich lieg da in der Nachtjack im Bett mit meiner goldne Kett, mit meine Kirschen; ich denk: Was soll das werden, alle Leut liegen um ein Uhr in der Nacht im tiefsten Schlaf; seit wieviel Jahr hat ein gesunder Frankfurter die Stern am Himmel um diese Zeit nicht gesehn; und nun poltert mir die Lieschen die Menschen zusammen! – Ja, richtig, da kommen sie schon mit angepoltert! – Nun, morgen wird die ganze Stadt sagen, ich wär nicht recht gescheut. – Jetzt, der erst Gesell, der die Tür aufmacht, sein der Herr Doktor Lehr. »Ei, um Gottes wille, wie kommen Sie daher?« – »Ei, wie ich eben in Wagen steigen will bei der Frau Schaket, die eben mit einem kleinen Sohn niedergekommen sind, da kommt Ihr Hausjungfer Lieschen Hals über Kopf daher gerennt, und im Vorbeirenne frägt sie, ob ich nicht wollt die schöne Kett sehen, die Ihne der König von Preußen mit eigne Hände hat um den Hals gehängt!« – Ei, die Lieschen ist ja imstand und redet die ganz Stadt auf, um die Kett zu sehn, und morgen werden die Leut sagen, ich war nicht recht gescheut! – Nun, weil der Doktor Lehr in Bewundrung über meine Kette dastehn, so kommen die andern nachgepoltert, die all von der Lieschen und ihrer Neugierd wieder aus dene Betten getrummelt waren, und ich hat nicht weniger wie zehn Personen im Zimmer und ein fürchterlich Geschnatter! Ich sagt aber nichts und ließ sie gucken und Glossen machen und aß ruhig meine Kirschen auf, und mit der letzte Kirsch da sagt der Doktor Lehr: »Nun werd ich meine Kindbetterin, noch eh ich nach Haus fahr, besuchen, und werd von der golderne Kett noch erzählen!« – »O«, sag ich, »schicke Sie mir nicht auch noch die Stadthebamm übern Hals!« – Jetzt, kaum war der Doktor Lehr fort, so empfehle sich auch die Nachbarsleut und bedanke sich, und ich mach meine Entschuldigungen, daß die Lieschen ohne mein Wille sie hat wieder aus den Betten geholt, sie gaben aber dem Lieschen ganz recht! – Nun, wie sie der Tür drauß waren und ich hör die Haustür gehn, war ich froh, daß ich endlich bei mir allein war. Aber da knistert was an der Tür! – Mein Schrecken! – ich denk, da ist am End heimlich ein Spitzbub hereingeschlichen, ich schrei um Hilf, ich will eben ans Fenster springen und die Nachbarsleut wieder herbeirufen, die noch nicht weit sein könne, da ich die Absätz von ihre Schuh deutlich in der Fern widerhallen hör auf dem Straßenpflaster. Aber da kommt ja wahrhaftig die Frau Ahleder herein, die Stadthebamm, und sagt, der Herr Doktor Lehr hätts ihr gesagt, ich hätts erlaubt, daß sie noch dürft komme und die goldern Kett sehn! – »Ja«, sag ich, »Frau Ahleder, sehe Sie nach Gefallen, aber ich bitt Sie um Gottes willen, sagen Sies heut niemand wieder, damit ich doch noch einen Teil von der Nachtruh genießen kann!« – Nun, die war auch die letzt Nachtvisit, aber acht Tag hintereinander strömte alle Leut zu mir, und ich mußte viele alte Bekanntschafte erneuern und viel neue machen wegen der Kett und mußt meine Geschicht von alle Seite erzähle, wo ich dann unendlich viel Variation dabei angebracht hab und hab denen besuchende Neugierigen einem jeden noch apart mit eingeflochten, was ich meint, daß ihm not wär zu bedenken. Den ersten Tag war ich durchgewitscht ins Kirschenwäldchen, da sind sie mir ja all nachkommen zu Fuß und zu Wagen, und das ganze Kirschenwäldchen war gestopft voll Zuhörer, und die Gassenbuben haben Spalier gemacht um mich herum, und ich mußt eine Prachterzählung machen, und ich wärs beinah satt geworden, ich war froh, wie sich der erst Sturm gelegt hatte. Nun, heunt hab ich wieder einmal die alt Geschichte mit besonderm Pläsier aufgewärmt, und ich hoffe, daß sie Euch wird eingeleuchtet haben.

Friedrich Theodor Vischer:
Die Tücke des Objekts.

Vorbemerkung des Herausgebers.