Dieser 6. Band »Deutscher Humoristen« bringt zunächst die köstlichsten Stellen aus E. Th. A. Hoffmanns humorvoller Märchenerzählung »Klein Zaches genannt Zinnober«, mit der ergötzlichen Satire auf das Leben am Duodezhofe des Fürsten Barsanuph. Unsere moderne Zeit, in der die Freude an der Romantik wieder erwacht ist, bringt gerade diesem Dichter (1776–1822), in dem eine exzentrische Phantasie, ein Hang zum Dämonisch-Grausigen und ein kühner Humor sich vereinen, ein besonders lebhaftes Interesse entgegen.
Bettina von Arnim (1785–1859), Goethes junge Freundin, Clemens Brentanos Schwester und die Gattin Achim von Arnims, die das schönste Buch der Romantik »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« veröffentlichte, gehört mit ihrem ganzen Wesen zu den Romantikern. In ihrer kleinen Schilderung »Die Reise nach Darmstadt«, in der sie Goethes Mutter, die Frau Rat, reden läßt, zeigt sich auf das glücklichste ihr sprudelndes Erzählertalent, ihre beneidenswerte Gabe, die humorvollen Seiten der Dinge und Begebenheiten aufzufinden und mit sprühendem Temperament zu schildern.
Friedrich Theodor Vischer (1807–1887), der hervorragende Ästhet und Kunstkritiker, besaß eine für einen Mann der Wissenschaft ganz eigenartige Begabung für Humor, die in vielen Aufzeichnungen und Einfällen, in zahlreichen humoristisch-satirischen Liedern, die er als Student unter dem Namen Philipp Ulrich Schartenmeyer herausgab, ganz besonders aber in seinem großen Roman »Auch Einer« zu lebendigem Ausdruck kommt. Diesem Buch ist der in sich abgeschlossene Abschnitt »Die Tücke des Objekts« entnommen, in dem in grimmig-lustiger Laune die zahlreichen kleinen täglichen Widerwärtigkeiten geschildert werden, die uns das Leben oft zur Qual und zur Plage machen können.
Die folgenden drei Stücke sind humoristische Arbeiten neuerer Schriftsteller. Die beiden Erzählungen »Die militärpflichtige Tante« von Bayersdorfer (1842–1901) und »Der Eishund« von Henry F. Urban, der als deutscher Schriftsteller von Ruf in New York lebt, werden denen willkommen sein, die an launiger Erfindung und gemütvollem Humor ohne satirische Schärfe ihre Freude haben. Mit spitzerer Lanze tritt der Bayer Ludwig Thoma (geboren 1867) in die Schranke. Geistvoller Witz, zielsichere, nicht selten soziale Satire und ein übermütiger, bajuvarisch-derber Humor, der über alles Philisterliche der Welt ein herzhaftes Lachen anstimmt, mischen sich in diesem Schriftsteller, der mit seinen »Lausbubengeschichten« überall ein vergnügtes Gelächter geweckt hat. Die letzte Erzählung »Besserung« ist diesen köstlichen Bubengeschichten entnommen.
Gr.-Flottbek bei Hamburg.
Kurt Küchler.
E. Th. A. Hoffmann:
Aus »Klein Zaches genannt Zinnober«
Vorbemerkung des Herausgebers
Ein armes Bettel- und Bauernweib hat einen dreieinhalbjährigen Sohn, Klein Zaches genannt Zinnober, den häßlichsten Wechselbalg, den die Welt je geschaut und den man auf den ersten Blick für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz hätte ansehen können. Das Stiftsfräulein von Rosenschön, in Wirklichkeit die gütige Fee Rosabelverde, erblickt das kleine Ungetüm am Wege und über so viel Jammer und Elend entsetzt, will sie dem Wechselbalg helfen, soweit es in ihrer Macht steht. »Sie glaubt, alles, was die Natur dem Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge der alles, was in seiner Gegenwart irgend ein anderer Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf seine Rechnung kommen, ja, daß er in der Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher Personen auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet werden und überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung, mit der er im Konflikt, gelten muss.« Diesen Zauber legt die Fee in drei feuerglänzende Haare, die sich über den Scheitel des Wechselbalges ziehen. Und zum Schutze dieser wertvollen Haare, deren Entfernung den Zusammenbruch des Zaubers herbeiführt, verwandelt sie das von Natur struppige Haar des Kleinen in dichte Locken. Zur Stärkung des Zaubers aber frisiert die Fee das Haar des Wechselbalges jeden neunten Tag mit einem goldenen magischen Kamm.
So ausgerüstet zieht Klein Zaches nun in die Welt und nutzt den Zauber aus. Er kommt in das Haus Professor Mosch Terpins und an den kleinen Hof des Fürsten Barsanuph und gelangt dort auf die ergötzlichste Weise von der Welt zu den höchsten Ehren, bis der Student Balthasar, dessen Liebesglück Zinnober kraft seiner wundersamen Gabe bedroht, den Zauber bricht, und zwar mit Hilfe des Gelehrten Prosper Alpanus, der mächtiger in der Kunst der Magie ist, als die gütige Fee Rosabelverde.