Ein Heer von Zweifeln stürmt auf dich ein—hoffe auf Erleuchtung —sei der Erleuchtung gewiß.
*
Noch einmal:
Alles Urteil ist nur in dir.
Alles Urteil trägt sein gegen-Urteil unmittelbar und unablöslich
in sich.
Alles Urteil hebt sich mit gewechseltem Willen zu nichts auf.
Urteil hat in sich, Urteil hat in dir keine Geltung, ist
gleichgültig, gleich ungültig, bedeutungslos, sinnlos, leer, nichtig
in dir, nichtig in sich.
Du erkennst:
Was du urteilend mit widersprechenden Namen belegst, ist
willkürliche, in 'Gegen'teile auseinanderspaltende, an sich nichtige
Unterscheidung in dir.
Was von solcher Unterscheidung—in dir als Urteil—außer dir
als Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Kennzeichnung deiner
Gegen-wart im Verlangen, Kennzeichnung deiner Beziehung zum
gegen-Stand,—dein Standort, dein zu-Stand, dein ver-Stand.
Urteil und Eigenschaft ist deine Empfindung und nach-außen-
Verlegung—Auslegung deines innen-Befindens; deine Einbildung und
Widerspiegelung deiner Einbildung, das ist Vorstellung;
unbewußt-be-wußte Einbildung, bewußt-unbewußte Vorstellung—je nach
deinem Wachsen oder Welken im Atem dieser Welt; Atem des Verlangens:
Lust oder Unlust, Liebe oder Haß; je nach deiner Stimmung ist deine
Bestimmung des gegen-Standes; je nachdem dir zu Mute ist, deine
Zumutung an den Gegenstand; je nach deinem Verhalten dein Dafürhalten;
je nach deinem Befinden ist deine Empfindung; je nach deiner
Einstellung—deine Vorstellung.—Deine Auffassung, Beziehung,
Gesinnung, Neigung, dein Werden-ver-werden schafft Urteil, Namen und
Dinge.
Eines ist, was du urteilend willkürlich scheidest; Eines, was du
durch Willensgegensatz in dir zu Gegensätzen außer dir prägst—
Willensgestaltung, dein Wille und was wider deinen Willen wieder dein
Wille ist: Aus dir gewirkt, auf dich wirkend—Wirkung und
Wirklichkeit dieser Welt—deine eigene Schöpfung—du selbst.
Solches hast du klar erkannt.
*
Es gibt kein Urteil an sich.—Aufgegangen in dir ist diese Erkenntnis; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr abzuweichen. Bedeutungslos, wenn die verworren denkende Menge solcher Erkenntnis fern bleibt; bedeutungslos, wenn einsichtige und wohlwollende Männer vor solcher Erkenntnis zurückschrecken, wenn solche, die sich für Wissende halten, bisher nicht gleich dir erkannten; bedeutungslos, wenn solche Erkenntnis in keinem der zahllosen Geschöpfe dieser atmenden Welt aufgeleuchtet wäre—von Menschen keinem, von Göttern keinem—wenn du allein stündest mit solcher Erkenntnis—bedeutunglos; unerschüttert bleibt: es gibt kein Urteil. Urteil ist Wille, Wille ist Ich, Ich ist Urteil. Wie im ersten Samenerguß die ganze Menschheit ruht, so ruht alles Urteil im ur-Teil-Ich. Ich-Ur-Teil ist Ich-Urteil. Darum lehrt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig vollendete Buddha, daß alles Auffassen in der Ichheit ein Nicht-auffassen sei.
*
Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Begriffe, ausgelöscht alle dazwischen liegenden, alle verwandten Bezeichnungen, Beilegungen, Eigenschaften—ausgelöscht alles Urteil, alles An-sich sein dieser Welt. Alle Unterscheidung durch Urteil—Recht und Schuld, gut und böse, Lob und Tadel, schön und häßlich—Gebot, Verbot—bloße Namen, nur Worte die sogenannten ewigen Gesetze—müßige Fragen dem Wissenden. Ausgelöscht—vernichtet, worauf die Welt gebaut schien—Spiel deiner Seele, ein bloßes Bild, ein Traum—nicht ist Urteil, nicht sind diese Begriffe in Wahrheit. Solches hast du klar erkannt; von solcher Erkenntnis vermagst du ferner nicht mehr abzuweichen… es sei denn, daß du—über dieses hinaus—zu tieferer Einsicht zu gelangen vermöchtest.
*
In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, in deinem Herzen ist Unterscheidung und Wandel der Unterscheidung, in deinem Herzen die Schöpfung dieser Welt. Du selbst schaffst Zeit und Raum, du selbst bist Willen und Kraft, in dir ist Tat und Duldung, Ursache und Folge, Freiheit und Notwendigkeit; durch dich ist Verstand und Urteil, Recht und Schuld, gut und böse, schön und häßlich, durch dich ist diese Welt. Du bist Verlangen und Tat, Gesetz und Richter, Herr und Knecht, Schöpfer und Vernichter deiner Welt, deiner Welt Leben und Atmen— Atma— Ausgelöscht, vernichtet, was unantastbar, was ewig schien—und nur Eines besteht: Ich! Ich und die Welt, die das Ich sich schafft— die Welt mit allem Heil und Unheil, mit aller Herrlichkeit und aller Qual, aller Hoffnung und Enttäuschung, aller Hoheit und aller Nichtigkeit—die Welt des Guten und Bösen. Keine Welt ohne Ich und Verlangen, keine Welt ohne Tat und Tat Widerstand, keine Welt ohne Lust und Leid, keine Welt ohne gut und böse. Untrennbar ist Böses von Gutem, untrennbar Gutes und Böses von Ich und Welt. Ursprung des Bösen ist Ursprung des Ich. Das Böse zu treffen, triff dich selbst. Darum sagt Omar, der Zeltweber: "Ich selbst bin Himmel und Hölle". Dies ist Lösung der Frage, um die du mich angingst—Ursprung des Bösen—Quell alles Guten—restlose Lösung!
*