"O Teurer! Seit dem Tage Brahma stürmt unser Wohnsitz, die Erde, unaufhaltsam durch den Weltraum. Der segenspendende, totbringende Sonnenstrahl, mit jedem Augenblick rastlos vorrückend, weckt die Scharen der Geschöpfe aus tiefem Schlaf zu kurzem Tagesbewußtsein. Sie erwachen unter dem Einfluß des Erregers Savitar—und ihr erster klarer Antrieb ist, sich Nahrung zu verschaffen, um das Leben weiter zu fristen. Alsbald halten sie Ausschau nach einem schwächeren Genossen, um ihn zu berücken und zu fressen.—Sie selbst haben es sich so ins Herz gelegt: andere zu vernichten, um sich zu erhalten. "Zu solchem Ziele ist jede Verschmitztheit, jede Frechheit, jede List und Gewalt, jedes Unrecht erlaubt und geboten, und belohnt sich auf der Stelle. Jede Unentschlossenheit, jede Abschwächung des straffen, zielbewußten Willens, etwa aufkeimendes Mitleid, die leiseste bessere Regung, rächt sich unmittelbar: der Fang ist vereitelt und Hunger die Strafe. Darum Verdruß, wenn die Beute entgeht, und Herzensfreude, wenn sie röchelnd am Boden liegt.—Kein andrer Ausweg: um zu leben—erbarmungslos morden.—Einst wirst du erkennen, aus welcher Tiefe solches fließt. "So wird es ein gewohntes Handwerk, und seit Menschengedenken von Vater auf Sohn vererbt. Niemand weiß es anders, jedermann übt es unbedenklich aus, hält es lieb und wert, eignet sich willig die nötigen Kunstgriffe an und zieht dann, wohl ausgerüstet, tagtäglich nach lockender Beute aus. "Sehr bald wird der Raubende den Unterschied gewahr zwischen dem leicht und dem schwer zu erlangenden Fraß, zwischen der sicheren und der gefährlichen Jagd, zwischen der wehrlosen und der wehrhaften Beute, und er lobt das Eine und schilt das Andere, betrachtet das Eine mit Haß, das Andere mit Liebe, nur sich im Auge. Was sich fressen läßt, gefällt ihm und er nennt es gut; was sich nicht willig hergibt, was widersteht, was gar ihn selber angreift, mißfällt ihm und er nennt es schlecht und böse. Fressend hält er das Tun für löblich und recht, doch selbst gefressen für unrecht und böse. "Er trifft sonach sorgfältige Auswahl und vermeidet die Jagd auf seinesgleichen, eingedenk, daß Solche Waffen führen wie er selbst: der Kampf ist gefährlich, der Erfolg nicht sicher. Es ist geratener, Schwächere zu bekämpfen, dem gleich Wehrhaften möglichst aus dem Wege zu gehen; es ist vorteilhafter, sich mit ihm zu vertragen, gute Nachbarschaft zu halten—Frieden und Freundschaft, wenn solcher Nachbar, von gleicher Gier nach gleichem Ziel beseelt, zur Erlangung des Fraßes mitbehilflich ist. "Notgedrungen verbindet er sich mit Gleichgesinnten, jagt und raubt gemeinsam mit ihnen, achtet auch das eingegangene Bündnis, solange es ihm dienlich scheint. Bei guter Gelegenheit jedoch kehrt er sich gegen seinen Bundesgenossen, entwendet dem Überraschten die Beute, wiederholt das bequeme Spiel so oft als tunlich und knechtet endlich den milderen oder minder schlauen Gefährten dauernd zu seinem Dienste. "Sein böses Tun trägt ihm gute Früchte. Durch Bündnis oder Waffenstillstand nach außen leidlich gesichert, von Weib und Knecht im Jagen unterstützt, gewinnt er Zeit zur Überlegung. Er beginnt an den kommenden Tag zu denken und lernt allmählich sich die Nahrung für den Notfall zu sichern. "Er gewöhnt sich sein Gebiet bedachtsam abzujagen; er hegt und erhält sich den Bestand nach Möglichkeit für die Zeiten des Mangels; er schont das tragende Weibchen, sorgt für den heranwachsenden Wurf und zähmt ihn, um ihn besser zur Hand zu haben. Was er nun ehrlich erworbenes Eigentum nennt, behütet er sorgsam und schützt es entschlossen gegen hungernde Mitbewerber; schützt seine Herden mit Gefahr seines Lebens gegen fremde Fresser—zum Fraß für sich. "So im Gefühle gesicherter Nahrung schaut er mit Befriedigung und Wohlgefallen auf die anwachsende Herde und liebt sie mit aufrichtiger Liebe. Erbarmungsloser Räuber und treuer Hirte! Beides wächst aus derselben Wurzel und wird nur mit anderen Namen genannt—nur Worte, bloße Lautverschiedenheit. "Solchem Tun und Treiben haben sich seine Glieder, seine Sinne, sein Hirn, seine Denkungsweise angepaßt, er hat seine Gewohnheiten, seine Sitten, seine Gesetze darnach gebildet; er läßt sie sich nicht abstreiten, überwacht sie eifrig, hält, was er sein gutes Recht nennt, unentwegt aufrecht und erachtet es für heilig. "Das Rauben und Morden ist allmählich in fest gehandhabte und streng eingehaltne Ordnung gebracht, und alle Welt fügt sich freudig dieser Ordnung. Was jedermann an sich selbst als grauenvoll empfindet, wird dem Nächsten gelassen angetan. Es wird kaltblütig und mit Muße gemordet und in sanften Formen gefressen. Es ist nicht mehr das sterbende Tier im letzten vergeblichen Widerstand, mit brechendem Auge, stöhnend, blutübergossen—nein, es sind gesittet zubereitete Speisen und friedlich heitere Mahle. Es nimmt kein Vernünftiger Anstoß daran. Der Schmausende weiß sich von niederer Begierde frei, von unantastbarer Redlichkeit, auf der Höhe der Gesittung—und das Tier, das sich Herr der Schöpfung fühlt, nennt sich—Erkenntnis in ferner Dämmerung—Mensch, und seine Mitgeschöpfe—Nutzvieh. "Nutzvieh sind ihm auch seine Weiber; er hat sie gegen Mitbewerber unter Mühen erkämpft und hütet sie nicht ohne Not. Er überwacht sie, bürdet ihnen alle Mühen auf und mißbraucht sie zu jedem Dienst; er liebt sie, wie er seine Herden und seine Helfershelfer liebt. Er zankt und spielt wieder, flätscht die Zähne und liebkost, schmeichelt und läßt sich schmeicheln, liebt und verachtet, je nach Lust. "Und das Weib fühlt sich Mutter,—sie gebiert und sieht im Kinde sich selbst! Sie überschüttet den hilflosen Wurf mit der Liebe zu sich selbst, mit verschwenderischer, hingebender Liebe—jederzeit bereit, für ihr eigen Fleisch und Blut sich aufzuopfern. "Der Erzeuger folgt zögernd der Mutter: pflegt, überwacht, erzieht die Brut; lernt sie mit Gefahr seines Lebens schützen—ja in freudig aufgenommenem Kampfe vergißt er sich selbst und opfert sich für sein Kind. Was selbstlose Liebe heißt, ist auch in ihm aufgegangen. Er hat sich, gleich der Mutter, in einem von ihm abgetrennten, einem fremden Wesen—sich außer sich—wiedererkannt; hat sich geopfert, um sich im Kinde zu erhalten—selbstlos aus Selbstsucht. "Wie aus der Gier, sich bequemen Fraß zu sichern, Liebe zur Herde floß, so fließt aus starrer Selbstsucht: —Aufopferung und Selbstlosigkeit. Es ist dasselbe Tun und wird nur mit einem anderen Namen benannt. Selbstsucht, zu Ende gedacht, ist Selbstlosigkeit. "Dies ist einfach und erklärlich. Der du mich hörst, wiß' es: Dies ist das Wunder aller Wunder,—ist Quell und Ursprung, Geburt aller Gottheit, aller Welten, Geburt aller Welten—Vernichtung aller Welten; Samsara—Nirvana. "Die Welt ist Selbstsucht—Selbstlosigkeit unterliegt allüberall und siegt unablässig; erlischt und flammt auf, vergeht und wächst, ist und ist nicht—Nirvana in Samsara. "So, o Teurer, können wir Menschen nachdenkend uns dieses vorstellen.— "Doch, wie ein Elefant, der den Stachel des Führers nicht fühlt, vom Wege abirrt und über das Ziel hinausläuft,—so bin ich vom Gedanken abgewichen und habe mehr gesagt, als ich zunächst sagen wollte. "Wie auch das Tun und Treiben der Menschen erscheine, welch' hohe Bezeichnung es auch führe, welch' heiligen Namen es auch trage—in diesem wirr verschlungenen Reigen ist nur Ein Gedanke, nur Ein Ziel: das Leben, das eigene Leben!—Ich! Ich, das sich aus dem Fleisch und Blut des Nächsten aufbaut,—ich, das von der Vernichtung des Anderen lebt… "Folgst du meinen Worten, o Teurer?" —"Mit ganzer Seele!—Du hast, o Herr, die Entstehung menschlicher Gefühle dargelegt, den Wechsel und Wandel der Gefühle, die Umkehr des Gedankens und die letzte Grundlage alles menschlichen Tuns!—Wolle der Verehrungswürdige nunmehr auslegen, wie in dem Gesagten die Antwort auf unsere Fragen liegt?"— "Ich lehre es dich, o Teurer, du aber verstehst mich nicht. Ich habe es ausgesprochen, du aber hast es nicht gehört. "Wohlan denn! Da ich zunächst von der Quelle redete, aus der alles Tun fließt, ist dir nicht, o Teurer, der Gedanke aufgestiegen, daß es näher läge zu fragen, nicht wie das Böse, wohl aber wie das Gute in die Welt gekommen sei? Denn die Welt des Samsara ist durch Entzweiung, ganz im Banne des Zwiespalts, not- und leiderfüllt, ganz im Banne nimmer gestillten Verlangens, ganz im Banne ewig friedloser Tat, allen Qualen preisgegeben, preisgegeben dem Tode. Wie in solcher Welt konnte der Gedanke des Guten entstehen? "Indessen wie das Böse, oder wie das Gute in die Welt gekommen sei—beides sind müßige Fragen und die eine nicht besonnener als die andere. "Leicht zu durchschauen sind die Fragen, offen liegt die Antwort, nahe Erkenntnis, weit der Weg.—Aus dem Dickicht aberwitziger Torheit will ich dir den Elefantensteg treten, dich hinauszuführen zu sonnenklarer Einsicht. "Wie wenn Einer im pfadlosen Urwald irrend, vergeblich den rettenden Ausweg sucht und bei sinkender Nacht, zu Tode erschöpft und jedweder Hoffnung bar, sich zum Sterben zu Boden wirft—und erwacht am hellen Tage und erkennt die Umgebung und sieht sich nahe seiner Heimat—so erwachst du im Lichte der Erkenntnis und siehst dich nahe dem urewigen Ziel. "Ich führe dich aus blindem Wahn zu Erkenntnis, aus Todesgrauen zu Seeligkeit, aus Verlangen zu Erfüllung—und leuchten möge uns das Licht des Veda, das Licht des Veda!"
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So lautet in Aranada-Upanishad die Prüfung; nunmehr die
Unterweisung: Akasha, dieser atmenden Welt Erscheinung.
II. VERKÖRPERUNG DER WELT — âkâsha —
O Teurer! Zu dem, was ich dir zu sagen gedenke, behalte vor Augen: Alle große Wahrheit ist gedacht, verkündet alles große Wissen; uns bleibt uralter Weisheit nachzuleben. Beachte wohl: Erkenntnis offenbart sich wortlos; die Upanishad, um gehört zu werden, muß in Worten reden. Laß dein Verständnis nicht an Worten haften; Worte sind Hindernis der Erkenntnis: denke und erfasse über Worte hinaus. Ehe wir zur Höhe ansteigen, gehen wir im Tale den betretenen Pfad —glaube nicht zu schauen, ehe du dich dem Gipfel näherst. Wähne nicht zu erkennen, ehe du den tief innersten Gedanken der Upanishad in dich aufgenommen hast—: aller Welten Ziel: das Erwachen aus der Erscheinung.
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Also ist die erste Unterweisung: — AKASHA — dieser atmenden Welt zeiträumliche Erscheinung. Stelle dir vor, o Teurer, es umfasse die enge Klause, in der wir weilen, die ganze Welt, und es sei kein empfindendes Wesen darin; was wäre auszusagen? Nichts; ohne Empfindung kein Urteil. Du betrittst den Raum—und aus dem Nichts schafft sich Erscheinung, Bewegung und Gestaltung; Körper, Eigenschaften, Kräfte, Wirkung, Entfaltung, Leben in endloser Fülle und endlosem Wechsel; aus deiner Empfindung—die Welt. Alsbald erscheint dir dieser Raum groß oder klein, hoch oder niedrig, hell oder dunkel, heiß oder kühl, schön oder häßlich oder in irgend einer Beziehung deinen Sinnen erwünscht oder unerwünscht, und zwischen diesen Gegensätzen alle Abstufung deiner Empfindung. Den Boden, auf dem du stehst, fühlst du unter dir, die Decke siehst du über dir; die Pforte, durch die du eingetreten bist, ist hinter dir; vor dir, weiten Ausblick gewährend, der offene Bogen; diese geschlossene Wand hier ist zur Linken, jenes die rechte Seite des Raumes. Dies sind Bezeichnungen, Urteile, die unbestreitbar scheinen,— dennoch, sobald jemand dir gegenüber tritt, behauptet er, die Seite, die du mit rechts bezeichnest, sei die linke, und nennt die Wand, die du links nennst, die rechte. Beider Urteile können nicht zutreffend sein; sie widersprechen sich, sind Gegensätze, die einander ausschließen, zu nichts aufheben. Hier geschieht das Wunder, daß eines mit einer bestimmten Bezeichnung und gleichzeitig mit dem Gegenteile dieser Bezeichnung belegt wird. Wer von den Urteilenden hat recht? Keiner—oder, wenn du willst, beide. Die Wand ist beides: rechts und links, also auch keines von beiden, weder rechts noch links. Keine Lösung, auch wenn etwa der Gegenüberstehende zu dir herüberträte und nun, in gleicher Stellung wie du, dir und deinem Urteil beistimmte. Gesetzt, es traten noch mehr zu dir, einsichtige Männer, gelehrte Brahmanen, solche, die sich für Wissende halten, und alle waren eines Urteils: die bezeichnete Wand des Raumes sei die rechte;—wenn von allen zahllosen Wesen seit Zeiträumen ohne Zahl nie anders erkannt worden, wenn es ein ewiger Glaubenssatz der Menschheit wäre und hieße frevelhaft daran zu rühren—die Wand bleibt, was sie wahrhaft ist, weder das eine noch das andre, weder rechts noch links. Alle die, welche mit dir in der Benennung der Wand übereinstimmen, stehen mit dir auf gleichem Stand, vertreten deinen Standpunkt, sind deine Standesgenossen, nichts mehr. Wechselst du deinen Standort und trittst dir selbst gegenüber, so widersprichst du dem eigenen Urteil: aus rechts ist links, aus links ist rechts geworden. Das Urteil ist in dir; an der Wand selbst haftet nicht ein Hauch von den Unterscheidungen rechts und links. Wie der Schatten eines vorüberfliegenden Vogels am Boden nicht haftet, so haftet nichts von diesen Unterscheidungen an der Wand, in keiner Gestalt, in keinem Sinne, weder offen noch verborgen, weder hier noch dort, weder heute noch je.
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Dies, wovon ich dir rede, ist selbstverständlich; folge mir weiter. Stelle dir vor, o Teurer, der Raum, von dem wir reden, sei kreisförmig gezimmert. Du dürftest nicht mehr die ganze Wand, sondern nur eine Stelle der Wand, eine einzige körperlose, nur in Gedanken zu fassende Linie mit rechts oder links bezeichnen, und diese Linie würde bei jeder Bewegung von dir, vor oder rückwärts schwankend, eine andere Stelle der Wand treffen. Sodann: denkst du dir, dem Gedanken weiter folgend, den Raum, von dem wir reden, in den Hohlraum einer Kugel verwandelt und dein Stand sei im Mittelpunkte dieser Hohlkugel, so trifft die Bezeichnung rechts oder links je einen einzigen körperlosen, nur in Gedanken zu fassenden Punkt, und jede leise Abweichung von diesem einen Punkt spielt schon in fremde Verhältnisse hinuber: vorn, hinten, oben, unten. Jede deiner Bewegungen, jeder Atemzug, jeder Herzschlag läßt die Unterscheidungen rechts und links durcheinanderschwirren wie die Farben auf einer Seifenblase, und du kannst, je nachdem du dich wendest oder beugst, willkürlich jeden Punkt der Hohlkugel mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht mit rechts und mit links bezeichnen. Die Gegensätze rechts und links haften an dir, sie bewegen sich mit dir, folgen dir, wenden sich mit dir; sie stehen und gehen, sie ent-stehen und ver-gehen mit dir. Rechts und links ist da, wo du es willkürlich hinverlegst, überall—nirgends. In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene Schöpfung die Unterscheidung rechts und links; du überträgst eigene Schaffung—Eigenschaft—aus dir hinaus, nichts mehr; an sich ist kein rechts und kein links, einzeln nicht und zusammengenommen nicht. Die Urteile heben sich gegenseitig auf, nichts bleibt—in dir allein sind die Unterscheidungen. Doch frage dich, o Teurer, wo bestünden in dir die Unterscheidungen, wenn du dir vorstellst, daß du dich in deinem eigenen Körper umzuwenden vermöchtest; woran könnten die Merkmale rechts und links in dir haften, wenn du dich kugelförmig gestaltet vorstellst, oder wenn du dich formlos, körperlos denkst?
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