[Ich:]
I. Ich, erst, in Verlangen, Urteil, Tat sich schaffend, will das
Leben, begehrt, hofft, will tun, bejaht den Gedanken zu solcher Zeit
blind:
"ich will dich fressen, will nicht von dir gefressen werden."
[Ich in zeitlichem Gegensinn:]
III. Ich, dann, nach aufgegebenem Tun, von treibender
Lustempfindung frei, nicht mehr begehrend, ver-setzt sich in die Lage
des Opfers, ver-stellt sich auf den Standpunkt des Gegners, versteht
ihn, mit leidend, steht ihm bei,—urteilt nun von also
entgegengesetztem Stand mit der Zeit ver-ständig, erkennend, wechselt
mit gewechseltem Stand seine Ansicht, wendet sich im Gedanken,
widerspricht sich selbst, gibt sich auf, will dulden, will den Tod:
lustlos vergehend:
"ich will mich fressen lassen, will nicht fressen"
Es ist ein Gedanke, der sich im Ich ausspricht, gleichviel wie sich das Ich verlangend zum Gedanken stellt, es bleibt Ein Gedanke, gleichviel ob Ich den Gedanken tun, oder ob Ich den Gedanken dulden will, gleichviel ob das Ich, erfüllt vom Gedanken, sich Henker oder Opfer fühlt—kâma, Verlangen.
*
Dieselbe zeitliche Wendung im angegriffenen, im widerstehenden Ich
—Wechsel von nicht-Duldung zu Duldung—
Ich wollte nicht und will dann nicht das Gegenteil des zuerst
nicht Gewollten. Ich wollte die Tat nicht dulden—jetzt will ich die
Tat nicht tun.
[Ich im 'Gegen'stand, das ist: nicht-Ich:] II. Ich, angegriffen, verabscheut die Tat, widersteht, verteidigt blind seinen Standort, will nicht dulden; in Leid aufflammend: "ich will nicht von dir gefressen werden, will dich fressen!"
[nicht-Ich im zeitlichem Gegensinn:] IV. Ich, nach aufgegebenem Widerstand, im Übermaß des Leides nichts mehr erhoffend, weder begehrend noch verabscheuend, gibt den bisher verteidigten Standort auf, ver-stellt sich auf den Standort des Henkers, ver-steht ihn, urteilt jetzt vom also entgegengesetzten Standort erkennend, will dulden, nicht tun, leidlos vergehend: "ich will dich nicht fressen, will mich von dir fressen lassen!"
Unberührt bleibt der Gedanke—Unterscheidung ist im Ich, im zeitgespaltenen, im gewechselten Willen des Ich. Wille ist Ausdruck des Ich. Kein Wille ohne Ich, kein Ich ohne Willen. Wille ist Ich, Ich ist Wille. Dies ist Kâma, Verlangen im Ich als wechselnder Wille atmend; Verlangen im selben Ich zeitlich in gegen-Teile gespalten erscheinend im Ich und wieder im Ich; Ich in zwei Zeit-zu-Ständen; Ich-zwie-Spalt.
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Erkenne zunächst: Gegensatz, Widerspruch, Zwiespalt, Entzweiung, Teilung, im Verlangen erscheinend, ist nicht an sich, ist willkürliche, durch gegensätzlichen Ich-stand—in sich, außer sich—in-gegen-Teile aus-ein-ander-spaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir, von scheinbarer Verschiedenheit,—ununterschieden in sich; von scheinbarer Bedeutung—bedeutungslos an sich; aus dir gewirkt—auf dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser deiner eigen-geschaffenen Welt—nicht Wahrheit. Was als Gegensatz im Verlangen erscheint, ist in dir, ist Kennzeichnung deiner zeiträumlichen gegen-Wart, deines da-Seins, ist Ausdruck deiner Beziehung zum gegen-Stand, ist deine Auffassung, deine Gesinnung, deine an-Teil-nahme, deine Stimmung, deine Lust oder un-Lust zum eigenen, gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken, ist Empfindung in dir und Auslegung, das ist nach außen ver-Legung deines inne-Befindens, ist deine ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner Einbildung, das ist: Vorstellung; Inhalt deiner Seele, Verlangen, aus dir geboren, deine eigene Schöpfung—du selbst. Unberührt bleibt der Gedanke, unbewegt wie im Sturm der Sonnenstrahl, gleichviel, ob Ich das Verlangen aufnimmt oder abweist, den Gedanken hofft oder fürchtet, liebt oder haßt, bejaht oder verneint, anzieht oder abstoßt, tut oder duldet, will oder nicht will; gleichviel, ob Ich, vom Gedanken beseelt Lust oder Unlust empfindet, ob Ich sich Freund oder Feind, Herr oder Knecht, Henker oder Opfer fühlt, gleichviel ob Ich frei will oder wollen muß, gleichviel ob der Gedanke in Ich oder Ich im Gedanken oder der Gedanke Ich ist.— Alle Unterscheidung ist im Ich, im atmenden Willen Ich. Wille ist Ich Zustand, Wille ist Ich Ausdruck. Kein Willen ohne Ich, kein Ich ohne Willen. Wille ist Ich, Ich ist Wille—kâma, Verlangen. Die Welt denkt nur einen Gedanken—aus dem 'Ich' ist endlose Mannigfaltigkeit dieser Welt.