Dies, wovon ich dir rede, ist selbstverständlich; folge mir weiter. Stelle dir vor, o Teurer, der Raum, von dem wir reden, sei kreisförmig gezimmert. Du dürftest nicht mehr die ganze Wand, sondern nur eine Stelle der Wand, eine einzige körperlose, nur in Gedanken zu fassende Linie mit rechts oder links bezeichnen, und diese Linie würde bei jeder Bewegung von dir, vor oder rückwärts schwankend, eine andere Stelle der Wand treffen. Sodann: denkst du dir, dem Gedanken weiter folgend, den Raum, von dem wir reden, in den Hohlraum einer Kugel verwandelt und dein Stand sei im Mittelpunkte dieser Hohlkugel, so trifft die Bezeichnung rechts oder links je einen einzigen körperlosen, nur in Gedanken zu fassenden Punkt, und jede leise Abweichung von diesem einen Punkt spielt schon in fremde Verhältnisse hinuber: vorn, hinten, oben, unten. Jede deiner Bewegungen, jeder Atemzug, jeder Herzschlag läßt die Unterscheidungen rechts und links durcheinanderschwirren wie die Farben auf einer Seifenblase, und du kannst, je nachdem du dich wendest oder beugst, willkürlich jeden Punkt der Hohlkugel mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht mit rechts und mit links bezeichnen. Die Gegensätze rechts und links haften an dir, sie bewegen sich mit dir, folgen dir, wenden sich mit dir; sie stehen und gehen, sie ent-stehen und ver-gehen mit dir. Rechts und links ist da, wo du es willkürlich hinverlegst, überall—nirgends. In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene Schöpfung die Unterscheidung rechts und links; du überträgst eigene Schaffung—Eigenschaft—aus dir hinaus, nichts mehr; an sich ist kein rechts und kein links, einzeln nicht und zusammengenommen nicht. Die Urteile heben sich gegenseitig auf, nichts bleibt—in dir allein sind die Unterscheidungen. Doch frage dich, o Teurer, wo bestünden in dir die Unterscheidungen, wenn du dir vorstellst, daß du dich in deinem eigenen Körper umzuwenden vermöchtest; woran könnten die Merkmale rechts und links in dir haften, wenn du dich kugelförmig gestaltet vorstellst, oder wenn du dich formlos, körperlos denkst?

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Und endlich—von unserer Klause hier ging ich aus—stelle dir vor, dieses hier sei die ganze Welt und außer dir kein empfindendes Wesen darin —und du selbst seist nicht— —verschwunden sind die in Rede stehenden Unterscheidungen, ausgelöscht, in nichts gesunken; sind nicht und waren nicht; Spiel deiner Seele—wesenlose Erscheinung. Du hast erkannt: Die Vorstellungen rechts und links sind nicht an sich, sind in Gegensätze zerfallene, an sich nichtige Unterscheidungen in dir; von scheinbarer Verschiedenheit—ununterschieden an sich; von scheinbarer Bedeutung—bedeutungslos an sich; aus dir gewirkte Wirklichkeit dieser Welt—nicht Wahrheit. Was von diesen Unterscheidungen—in dir als Urteil,—außer dir als Eigenschaft des Gegenstandes erscheint, ist nur Kennzeichnung deines Standortes im Raum, dein zu-Stand zum gegen-Stand, deine eigen gewählte Haltung, dein beliebiges Verhalten—dein Verhältnis zu den Dingen im Raum; deine frei-willig eingenommene Stellung— vor-Stellung, will-kürlich aus dir geschaffen, Ausdruck deines Willens, aus dir geboren, deine eigene Schöpfung—du selbst.

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Und ferner desgleichen: Dem gefundenen Ergebnis in betreff der gegenteiligen Unterscheidungen rechts und links schließen sich unmittelbar und in allen Stücken an die gegenteiligen Unterscheidungen vorn und hinten, oben und unten. Beim ersten flüchtigen Hinschauen zwar scheint es, als beharrten die Urteile oben und unten auch unabhängig von dir und deiner jeweiligen Stellung, als bliebe oben oben und unten unten, welche Lage du auch einnimmst. Stellst du dir aber vor, daß jemand, auf der Erdkugel stehend, mit erhobenem Arm den Ort am Himmel bezeichnen wollte, den er für oben hält, und dicht neben ihm stünde ein zweiter, dasselbe tuend, so weichen die von ihnen als oben bezeichneten Punkte schon voneinander ab und in unendlicher Entfernung stehen sie unendlich weit auseinander. Trüge nun jeder Fleck der Erdkugel solche nach oben Weisende, jeder von ihnen vermöchte nur sein Oben, nicht das Oben zu weisen und desgleichen jeder von ihnen nur sein Unten, nicht das Unten, und das Urteil eines jeden widerspräche dem Urteil aller übrigen, und jeder Punkt des Himmels trüge mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht die Bezeichnung oben und die Bezeichnung unten. In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene Schöpfung die Unterscheidung: oben und unten. Oben und unten ist da, wo du es willkürlich hinverlegst, oben und unten ist das, was du willkürlich so nennst. Was hier oben ist, ist dort unten; was jetzt unten ist, ist dann oben; du wechselst deinen Standort nach Gefallen und deine Anschauung wechselt mit ihm: oben ist unten, unten ist oben —die Urteile heben sich durch Gegenurteil auf, nichts bleibt. Ich sage dir nichts Neues, ich erinnere dich nur.

Und ferner desgleichen alle verwandten Bezeichnungen, alle Richtung, Maß, Begrenzung, Verhältnis vorstellenden Urteile und alle übrigen auf Raum und Dinge im Raum übertragenen, wie rechts und links, wie vorn und hinten, wie oben und unten, in Gegenteile zerfallenden, aus dir geschaffenen, außer dir erscheinenden, an sich nichtigen Merkmale und Namen. Alles Maß ist in dir; alles Verhältnis, Ausdruck deines Verhaltens; aller Gegenstand in Beziehung zu deinem Willen oder Unwillen; aller Gegensinn in dir selbst.

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Räumliche Vorstellungen und Urteile erscheinen unsicher und schwankend, sie greifen ineinander über, verfließen ineinander, jede der Vorstellungen beginnt im Herzen der andren— Die Wahrnehmungen erscheinen gepaart, erscheinen eine die andre bedingend, sind nur durch gegenseitige Beziehung, sind nur durch Gegensatz zueinander— Von getrennten Standorten aus widersprechen sich die gegenteiligen Unterscheidungen, verneinen einander, heben einander zu nichts auf— Räumliche Verhältnisse sind nicht an sich, sind nur in dir, entsprechen in dir deinem gegenwärtigen Standort, deiner gegen-Wart; wechselst du deinen Standort, so wechselt mit deinem Gesichtspunkt deine Anschauung, die Urteile widersprechen sich auch in dir, verneinen sich gegenseitig auch in dir, heben sich auch in dir zu nichts auf— Räumliche Unterscheidung hat an sich, hat in dir keine Geltung, ist gleichgiltig, gleich ungiltig, bedeutungslos, leer, nichtig—in dir, an sich; Erscheinung—nicht Wahrheit.

Du erwägst: Raum an sich ist leer und bestimmungslos, wie vermöchten an leerem Raum räumliche Verhältnisse zu haften? Und du erkennst: Was dir in räumlicher Anschauung als Verschiedenheit erscheint, ist willkürliche, durch gegensätzlichen Standort in Gegensätze auseinanderspaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir—aus dir gewirkt, auf dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt, nicht Wahrheit. Was von solchen Unterscheidungen—in dir als Urteil—außer dir als Eigen-schaft der Dinge erscheint, ist Ausfluß deiner Eigen-heit, Abbild deiner selbst; ist dein Verhalten und Verhältnis zu den Dingen, dein Stand und ver-Stand, dein zu-Stand zum gegen-Stand; Kennzeichnung deiner Stellung zum gegen-ständlich aufgefaßten Gedanken—deine vor-Stellung; ist Aus-legung deines innen-Lebens, Ent-gegnung deines Empfindens, sinnliche Ant-wort seelischer Bewegung, wider-Schein der von dir be-lieb-ten Wertung, Ausdruck deiner frei-will-igen Teilnahme, deiner will-kür-lichen Auffassung, deiner Wahl-verwandtschaft, deiner wechselnden Neigung und Gesinnung, ist dein Atem in Lust und Unlust, in Liebe und Haß; ist Ausdruck deines wechselnden Verlangens, deiner Willkür—Inhalt deiner Seele, aus dir gezeugte Über-zeugung, deine eigene Schöpfung—du selbst.

Solches hast du klar erkannt, daran halte fest, unverbrüchlich.
—Eigengeschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften.—