Ich rate Dir, versuch’ in den Geist jedes einzelnen Stückes auf Deine eigne Weise einzudringen und Dich nicht eher zufrieden zu geben; niemals aufzuhören bei dem ausschließlich Technischen. Je öfter Du auf diese Weise Dich selbst erwärmt hast, um so wahrer machst Du es zuletzt. Um so leichter fällt es Dir von Stück zu Stück.

Gestern bekam ich einen Brief von Franz Beyer, Griegs bestem Freund und Nachbar, mit den flehentlichsten Bitten, „Olav Tryggvason“ für ihn fertig zu schreiben. Ja, so ist es; alle wollen sie mich ausnutzen, alle, alle. Ich soll bei allem mit dabei sein, für die Interessen aller. — Kürzlich erhielten wir einen ungemein wichtigen Brief von Ejnar, er gibt gute Ratschläge für den Kampf des Tages hier daheim; als ob er von China aus eingreifen könnte! — Björn hat zwei rasend amüsante Sachen im Dagbl. geschrieben unter der Spitzmarke „Ein Zivilist“.

Ja, nun reißen sie mir den Brief weg. Hier ist Schneesturm; man sieht nicht zwanzig Ellen weit. Nett.

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, jetzt bekommst Du den „Professor“! „Die Unversöhnlichen“ von Garborg ist gar nichts wert. — Wir lesen täglich Kiellands Blatt; es ist geschmeidig, flüssig und klug geschrieben. Er ist offenbar für Politik veranlagt. Gerade jetzt zeigt er sichere Gewandtheit, während seine ganze Familie sich insolvent erklärt hat; es sieht aus, als wollten sie wieder festen Fuß fassen, und dabei wird er von allen seinen mannigfaltigen Kräften als Leiter einer Zeitung unterstützt. Vielleicht glückt es. „Monogamie und Polygamie“ ist in 11000 Exemplaren verkauft und verkauft sich ständig weiter, also Gift für Bohémiens.

Meine liebe Bergliot, die Sache mit Deinem Heimweh ist wohl auch ein bißchen Verzärtelung, weil Du niemanden hast, an den Du Dich anschließen kannst. In dieser Hinsicht ist Paris auch sonderbar; man kann jahrelang dort leben und kommt nirgendwo hinein. Oder es ist unsre eigne Schuld. Ich schrieb an Sansot, er solle Dich aufsuchen, vielleicht tut er es. — Danke dem lieben Werenskjold für seinen Brief. Dank’ ihm für all seine Güte und Treue in dem alten, schweren Jahr, ihm wie seiner Frau! Ich bin so überbürdet mit Briefen und so gedankenleer, mitten in meiner Schreiberei, daß es ihm nicht ein Jota nützte, wenn er einen Brief von mir bekäme. Nicht ein Jota. — Denke Dir, jetzt ist es erwiesen, daß noch bis ins vorige Jahrhundert Frauen in allen Handwerken vertreten waren (wie noch heute in Frankreich!); die Bürgerbriefe wurden auf Mann und Frau ausgestellt, und sie hatte Spielraum für ihre Talente; erst in diesem letzten Jahrhundert ist sie auch hier herausgedrängt worden. Gleichzeitig ist nachgewiesen, daß sie in der ersten christlichen Kirche Pfarrer war, die Sakramente austeilte, taufte, und daß sie erst im 7. Jahrhundert und im Mittelalter überhaupt so gewaltig unrein und sündig wurde, daß sie mit etwas so Heiligem nicht mehr betraut werden konnte. Und zwei Arten von Einflüssen waren es, die diese Ausschließung verursachten, ein heidnischer von dem Griechen Aristoteles her, der „das Männliche“ so hoch hielt, und ein christlicher (eigentlich ein Einfluß, der durch das Judentum in das Christentum kam), wonach die Asketen (die Selbstquäler) das Weib verfluchten. — Aber nun sind wir in dem großen Revolutionsjahr, nun soll es anders werden!

Dein Freund Vater.

Liebe Bergliot, nur ein paar Worte in aller Eile! Herzlichen Dank für Deine treffenden Briefe, die uns jedesmal so viel Neues erzählen. Du hast doch wohl das siebente und achte Heft von Darwin gelesen. Ist „Die Entstehung der Arten“ ein Weltereignis ersten Ranges, so ist ein so lebensvoller Einblick in die Werkstätte, wo sie geworden ist, einzig in der Weltliteratur. Dieses sei die Einleitung für Deine Lektüre. Es sollen Dir ein paar Bücher von hier zugeschickt werden unter der Bedingung, daß Du sie an Ejnar weiterschickst. Auch werde ich für Dich etwas aus dem „Dagblad“ herausschneiden, das ich übersetzen ließ und zurechtgestutzt habe.

Wir bekommen lange prächtige Briefe von Ejnar, und Du kannst Dir denken, wie es uns freut. Er ist also ebenso frei von aller Art Verlobung wie Du. So kommt sie — falls sie kommen soll — um so reifer und überlegter, so daß Rücksicht auf eine gesunde Familie und gutes moralisches und intellektuelles Erbe genommen wird. So etwas darf nicht länger auf gut Glück und Zufall beruhen. Jonas Lies Buch ärgert mich, weil er mit seinem Talent sich zum Stile Krohgs und Jägers herabgelassen hat, der nur Eintagswert besitzt und einen dürftigen Stoff wie die englischen Blaustrumpf-Romane in die Länge zieht. Das hier sollst Du Werenskjold wortgetreu vorlesen. Und ihn sollst Du grüßen wie meinen Bruder, und sie sollst Du umarmen und küssen von mir. Peters älteste zwei Mädels sind hier zu Besuch bei den zwei jüngsten. Sie sind ganz prächtig allesamt, und ich denke bei mir selbst — wenn auch in unserer Familie Fehler sein mögen wie in den meisten —, stolz und innerlich wahr ist sie von Grund aus. — Wie herrlich es jetzt hier ist, das spottet jeder Beschreibung mit Feder und Pinsel; das mußt Du Werenskjold sagen. Noch ist der norwegische Winter nicht geschildert, nicht vom Landschafts- noch Figurenmaler, und am allerwenigsten vom Klein- oder Stillebenmaler. Nein, bloß ein winziges Stück umzäunten Hofes mit Aussicht auf die Baumstämme eines Hügels, wo sie so dicht stehen, daß der Schnee nicht auf den Boden durchschlüpfen kann! Grüß’ Inga!

Dein Freund Vater
B. B.