Hans blieb stehn, als erwarte er, was weiter geschehen würde; Öyvind erhob sich, sah sich vorsichtig um, und dann sagte er leise: „Nun will ich dir sagen, Hans, weshalb ich bisher so fröhlich war; das kam daher, daß ich niemand so recht liebgehabt habe; aber von dem Tage an, wo wir jemand wirklich liebhaben, sind wir nicht mehr fröhlich“ — und er brach in Tränen aus.
„Öyvind!“ flüsterte es draußen auf dem Hofe; „Öyvind!“ Er blieb stehn und lauschte. — „Öyvind!“ ertönte es noch einmal, etwas stärker. Es mußte die sein, an die er dachte. — „Ja,“ antwortete er ebenfalls flüsternd, trocknete schnell die Augen und trat hinaus. Da kam eine Frauengestalt langsam über den Hof. — „Bist du da?“ fragte sie. — „Ja,“ antwortete er und stand still. — „Wer ist da bei dir?“ — „Hans!“ — Aber Hans wollte gehn. — „Nein, nein,“ bat Öyvind. Sie kam jetzt, wenn auch langsam, dicht an sie heran; es war Marit. — „Du gingst so schnell fort,“ sagte sie zu Öyvind. Er wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Dadurch wurde auch sie verlegen; sie schwiegen alle drei. Hans aber schlich sich unbemerkt fort. Die beiden blieben stehn, sahen sich nicht an, rührten sich aber auch nicht. Da flüsterte sie: „Ich bin schon den ganzen Abend mit einem kleinen Weihnachtsgeschenk für dich in der Tasche umhergegangen, Öyvind, aber ich habe es dir bis jetzt nicht geben können.“ — Sie zog einige Äpfel, ein Stück Honigkuchen und eine kleine Flasche aus der Tasche, steckte es ihm zu und sagte, er solle es behalten.
Öyvind nahm es. — „Danke,“ sagte er und reichte ihr die Hand; die ihre war warm, er ließ sie gleich wieder los, als habe er sich verbrannt. — „Du hast heute abend viel getanzt.“ — „Ja, das habe ich getan,“ antwortete sie; „aber du hast nicht viel getanzt,“ fügte sie hinzu. — „Nein,“ sagte er. — „Weshalb hast du es nicht getan?“ — „Ach — —“
„Öyvind!“ — „Ja!“ — „Weshalb saßest du da und starrtest mich so an!“ — „Ach!“
„Marit!“ — „Ja!“ — „Weshalb mochtest du es nicht, daß ich dich so ansah?“ — „Da waren so viele Menschen!“ —
„Du hast heute abend viel mit Jon Hatlen getanzt!“ — „Ach ja!“ — „Er tanzt gut!“ — „Findest du?“ — „Findest du es nicht?“ — „Ach ja!“
„Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich kann es heute abend nicht ertragen, daß du mit ihm tanzt, Marit!“ — Er wandte sich ab, es hatte ihn Überwindung gekostet, dies zu sagen. — „Ich verstehe dich nicht, Öyvind.“ — „Ich verstehe es selber auch nicht, es ist so dumm von mir. — Leb wohl, Marit, jetzt will ich gehn.“ — Er tat einen Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach: „Das ist falsch, was du zu sehen geglaubt hast, Öyvind.“ — Er blieb stehn: „Daß du jetzt ein erwachsnes Mädchen bist, ist nicht falsch gesehen!“ — Er sprach nicht aus, worauf sie gewartet hatte, deswegen schwieg sie; plötzlich aber sah sie das Glühen einer Pfeife dicht vor sich; es war ihr Großvater, der gerade um die Ecke gebogen war und an ihr vorüberkam. Er blieb stehn: „Bist du hier, Marit!“ — „Ja!“ — „Mit wem sprichst du?“ — „Mit Öyvind!“ — „Mit wem, sagtest du?“ — „Mit Öyvind Pladsen!“ — „Ach, mit dem Häuslerjungen aus Pladsen; komm sofort mit mir hinein!“
5
Als Öyvind am nächsten Morgen die Augen aufschlug, erwachte er aus einem langen, erquickenden Schlaf und glücklichen Traum. Marit hatte auf dem Berge gelegen und Laub auf ihn herabgeworfen; er hatte es aufgefangen und wieder hinaufgeworfen. In tausend Farben und Figuren war es auf und nieder geflattert; die Sonne schien darauf, und der ganze Berg schimmerte von oben bis unten. Als er erwachte, sah er sich um, in der Hoffnung, alles wiederzufinden; da entsann er sich aber des gestrigen Tages, und er empfand wieder denselben stechenden heftigen Schmerz in der Brust. Den werde ich wohl nie wieder los, dachte er, und eine Schlaffheit kam über ihn, als versinke die ganze Zukunft vor ihm.
„Jetzt hast du lange genug geschlafen,“ sagte die Mutter; sie saß nebenan und spann. „Steh jetzt auf und iß! Dein Vater ist schon im Walde und fällt Holz.“ — Es war, als hülfe ihm diese Stimme; ein wenig mutiger stand er auf. Die Mutter dachte wohl an die Zeit, wo sie selber getanzt hatte; denn sie saß am Spinnrad und trällerte eine Tanzmelodie vor sich hin, während er sich ankleidete und aß. Deswegen mußte er vom Tisch aufstehn und an das Fenster treten; dieselbe Schwere und Unlust legte sich auf ihn, er mußte sich zusammennehmen und an die Arbeit denken. Das Wetter war umgeschlagen, die Luft war ein wenig kälter geworden, so daß das, was gestern als Regen gedroht hatte, heute als feuchter Schnee niederfiel. Er setzte seine Pelzmütze auf, zog Schneestrümpfe, eine Seemannsjacke und Fausthandschuhe an, sagte Lebewohl und ging mit der Axt über der Schulter von dannen.