Die Aufstellung war beendet, der Pfarrer kam, es wurde eingeläutet, und die Kirchgänger strömten herein. Da sah Öyvind Marit Heidehöfen gerade vor sich stehn, auch sie sah ihn; beide aber waren so ergriffen von der Heiligkeit des Ortes, daß sie nicht wagten, sich zu begrüßen. Er sah nur, daß sie strahlend schön war und schwarzes Haar hatte, mehr sah er nicht. Öyvind, der seit länger als einem halben Jahre so stolze Pläne darauf gebaut hatte, daß er ihr gerade gegenüberstehn würde, vergaß, als es so gekommen war, den Platz und sie, und daß er jemals an so etwas gedacht hatte.
Als alles vorüber war, kamen Verwandte und Bekannte, um ihre Glückwünsche abzustatten; dann kamen seine Kameraden, um Abschied von ihm zu nehmen, da sie gehört hatten, daß er am nächsten Tage reisen solle; dann kamen viele kleinere Kinder, mit denen er auf den Hügeln Schlitten gefahren war, und denen er in der Schule geholfen hatte, und der Abschied ging nicht ganz ohne Tränen ab. Zuletzt kam der Schulmeister, er reichte ihm und den Eltern schweigend die Hand und machte ihnen ein Zeichen, daß sie gehn sollten, er würde sie begleiten. Die vier waren wieder zusammen, und jetzt sollte es der letzte Abend sein. Unterwegs nahmen noch viele von ihm Abschied und wünschten ihm Glück, miteinander aber sprachen sie nicht, ehe sie daheim in der Stube waren.
Der Schulmeister bemühte sich, sie bei gutem Mut zu erhalten; es fehlte nicht viel, daß sie alle drei ein Grauen befiel vor der zweijährigen Trennung, jetzt, wo es soweit war, da sie bisher noch nicht einen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keins wollte es sich merken lassen. Je mehr sich der Tag neigte, um so beklommener wurde Öyvind; er wollte hinausgehn, um sich ein wenig zu beruhigen.
Es war schon halb dunkel, und ein eigentümliches Sausen ging durch die Luft; er blieb auf der steinernen Schwelle stehn und sah zum Himmel empor. Da hörte er vom Rande des Berges seinen Namen rufen, ganz leise; es war keine Täuschung, denn es wiederholte sich zweimal. Er sah auf und gewahrte eine weibliche Gestalt, die zwischen den Bäumen kauerte und herabsah. — „Wer ist da?“ fragte er. — „Ich höre, daß du fortreisen sollst,“ sagte sie leise, „da mußte ich zu dir kommen, um dir Lebewohl zu sagen, da du nicht zu mir kommen willst.“ — „Liebe, bist du es! Ich will zu dir hinaufkommen!“ — „Nein, tu das nicht, ich habe schon so lange gewartet, und da müßte ich noch länger warten; niemand weiß, wo ich bin, ich muß eilen, nach Hause zu kommen.“ — „Es war hübsch von dir, daß du gekommen bist,“ sagte er. — „Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß du so abreisen solltest, Öyvind; wir haben einander gekannt, seit wir klein waren.“ — „Ja, das haben wir.“ — „Und nun haben wir ein halbes Jahr lang nicht miteinander gesprochen.“ — „Nein, das taten wir nicht.“ — „Wir gingen damals auch so sonderbar auseinander.“ — „Ja — ich glaube, ich muß doch zu dir hinaufkommen.“ — „Ach nein, tu das nicht! Aber sag mir, du bist mir doch nicht böse?“ — „Liebe, wie kannst du das nur glauben!“ — „So leb denn wohl, Öyvind, und hab Dank für alles, was wir zusammen erlebt haben.“ — „Nein, Marit!“ — „Ja, jetzt muß ich gehn, sie werden mich vermissen.“ — „Marit! Marit!“ — „Nein, ich wage es nicht, länger fortzubleiben, Öyvind. Lebe wohl!“ — „Lebe wohl!“
Wie im Traum ging er den Rest des Abends einher und antwortete wie aus weiter Ferne, wenn man ihn anredete; sie schrieben es der Abreise zu, was ja ganz natürlich war, und auf diese war auch seine ganze Aufmerksamkeit gerichtet in dem Augenblick, als der Schulmeister am Abend Abschied nahm und ihm etwas in die Hand gab, was, wie er hinterher sah, ein Fünftalerschein war. Als er sich dann aber später niederlegte, dachte er nicht mehr an die Abreise, sondern an die Worte, die vom Bergrande herabgekommen und hinaufgegangen waren. Als Kind durfte sie nicht auf die Bergwand hinaufkommen, weil der Großvater fürchtete, daß sie herabfallen könnte. Vielleicht kommt sie doch noch herab!
8
Liebe Eltern!
Jetzt haben wir viel mehr zu lernen bekommen, aber jetzt bin ich den andern auch mehr nachgekommen, so daß es nicht mehr so schwer ist. Und wenn ich nun wiederkomme, werde ich viel auf Vaters Stelle verändern; denn da ist vieles verkehrt, und es ist wunderbar, daß es so lange gegangen ist. Aber ich werde es alles in Ordnung bringen, denn ich habe jetzt viel gelernt. Ich habe große Lust, auf eine Stelle zu kommen, wo ich alles das verwerten kann, was ich jetzt gelernt habe; deswegen muß ich mir eine große Stelle suchen, wenn ich fertig bin. Hier sagen alle, Jon Hatlen sei nicht so tüchtig, wie bei uns zu Hause gesagt wird, aber er hat einen eignen Hof, so daß es keinen andern angeht als ihn selber. Viele, die von hier fortkommen, erhalten hohen Lohn; aber sie werden so gut bezahlt, weil unsre Ackerbauschule die beste im Lande ist. Einige sagen, daß eine im nächsten Bezirke noch besser sei, aber das ist gar nicht wahr. Hier sind zwei Worte: das eine heißt Theorie und das andre Praxis, und es ist gut, wenn man sie beide hat, denn das eine ist nichts ohne das andre, das letzte ist aber doch das beste. Und das erste Wort bedeutet die Kenntnis der Ursache und des Grundes zu einer Arbeit, das zweite aber bedeutet, die Arbeit ausführen können, wie zum Beispiel jetzt mit einem Sumpfe, denn da sind viele, die wohl wissen, wie sie es bei einem Sumpfe machen sollten, die es aber trotzdem verkehrt machen, denn sie können es nicht. Viele aber können es und wissen es nicht, und daher kann es auch verkehrt gehn, denn es gibt vielerlei Arten von Sümpfen. Aber wir auf der Ackerbauschule, wir lernen beide Worte. Der Direktor ist so flink, daß sich keiner mit ihm messen kann. Bei der letzten landwirtschaftlichen Versammlung, wo sie aus dem ganzen Lande zusammenkamen, stellte er zwei Fragen auf, aber die Direktoren der andern Ackerbauschulen stellten jeder nur eine auf, und es wurde immer so, wie er es sagte, wenn sie sich die Sache erst ordentlich überlegten. Aber auf der letzten Versammlung, wo er nicht war, da redeten sie nur Unsinn. Den Leutnant, der die Landesvermessung lehrt, hat der Direktor nur wegen seiner großen Tüchtigkeit bekommen, denn die andern Schulen haben keinen Leutnant. Aber er ist so flink, daß er auf der Leutnantschule der allerbeste gewesen sein soll.
Der Schulmeister fragt, ob ich in die Kirche gehe. Freilich gehe ich in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer einen Hilfsprediger bekommen, und der predigt so, daß ihnen allen in der Kirche ganz bange wird, und das ist ein Vergnügen zu hören. Er gehört zu der neuen Religion, die sie in Christiania haben, und die Leute finden, daß er zu strenge ist, aber das ist ihnen nur heilsam.
Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir früher nicht gelernt haben, und es ist merkwürdig, alles zu sehen, was in der Welt vorgegangen ist, namentlich aber bei uns. Denn wir haben immer gewonnen, ausgenommen wenn wir verloren haben, und da sind wir sehr in der Minderzahl gewesen. Jetzt haben wir Freiheit, und die hat kein Volk in so hohem Maße wie wir, ausgenommen Amerika, aber da sind sie nicht glücklich. Und unsre Freiheit sollen wir über alles andre lieben.