I hele Kjaerlighedens Kor,

som hun af Hjaertet tror.

Seine Stimme war berückend; eine solche Liebesbotschaft hatte noch keiner je gehört. Jetzt waren außer Ella noch andere da, die Tränen in den Augen hatten.

Sie standen eine Weile, als warteten sie auf einen weiteren Vers, — daher Stille; aber dann brach ein Beifall los, desgleichen niemand je gehört hatte. Sie wollten das Lied noch einmal hören. Aber noch hatte keiner je erlebt, daß Axel Aarö etwas zweimal hintereinander gesungen hatte. Sie mußten es also aufgeben.

Ella hatte das Lied nie gehört, weder die Worte noch die Töne. Als er anfing, den Blick auf sie gerichtet, glaubte sie umfallen zu müssen; etwas so unerhört Kühnes hatte sie nicht geahnt. Er, sonst so wortkarg, rücksichtsvoll und zurückhaltend, ihr dies entgegenzusingen, so daß alle es hörten! Weiß wie die Wand, an die sie sich stützte, bekam sie eine solche Atemnot, daß sie sich nach Hilfe umsehen mußte. Gleich hinter ihr, ebenfalls auf der Bank, stand Frau Holmbo, magnetisiert, schön wie eine Statue.

Sie sah nicht mehr von Ellas Not als von der Uhr auf dem Marktplatz. Diese absolute Teilnahmslosigkeit kühlte sie ab; sie kam wieder zu sich. Die Gegenwart der andern, die ihr so entsetzlich gewesen, hatte ja nichts zu bedeuten, solange keiner was begriff. Schließlich hörte sie ohne Angst zu. Den zweiten Vers ganz und gar. Heimlicher, reizender konnte es ihr nicht gesagt werden, obgleich alle zuhörten. Wenn er sie nur nicht angesehen hätte! Wenn sie sich nur hätte verstecken können! —

Sobald der letzte Ton verhallte, sprang sie herunter. Unten zwischen all den Schultern fand sie ihre Schamhaftigkeit wieder, ihren wonneerfüllten Traum, ihr Geheimnis in bräutlicher Kleidung. Was war doch geschehen, und was würde nun das nächste sein? Rund umher funkelnde Augen, jubelnde Stimmen, klatschende Hände, — war das nicht wie Fackeln und Huldigungsrufe, war das nicht auch für sie mit? Drinnen nur er und sie, — all die andern draußen! —

Der Tanz begann sofort, — und sie hinein! Hinein, als sei alles ihr zu Ehren, oder als sei sie die einzige! Ihre Kavaliere versuchten einer nach dem andern mit ihr zu plaudern, aber es nützte nichts. Sie lachte, — lachte ihnen in die Augen, als wären sie verrückt, und sie allein die verständige. Sie tanzte, strahlte, lachte aus den Armen des einen hinüber in die Arme des andern. So daß Hjalmar Olsen, als er seinen Walzer bekam, gleichsam achtzehn frische Bouquets und ein „Hjalmar Olsen soll leben!“ entgegennahm. Er fühlte sich mehr als geschmeichelt. Als sie ihren Arm wie harmlos fröhliches Kindergeplauder auf seinen schwarzen Frack legte, fühlte er, daß er eigentlich ebenso unwürdig sei wie Peter Klausson. Er wollte sie wahrlich nicht entweihen; er hielt sie tadellos weit von sich, und als ihm war, als lache sie, und er das Gesicht der kleinen Person irgendwo unten an seiner Weste erspähen wollte und auf dieser Expedition mehr zu sehen bekam, als er sehen durfte (denn er hob ihre Arme so schrecklich hoch hinauf), da schämte Hjalmar Olsen sich und starrte beim Weitertanzen wie ein Nachtwandler geradeaus in den Saal. Tanzte in Selbstgefühl und Entzücken fort über Stock und Stein. Ella versuchte dann und wann den Boden zu berühren; sie wünschte ein mehr sicheres Einhalten des Takts. Unmöglich. Das besorgte er alles selbst, sowohl ihr Tanzen wie sein eigenes, sowohl ihren wie seinen Takt; den Tanzboden erreichte sie nicht anders als zum Besuch; im übrigen war es eine Luftreise. Er hörte sie von unten her lachen; es freute ihn, daß sie sich wohlbefand. Aber er sah sie nicht. Die, mit denen er Zusammenstöße hatte, freuten sich weniger; das war ihre Sache. Er war vollständig verblüfft, als die Musik aufhörte; jetzt wollten sie ja erst allen Ernstes anfangen. Aber er mußte sie an der unfreiwilligen Haltestelle absetzen.

Gleich darauf wieder Gesang. Zuerst vom Verein allein; dann von ihm und Aarö zusammen Griegs „Landkjending“. Schließlich sang Aarö zum Klavier. Diesmal hatte Ella sich hinter die allerletzten verkrochen. Da diese aber beständig vorwärts drängten, blieb sie allein stehen. Dabei befand sie sich wohl; sie sah ihn, aber er sah sie nicht; er blickte auch nicht dorthin, wo sie stand.

Sie kannte das Lied nicht, wußte nicht einmal, daß es existierte, obgleich sie bei den ersten Worten und Tönen hörte, daß andere es kannten. Natürlich wußte sie, daß weder Worte noch Musik von ihm seien; aber gleichwie er das vorige Mal gewählt hatte, was zu jener dringen konnte, für die er singen wollte, zweifelte sie nicht daran, daß er jetzt dasselbe tat. Schon die ersten Worte: „Mein junges Lieb’ den Schleier trägt“ — heimliche Liebe kann ja kein wahreres Bild finden! Es war wiederum an sie! Daß der Schleier nur für ihn gehoben wurde, daß er fällt, sobald ein anderer hinsieht, — war das nicht so, wie es zwischen ihnen werden mußte? Daß das Geheimnis der Liebe einem Heiligtum gleicht, daß es das höchste Glück auf Erden birgt — sie erbebte beim Wiedererkennen! Die Töne schütteten die Worte wie kalte Wogen über sie; dieses Verständnis bis zum Verrat machte sie zu Eis erstarren. Sie bebte vor Angst und Wonne zugleich. Niemand sah sie, das war ihre Rettung. Sie fürchtete jedes neue Wort, bevor es kam, und jedes brachte neues Erbeben. Die Arme an den Busen gedrückt, den Kopf über die Hände gebeugt, stand sie da und zitterte wie in Wasserfluten. Und als der zweite Vers mit seiner letzten Zeile kam, und besonders als sie wiederholt wurde, wollten die großen Tränen aufsteigen — wie schon einmal früher im selben Saal. Sie stemmte sich mit aller Kraft dagegen; aber die Erinnerung daran, wie schlecht es damals gegangen, schwächte die Widerstandskraft; sie war nahe daran zu schluchzen, als das Lied auch dieses Wort brachte! Das Zusammentreffen war zu großartig, es schob alle Erregung beiseite, sie hätte jetzt laut auflachen mögen. Nun war sie ganz, ganz sicher! So kam es, daß die letzte Zeile des Liedes in ihrem klaren Sinne, in ihrem jubelnden Zusammenempfinden sie traf — wie ein Blitzstrahl, wie ein Messerstich bis ans Heft.