Er saß allein und lauschte dem Gesang; die Sonne fiel gerade auf die Mädchenschar, so daß ihre weißen Hemdärmel schimmerten. Dann und wann faßte die eine die andre um; sie tanzten über die Wiese hin, der Pate mit dem Stock hinterher, weil sie ihm das Grummet niedertraten. Arne dachte nicht mehr an die Träume; er sah bald überhaupt nicht mehr zu den Mädchen hin; seine Gedanken zogen sich wie feine Sonnenfäden über das Tal, und er saß allein auf dem Hügel und spann. Ehe er's recht wußte, war er mitten in einem dichten Gewebe von Schwermut; er sehnte sich hinaus in die Welt, wie noch nie. Er nahm sich das feste Versprechen ab, sowie er nach Hause komme, mit der Mutter drüber zu reden; es mochte gehen, wie es wolle.
Seine Gedanken wurden immer mächtiger und strömten in das Lied aus: "Über die hohen Berge." So schnell waren ihm nie die Worte gekommen und nie hatten sie sich so sicher aneinandergefügt; sie waren fast wie die Mädchen, die im Kreise auf dem Hügel saßen. Er hatte ein Stück Papier bei sich und schrieb auf seinen Knien, und als er das Lied zu Ende geschrieben hatte, stand er wie erlöst auf, mochte nicht unter Menschen, sondern ging den Waldweg heimwärts, obschon er wußte, er werde dann die Nacht mit zu Hilfe nehmen müssen. Als er unterwegs zum erstenmal Rast machte, wollte er das Lied herausholen und es weithin schmettern; aber da hatte er es liegen lassen, wo er es gemacht hatte.
—Eins der Mädchen suchte ihn auf dem Hügel und fand ihn nicht, wohl aber das Lied.
Zehntes Kapitel
Mit der Mutter zu reden, war leichter gedacht als getan. Er machte Anspielungen auf Kristian und die Briefe, die nicht kamen; aber die Mutter wandte ihm den Rücken, und tagelang hinterher war ihm, als habe sie rotgeweinte Augen. Er hatte auch noch ein anderes Merkmal dafür, wie es stand,—nämlich, daß er besonders gutes Essen bekam.
Eines Tages mußte er hinauf in den Wald und Holz holen. Der Weg führte mitten durch den Forst, und gerade an der Stelle, wo er Holz fällen wollte, wurden im Herbst immer Preißelbeeren gepflückt. Arne hatte die Axt aus der Hand gelegt, um die Jacke auszuziehen, und wollte gerade an die Arbeit gehen, als zwei Mädchen mit ihren Beerentöpfen des Wegs kamen. Er versteckte sich lieber, als mit Mädchen zusammenzutreffen, und das tat er jetzt auch.
"Nein, aber nein, die vielen Beeren! Eli, Eli!"—"Ja, ja, ich sehe schon!"—"Aber so geh doch nicht weiter! hier sind ja Eimervoll!"—"Raschelt es da nicht im Busch?"—"Ach, wirklich!" und die Mädchen drängten sich aneinander und faßten sich um. Sie standen eine lange Zeit so still, daß sie kaum atmeten. "Es ist doch wohl nichts; wir wollen ruhig pflücken."—"Ja, ich glaub' auch, wir pflücken ruhig."—Und nun pflückten sie.—"Es war nett von Dir, Eli, daß Du heut ins Pfarrhaus kamst.—Hast Du mir denn auch was zu erzählen?"—"Ich bin bei dem Paten gewesen."——"Ja, das hast Du mir gesagt;—aber hast Du mir nichts von dem Bewußten zu erzählen?"—"O doch!"—"Ach wirklich? Eli, ist das wahr? Schnell, so erzähl' doch!"—"Er ist wieder bei uns gewesen!"—"Ist nicht möglich!"—"Doch, ganz gewiß; die Eltern taten, als sähen sie es nicht; ich aber lief auf den Boden und versteckte mich."—"Weiter, weiter! Kam er dann nach?"—"Ich glaube, Vater hatte ihm gesagt, wo ich war; Vater ist doch immer so!"—"Und dann kam er? Setz' Dich, setz' Dich hier zu mir!—Also, dann kam er?"—"Ja, aber gesagt hat er nicht viel; er war so schüchtern."—"Jedes Wort muß ich wissen, hörst Du, jedes Wort!"—"Hast Du Angst vor mir?" sagte er. "Warum sollt' ich Angst haben?" sagte ich. "Du weißt, was ich von Dir will", sagte er und setzte sich neben mich auf die Truhe.—"Neben Dich!"—"Und dann faßte er mich um die Taille."—"Um die Taille, ist's möglich?"—"Ich wollte mich gern wieder frei machen, aber er wollte mich nicht loslassen. Liebe Eli, sagte er—", sie lachte und die andere lachte auch.—"Nun? Nun?"—"Willst Du meine Frau sein?"—"Ha, ha, ha!"—"Ha, ha, ha."—Und dann beide: "Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha!—"
Endlich mußte das Lachen doch ein Ende nehmen, und dann blieb es lange still; da fragte die erste ganz leise: "Du,—war das nicht komisch, als er Dich um die Taille faßte?"
Entweder antwortete die andere hierauf nicht oder doch so leise, daß man es nicht hören konnte, vielleicht auch nur mit einem Lächeln. Nach einer Weile fragte die erste: "Haben Deine Eltern nachher was gesagt?"—"Vater kam herauf und sah mich an, aber ich verkroch mich immer; denn er lachte, wenn er mich ansah."—"Aber Deine Mutter?"—"Nein, die sagte nichts; aber sie war nicht so streng wie sonst."—"Ja, Du hast ihn also ausgeschlagen?"—"Natürlich."—Dann blieb es wieder lange still.
"Du?"—"Ja—?"—"Glaubst Du, zu mir kommt auch mal so einer?"—"Ja, natürlich!"—"Wär's möglich!—Haha!—Du, Eli!—Und wenn der mich nun um die Taille faßte?"—Sie steckte den Kopf weg.