Als alles zu Ende war, kamen die Verwandten und Bekannten um ihre Glückwünsche anzubringen, dann kamen auch seine Kameraden und wollten ihm Adieu sagen, denn sie hatten gehört, daß er am andern Tage reisen würde; es kamen auch viele von den Kleineren, mit denen er Schlitten gefahren war, und denen er so oft in der Schule geholfen hatte, und da ging der Abschied nicht ohne Tränen ab. Zuletzt kam der Schulmeister, drückte ihm und den Eltern stumm die Hand und bedeutete ihnen, sie wollten gehen; er wollte sie begleiten. Die Vier waren wieder beisammen, und dies sollte nun der letzte Nachmittag sein. Unterwegs trafen sie noch viele, die ihm Adieu sagten und ihm Glück wünschten, sonst aber sprachen sie nicht zusammen, bis sie daheim in der Stube saßen.

Der Schulmeister versuchte sie bei gutem Mut zu erhalten; denn jetzt, da es soweit war, bangten alle drei vor der zweijährigen Trennung, weil sie bis jetzt keinen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keiner wollte es wahrhaben. Je weiter der Tag vorrückte, desto gedrückter wurde Öyvind; er mußte ins Freie gehen, um sich ein bißchen zu beruhigen.

Es war schon halbdunkel, und in der Luft brauste es seltsam; er blieb auf den Steinfliesen stehen und blickte empor. Da hörte er vom Bergrande her seinen Namen rufen, ganz leise; es war keine Täuschung, denn es wurde zweimal gerufen. Er sah hinauf und gewahrte, daß eine weibliche Gestalt zwischen den Bäumen kauerte und herabschaute. "Wer ist da oben?" fragte er.—"Ich habe gehört, Du willst fort," sagte sie leise, "da mußte ich doch zu Dir kommen und Dir Adieu sagen, wenn Du nicht zu mir kommst."—"Margit, liebe Margit, bist Du es wirklich? Wart', ich komme gleich hinauf."—"Nicht doch. Ich habe schon so lange gewartet, und da müßte ich ja noch länger warten; keiner weiß, wo ich bin, und ich muß schnell wieder nach Hause."—"Es ist nett von Dir, daß Du gekommen bist", sagte er.—"Ich konnte es nicht ertragen, daß Du so abreistest, Öyvind, wo wir uns von klein auf gekannt haben."—"Das stimmt."—"Und jetzt haben wir ein halbes Jahr lang kein Wort miteinander gewechselt."—"Nein, das stimmt."—"Wir sind das letzte Mal so komisch auseinandergekommen."—"Ja;—aber ich glaube, ich komme doch lieber hinauf zu Dir."—"Ach nein, bitte nicht! Aber sag' mal: Du bist mir doch nicht böse?"—"Liebe Margit, wie kannst Du so was denken?"—"Na, dann Adieu, Öyvind, und Dank für alles Schöne, was wir zusammen erlebt haben!"—"Nein, Margit!"—"Ja, jetzt muß ich fort; sie werden mich wohl schon vermissen."—"Margit, Margit!"—"Nein, ich kann nicht länger fortbleiben, Öyvind. Lebwohl!"—"Lebwohl!"

Nachher ging er wie im Traum umher und antwortete wie geistig abwesend, wenn er gefragt wurde; sie erklärten sich das mit der Abreise, und diese nahm auch sein ganzes Interesse in Anspruch in dem Augenblick, als sich der Schulmeister abends von ihm verabschiedete und ihm etwas in die Hand drückte, was sich nachher als ein Fünftalerschein herausstellte. Aber später, als er im Bett lag, dachte er nicht an die Abreise, sondern an die Worte, die an der Bergwand getauscht waren. Als Kind hatte sie nicht zur Bergwand hingedurft, weil der Großvater Angst hatte, Margit könne hinunterfallen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch mal herunterkäme.

Achtes Kapitel

Liebe Eltern!

Jetzt haben wir viel mehr zu arbeiten bekommen, aber jetzt habe ich die andern auch schon mehr eingeholt, so daß es mir nicht mehr so schwer wird. Und jetzt werde ich sehr viel in Vaters Wirtschaft verändern, wenn ich wieder nach Hause komme; denn da ist manches verkehrt angefangen, und es ist merkwürdig genug, daß es überhaupt bis jetzt gegangen ist. Aber ich will schon Zug hineinbringen, denn ich habe jetzt viel gelernt. Ich möchte wohl irgendwohin, wo ich alles verwerten kann, was ich jetzt weiß; deshalb muß ich mir eine große Stellung suchen, wenn ich fertig bin. Hier sagen alle, Jon Hatlen ist gar nicht so tüchtig, wie man bei uns zu Haus denkt; aber er hat ja einen eigenen Hof, so daß es keinen außer ihn selbst was angeht. Viele, die von hier abgehen, bekommen sehr hohen Lohn; aber sie werden so gut bezahlt, weil wir die beste Ackerbauschule im ganzen Lande sind. Manche sagen, im Nachbaramt ist noch eine bessere, aber das ist wohl nicht wahr. Hier hört man immerzu zwei Worte: das eine heißt Theorie und das andere Praxis, und es ist gut, wenn man alle beide hat, und das eine ist ohne das andere nichts wert, aber das zweite ist doch das beste. Und das erste Wort bedeutet, daß man von einer Arbeit die Ursache und den Grund kennt, aber das andere Wort bedeutet, daß man die Arbeit auch ausführen kann, wie zum Beispiel jetzt mit dem Sumpf. Denn es gibt viele, die wissen, was man mit einem Sumpf macht, aber verkehrt machen sie es doch, denn sie können es nicht. Aber viele könnten es und sie wissen es nicht, und dann wird's auch verkehrt, denn es gibt viele Arten Sümpfe. Doch hier auf der Ackerbauschule lernen wir beides. Der Direktor ist so tüchtig, daß sich keiner mit ihm messen kann. Auf der letzten landwirtschaftlichen Landesversammlung hatte er zwei Fragen zu behandeln, und die Direktoren von den andern Ackerbauschulen jeder bloß eine, und es wurde immer das beschlossen, was er beantragte, wenn die andern es sich erst überlegt hatten. Auf der Versammlung vorher aber, wo er nicht war, da haben die andern bloß gequatscht. Den Leutnant, der uns im Feldmessen unterrichtet, hat der Direktor auch bloß wegen seiner eigenen Tüchtigkeit bekommen, denn die andern Schulen haben keinen Leutnant. Unserer aber ist sehr tüchtig und soll auf der Offiziersschule der allerbeste gewesen sein.

Der Herr Lehrer fragt, ob ich auch in die Kirche gehe. Natürlich gehe ich in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer hier einen Hilfsprediger erhalten, und der predigt, daß den Leuten in der Kirche angst und bange wird, und es ist eine Freude, ihn zu hören. Er ist von der neuen Religion, die sie in Kristiania haben, und die Leute behaupten, er sei zu streng, aber das ist ihnen ganz gesund.

Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir vorher noch nicht gehabt haben, und es ist seltsam, was alles in der Welt geschehen ist und besonders bei uns. Denn wir haben immer und immer gesiegt, außer wenn wir geschlagen wurden, aber dann sind wir immer viel, viel kleiner gewesen. Jetzt sind wir frei, so frei wie kein andres Volk außer Amerika, aber da sind sie nicht glücklich. Und unsere Freiheit sollen wir über alles lieben.

Jetzt will ich für diesmal schließen, denn ich habe sehr viel geschrieben. Der Herr Lehrer liest Euch wohl den Brief vor, und wenn er für Euch antwortet, soll er mir auch von allerlei Leuten was Neues erzählen; denn das tut er nie. Nun seid vielmals gegrüßt von Eurem dankbaren Sohn