Für Thrond wurde eins auf dem Fußboden gemacht. Wie er so dalag, fror ihn an der Seite, die dem Herd abgekehrt war, und das war die linke. Ihm fiel ein, das komme daher, daß die eine Seite in der nächtlichen Kälte bloß lag; denn er lag ja mitten im Walde. Wie war er nur in den Wald gekommen? Er richtete sich auf und blickte sich um, und das Feuer brannte in weiter Ferne, und er lag wirklich allein im Walde; er wollte nach Hause gehen zum Feuer, kam aber nicht von der Stelle. Da überfiel ihn große Angst; denn hier konnten Ungeheuer hausen und Hexen und Gespenster; heim mußte er zum Feuer, aber er kam nicht von der Stelle. Da wuchs seine Furcht, er raffte seine ganze Kraft zusammen, schrie "Mutter"—und wachte auf. "Mein Junge, Du träumst so schwer", sagte sie und nahm ihn auf den Arm.
Ihn überlief ein Schauder, und er sah sich um. Der Fremde war fort, und er wagte nicht nach ihm zu fragen. Die Mutter kam in ihrem schwarzen Kleid herein und ging ins Dorf. Zurück kam sie mit zwei andern Fremden, die auch schwarzes Haar und flache Hüte hatten. Sie sagten auch nicht "in Jesu Namen" vorm Essen, und sie sprachen leise mit dem Vater. Nachher ging er mit ihnen in die Scheune und kam mit einem großen Kasten wieder heraus, den sie zwischen sich trugen. Den setzten sie auf einen Schlitten und verabschiedeten sich. Da sagte die Mutter: "Wartet einen Augenblick und nehmt den kleinen Kasten mit, den er bei sich hatte." Und sie ging ins Haus, um ihn zu holen. Einer der Männer aber sagte: "Den kann der kriegen", und zeigte auf Thrond. Der andere fügte hinzu: "Brauch' sie ebensogut wie der Mann, der jetzt hier liegt", und er deutete auf den großen Kasten. Da lachten beide und zogen von dannen. Thrond besah sich den kleinen Kasten, den er auf diese Weise bekommen hatte. "Was ist da drin?" fragte er. "Trag ihn hinein und sieh nach", sagte die Mutter. Er tat es, und sie half ihm beim Öffnen. Da strahlte sein Gesicht vor Freude, denn er sah etwas Leichtes, Feines darin liegen.—"Hol' es heraus!" sagte die Mutter. Er tippte nur mit einem Finger darauf, aber voll Entsetzen zog er ihn wieder zurück. "Es weint!" sagte er. "Nur Mut!" sagte die Mutter, sie griff mit der ganzen Hand zu und nahm das Ding heraus. Er wog es und drehte es hin und her, er lachte und streichelte es: "Mutter, was ist das?" fragte er, es war so leicht wie ein Spielzeug. "Das ist eine Fiedel."
Auf die Art bekam Thrond Alfson seine erste Geige.
Der Vater konnte ein wenig spielen, und er brachte dem Jungen die ersten Griffe bei. Die Mutter konnte Tanzweisen trällern von ihrer Tanzzeit her, und die lernte er, machte aber bald selbst neue. Er spielte immer, wenn er nicht lernte; er spielte so viel, daß der Vater einmal sagte, er werde ganz blaß dabei. Alles, was der Knabe bis dahin gelesen und gehört hatte, ging in die Fiedel über. Die weiche, feine Saite war die Mutter; die Saite dicht daneben, die beständig der Mutter folgte, war Ragnhild. Die grobe Saite, die er seltener anrührte, war der Vater. Die letzte, feierliche Saite aber, vor der hatte er beinah Angst, und der gab er keinen Namen. Wenn er auf der Quinte einen Fehlgriff tat, war es die Katze, wenn er aber auf des Vaters Saite fehlgriff, so war das der Ochse. Der Bogen war der Blessommer, der in einer Nacht von Kopenhagen nach Vaage gefahren war. Auch jedes Lied war ein bestimmter Gegenstand. Das Lied mit den langen, feierlichen Tönen war die Mutter in ihrem schwarzen Kleide. Das zaghafte und hüpfende war Moses, als er stammelte und mit seinem Stab an den Felsen schlug. Das Lied mit der leisen Melodie, wo der Bogen so leicht auf den Saiten lag, war die Hexe, die die Herde im Nebel an sich lockt, wenn kein anderer es sieht.
Das Spiel aber trug ihn über die Berge hinaus, und in ihm erwachte die Sehnsucht. Als der Vater eines Tages erzählte, auf dem Jahrmarkt habe ein kleiner Junge gespielt und viel Geld verdient, lauerte er in der Küche der Mutter auf und fragte sie leise, ob er nicht auch auf den Jahrmarkt dürfe und den Leuten etwas vorspielen. "Wie kommst Du auf so was!" sagte die Mutter, sprach aber doch gleich mit dem Vater darüber. "Er kommt noch früh genug in die Welt", antwortete der Vater, und er sagte es so entschieden, daß die Mutter nicht weiter bat.
Bald darauf sprachen Vater und Mutter bei Tisch von einigen neuen Landsassen, die kürzlich ins Gebirge gekommen waren und sich verheiraten wollten. Sie hätten keinen Spielmann zur Hochzeit, sagte der Vater. "Könnte ich nicht den Spielmann machen?" flüsterte der Bursch, als die Mutter wieder in der Küche stand.—"So klein, wie Du bist!" sagte sie; aber sie ging doch hinaus in die Scheune, wo der Vater war, und sagte es ihm. "Er ist noch nie im Dorf gewesen," fügte sie hinzu, "er hat nie eine Kirche gesehen".—"Was bittest Du mich eigentlich", sagte Alf; aber weiter sagte er auch nichts, und da nahm die Mutter an, sie dürfe. Deshalb ging sie hinüber zu den neuen Landsassen und bot den Jungen an. "So wie der spielt," sagte sie, "hat noch kein Kind gespielt", und—der Bursch wurde angenommen.
Das gab aber eine Freude zu Hause! Von morgens bis abends spielte er und übte neue Weisen ein, nachts träumte er von ihnen; sie trugen ihn über die Höhen in fremde Lande, als reite er auf segelnden Wolken. Die Mutter nähte ihm einen neuen Anzug, der Vater aber wollte von der ganzen Geschichte nichts wissen.
Die letzte Nacht schlief Thrond nicht, sondern ersann ein neues Lied über die Kirche, die er noch nicht gesehen hatte. Am Morgen war er früh auf und die Mutter auch, um ihm Frühstück zu geben, aber er konnte nichts essen. Er zog den neuen Anzug an und nahm die Fiedel in die Hand, und da war's ihm, als flimmere es ihm vor den Augen. Die Mutter begleitete ihn bis vor die Tür und sah ihm nach, wie er über die Hänge dahinschritt; es war das erstemal, daß er von Hause fortzog.
Der Vater stieg leise aus dem Bett und ging ans Fenster; da stand er und blickte dem Knaben nach, bis man die Mutter auf den Steinfliesen hörte; da ging er wieder zu Bett und lag schon drin, als sie hereinkam. Sie ging ruhelos in der Stube umher, als habe sie etwas auf dem Herzen. Und schließlich kam sie mit der Sprache heraus: "Ich finde eigentlich, ich müßte hinunter in die Kirche und sehen, wie es geht." Er gab keine Antwort, deshalb hielt sie die Sache für abgemacht, zog sich an und ging.
Es war ein herrlicher Sonnentag, an dem der Bursch über die Hänge dahinzog; er hörte den Vögeln zu und sah die Sonne auf den Blättern glitzern, während er rasch vorwärtsschritt, die Fiedel unterm Arm. Und als er an das Hochzeitshaus kam, sah er noch immer nichts anderes, als was ihn vorher beschäftigt hatte, sah weder Brautstaat noch Hochzeitszug; er fragte nur, ob sie bald aufbrechen wollten; das wollten sie. Er ging mit der Fiedel voran, jetzt spielte er die himmlische Morgenstimmung ihnen in die Seele hinein, und es hallte zwischen den Bäumen. "Sehen wir die Kirche bald?" fragte er die hinter ihm Schreitenden. Lange hieß es nein; aber schließlich sagte einer: "Jetzt bloß noch um diese eine Felswand herum, dann siehst Du sie!" Er spielte sein neuestes Lied auf der Fiedel, der Bogen tanzte, und er spähte nach vorn. Da lag das Dorf dicht vor ihm!