"Ich will auch sehen", hörte er eine Stimme hinter sich, und im selben Augenblick wurde er am Bein gepackt und heruntergezerrt, so daß er beinahe hingefallen wäre. Das hatte ein kleiner Bengel zuwege gebracht, der sich jetzt tapfer auf Thorbjörns Platz hinaufarbeitete. Aslak hatte Thorbjörn gründlich belehrt, wie er mit bösen Buben in der Schule oder Kirche verfahren sollte, deshalb kniff er den Jungen in sein Hinterteil, so daß der fast geschrien hätte; aber er nahm sich zusammen, krabbelte schnell herunter und faßte Thorbjörn bei beiden Ohren. Thorbjörn packte ihn beim Schopf und warf ihn hin; noch schrie der kleine Kerl nicht, aber er biß seinen Gegner ins Bein. Thorbjörn zog es zurück und drückte das Gesicht des andern fest auf den Boden, da wurde er selbst beim Kragen genommen und wie ein Strohsack hochgehoben,—von seinem Vater, der ihn vor sich auf das Knie setzte. "Wenn wir jetzt nicht in der Kirche wären, dann kriegtest Du gleich Deine Prügel", flüsterte er ihm ins Ohr und packte ihn so fest bei der Hand, daß es Thorbjörn bis zu den Sohlen prickelte und stach. Dann erinnerte Thorbjörn sich wieder an Synnöve und sah zu ihr hinüber; sie war noch auf ihrem früheren Platz; aber starrte ganz betroffen und ängstlich vor sich hin. Da fing es in ihm zu dämmern an; was er getan hatte, mußte wohl ganz toll und schlimm gewesen sein! Sowie sie merkte, daß er sie ansah, kroch sie von der Bank herunter und ließ sich nicht wieder blicken.
Der Küster, der Pastor trat vor; wohl hörte er und sah er hin auf beide—und wieder kam der Küster und wieder der Pastor—aber er saß immer noch auf dem Knie seines Vaters und hatte eigentlich nur den einen Gedanken: wird sie bald wieder hersehen? Der Bengel, der ihn von der Bank heruntergezogen hatte, hockte weiter hinten auf einem Schemel und bekam jedesmal, wenn er aufstehen wollte, einen Puff in den Rücken von der Hand eines Alten, der auf seinem Stuhl im Halbschlaf nickte, aber regelmäßig aufwachte, wenn der Junge Miene machte, hochzukommen. "Wird sie nicht bald wieder hersehen?" dachte Thorbjörn; und jedes rote Band, das sich in seiner Umgebung bewegte, erinnerte ihn an Synnöves; und jedes alte Bild an der Kirchenwand war ebenso groß oder kleiner als sie. Ja, jetzt streckte sie den Kopf hoch; aber sobald sie Thorbjörn sah, duckte sie sich wieder.—Der Küster trat noch einmal vor, und auch der Pastor; dann läutete es, und die Gemeinde stand auf. Der Vater sprach wieder mit dem blonden Mann; sie gingen zusammen zu den Frauenplätzen hinüber, wo auch schon alles aufgestanden war. Die erste, die herauskam, war eine blonde Frau; sie lächelte, aber nicht so ausgesprochen, wie der Mann, war sehr klein und blaß und hielt Synnöve an der Hand. Thorbjörn ging gleich auf das Kind zu, aber es lief weg und versteckte sich hinter seiner Mutter: "Ich will nicht", rief es. "Er ist wohl noch nie in der Kirche gewesen", sagte die Frau und legte die Hand auf des Knaben Schulter. "Nein," antwortete Sämund, "sonst hätte er sich heute nicht geprügelt." Thorbjörn sah ganz beschämt sie und dann Synnöve an, die ihm noch viel ernster schien. Sie gingen alle aus der Kirche—die älteren im Gespräch, Thorbjörn hinter Synnöve; die drängte sich immer dicht an ihre Mutter, sobald er ihr näherkam. Den anderen Jungen sah er nicht mehr. Draußen blieb die ganze Gesellschaft stehen und fing eine längere Unterhaltung an. Thorbjörn hörte mehrmals den Namen "Aslak" heraus, und da er bange war, daß sie auch über ihn selbst reden könnten, blieb er einige Schritte zurück. "Du brauchst das nicht mit anzuhören," sagte die Mutter zu Synnöve, "geh ein bißchen weiter, mein liebes Kind; geh, sag' ich." Synnöve trat widerwillig zurück. Thorbjörn ging auf sie zu und sah sie an; und sie sah ihn an; und so standen sie ein Weilchen und sahen sich an. Endlich sagte sie: "Pfui!"—"Warum sagst Du Pfui!" fragte er.—"Pfui!" sagte sie noch einmal, "Pfui, Du solltest Dich lieber was schämen", setzte sie hinzu.—"Was habe ich denn getan?"—"Geprügelt hast Du Dich, während der Pastor dastand und Gottesdienst hielt,—Pfui!"—"Ja, das ist doch aber schon so lange her."—Das leuchtete ihr ein, und sie fragte kurz darauf: "Bist Du Thorbjörn Granliden?"—"Ja, und bist Du Synnöve Solbakken?"—"Ja, ich habe immer gehört, daß Du so'n artiger Junge bist."—"Nein, das ist nicht wahr; ich bin zu Hause der allerschlimmste", sagte Thorbjörn.—"Hör' mal einer an!" sagte Synnöve und schlug ihre beiden kleinen Hände zusammen: "Mutter, Mutter, er sagt—"—"Sei still und geh fort", rief die Mutter und die Kleine machte Halt, ging wieder langsam und rückwärtsschreitend nach hinten, heftete aber dabei die großen, blauen Augen stetig auf ihre Mutter.—"Ich habe immer gedacht, Du bist so artig!"—"Ja, manchmal, wenn ich in der Bibel gelesen habe", antwortete sie.—"Sag' mal, ist es wahr, dass da drüben bei Euch alles dick voll von Kobolden und Trollen und anderen Hexenkram steckt?" fragte er und stemmte die eine Hand in die Seite, setzte den einen Fuß vor und stützte sich auf den andern—genau wie Aslak.—"Mutter, Mutter, weißt Du, was er gesagt hat…"—"Laß mich doch zufrieden, hörst Du nicht! Und komm nicht her, wenn Du nicht gerufen wirst!"—Synnöve musste wieder langsam nach hinten; sie steckte dabei einen Zipfel vom Taschentuch zwischen die Zähne, biss ihn fest und zog daran.—"Ist das also nicht wahr, dass bei Euch das Hügelvolk jede Nacht unten Musik macht?"—"Nein!"—"Dann hast Du wohl noch nie bei Euch einen Troll gesehen?"—"Nein!"—"Aber Jesus soll mir bei…"—"Pfui, so was darfst Du nicht sagen!"—"Ach was, das schadet nichts", sagte er und spuckte durch die Zähne, um ihr zu zeigen, wie weit er spucken könne.—"Doch," sagte sie, "dann kommst Du in die Hölle."—"Meinst Du?" fragte er bedeutend kleinlauter; denn er dachte, er könne höchstens Prügel dafür kriegen, und sein Vater stand ja jetzt weit weg.—"Wer ist denn bei Euch zu Hause der Stärkste?" fuhr er nach einer Weile fort und rückte seine Mütze mehr nach einer Seite.—"Das weiß ich nicht."—"Bei uns ist es Vater; ja, der ist so stark, daß er Aslak verhauen hat, und Aslak ist stark, das kannst Du glauben."—"Na ja—"—"Er hat mal ein Pferd hochgehoben."—"Ein wirkliches Pferd?"—"Ja, das ist wahr, ganz gewiss wahr—er hat's mir selber erzählt."—Daraufhin durfte sie nicht länger daran zweifeln.—"Wer ist denn Aslak?" fragte sie.—"Du, das ist ein ganz Schlimmer, weißt Du; aber Vater hat ihn verhauen; ich sage Dir, noch nie hat einer soviel Prügel gekriegt."—"Prügelt Ihr Euch denn zu Hause?"—"Ja, manchmal, Ihr nicht?"—"Nein, nie."—"Na, was macht Ihr denn eigentlich?"—"Mutter sorgt fürs Essen und strickt und näht. Das tut Kari auch, aber lange nicht so gut wie Mutter, weil sie faul ist; Randi besorgt die Kühe; und Vater und die Knechte arbeiten auf dem Feld oder auch zu Hause."—Diese Erklärung befriedigte ihn.—"Abends lesen wir in der Bibel und singen," fuhr sie fort, "und Sonntags auch."—"Du, das muß aber langweilig sein."—"Langweilig? Mutter, er sagt…" aber dann erinnerte sie sich, daß sie das Gespräch der Alten nicht stören durfte.—"Ich habe eine Menge Schafe", sagte sie.—"So?"—"Ja, drei gehen mit Winterlämmern und das eine, glaube ich, wirft bestimmt zweie."—"Schafe hast Du?"—"Ja, auch Kühe und Ferkel, hast Du keine?"—"Nein."—"Wenn Du zu uns kommst, dann gebe ich Dir ein Lamm ab; und, paß mal auf, davon bekommst Du wieder Kleine."—"Das wär' aber ein Spaß!"—Ein Weilchen blieben sie still.—"Kann Ingrid nicht auch ein Lamm kriegen?" fragte er.—"Wer ist denn Ingrid?"—"Na, Ingrid, Ingridchen."—Sie kannte doch aber Ingrid gar nicht.—"Ist sie kleiner als wie Du?"—"Gewiß doch, ungefähr so groß wie Du."—"Ach, die mußt Du mitbringen, hörst Du?"—Ja, das wollte er.—"Aber", sagte sie, "wenn Du ein Lamm bekommst, kann sie ein Ferkel bekommen."—Das fand er auch viel netter, und nun erzählten sie sich etwas von gemeinschaftlichen Bekannten, von denen sie nicht arg viel hatten. Dann war die Unterhaltung der Eltern zu Ende, und sie mußten nach Hause gehen.
Nachts träumte er von Solbakken; er meinte dort lauter weiße Lämmer zu sehen und zwischen ihnen ein kleines Mädchen mit blondem Haar und roten Bändern;—Ingrid und er sprachen alle Tage davon. Sie hatten schon im voraus soviel Lämmer und Ferkel zu besorgen, daß sie es gar nicht schaffen konnten; aber sie wunderten sich sehr, daß sie nicht sofort zu Synnöve durften. "Auf die Einladung von dem Kind?" sagte die Mutter, "nein, das paßt sich nicht."—"Warte bis Sonntag," sagte Thorbjörn, "dann werden wir ja sehen."
Der Sonntag kam. "Du sollst so sehr prahlen und lügen und fluchen," sagte Synnöve zu ihm, "und da darfst Du nicht zu uns kommen, bis Du das nie wieder tust."—"Wer hat das gesagt?" fragte Thorbjörn erstaunt.—"Mutter."
Ingrid erwartete ihn schon sehr gespannt zu Hause. Als er wiederkam, erzählte er, wie es ihm ergangen war. "Da hast Du's", sagte die Mutter. Aber von dieser Stunde erinnerten sie ihn jedesmal daran, wenn er fluchte oder prahlte. Dabei kam es einmal zwischen ihm und Ingrid bis zur Prügelei, weil sie nicht einig darüber wurden, ob "mich soll gleich der Hund beißen" als Fluch gelten dürfe oder nicht. Ingrid bekam Schläge von ihm, und nun gebrauchte er die Redensart den ganzen Tag. Doch abends hörte sie der Vater. "Gleich wird er Dich beißen", sagte er, und nahm sich Thorbjörn so vor, daß dieser hinpurzelte. Da schämte er sich, und am meisten vor Ingrid; aber kurz darauf ging sie zu ihm und streichelte ihn.
Endlich, nach ein paar Monaten, durften sie hinüber nach Solbakken; dann kam Synnöve zu ihnen, sie beide wieder zu ihr, und so verkehrten sie die ganzen folgenden Jahre zusammen. Thorbjörn und Synnöve wetteiferten beim Lernen miteinander; sie gingen in dieselbe Klasse, und zuletzt überholte er sie; er wurde ein so tüchtiger Schüler, daß der Pastor sich seiner ganz besonders annahm. Ingrid kam nicht recht mit, und die beiden halfen ihr; sie und Synnöve wurden unzertrennlich, die Leute nannten sie "Schneehühner", weil sie beide immer zusammen ausflogen und so hell aussahen.
Aber mitten drin wurde Synnöve oft mit Thorbjörn böse, weil er so wild war und immer in Händel geriet. Dann versöhnte Ingrid sie, und sie lebten wieder als gute Freunde wie zuvor. Doch hörte Synnöves Mutter von einer seiner Schlägereien, so erlaubte sie nicht, daß er in derselben Woche, kaum in der nächsten, nach Solbakken kam. Sämund durfte nichts davon erfahren; er geht so hart mit dem Jungen um, sagte seine Frau und verbot, davon zu reden.
Als sie heranwuchsen, waren alle drei fein anzusehen; jedes hatte seinen besonderen Vorzug. Synnöve wurde groß und schlank, bekam goldblondes Haar und ein zartes, leuchtendes Gesicht mit stillen, blauen Augen. Beim Sprechen lächelte sie, und bald hieß es bei den Leuten: "Zum Segen wird es jedem, den Synnöves Lächeln trifft." Ingrid war untersetzter und dicker; sie hatte noch blonderes Haar als Synnöve und ein ganz kleines rundes Gesicht mit weichen Zügen. Thorbjörn war mittelgroß, besonders gut gewachsen, hatte schwarze Haare, dunkelblaue Augen, einen scharfgeschnittenen Kopf und starke Gliedmaßen. Geriet er in Hitze, dann sagte er gewöhnlich, er könnte ebenso gut lesen und schreiben wie der Lehrer und fürchte keinen Menschen im ganzen Tal;—bis auf seinen Vater, dachte er, aber das sprach er nicht aus.
Er wollte schon früh konfirmiert werden; aber daraus wurde nichts. "Solange Du noch nicht konfirmiert bist, giltst Du noch als Junge, und ich habe Dich mehr in meiner Gewalt", sagte sein Vater; infolgedessen ging er erst zur selben Zeit wie Synnöve und Ingrid zum Pastor. Auch Synnöve hatte lange warten müssen, fast bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr. "Man kann nie genug wissen, wenn man sein Bekenntnis vor Gott ablegen soll", hatte die Mutter gesagt, und der Vater, Guttorm Solbakken, hatte zugestimmt. Daher war es nicht eben unerklärlich, daß sich schon zwei Freier meldeten: der eine der Sohn eines besseren Mannes, der andere ein reicher Nachbar. "Da hört doch alles auf,—sie ist ja noch nicht mal konfirmiert."—"Dann wollen wir sie konfirmieren lassen", sagte der Vater. Aber davon erfuhr Synnöve nichts.
Der Frau und den Töchtern des Pastors gefiel sie so gut, daß sie von ihnen zu einem Gespräch in das Haus gerufen wurde. Ingrid und Thorbjörn standen unterdessen mit den anderen Konfirmanden draußen, und als einer von den Burschen zu ihm sagte: "Du darfst nicht mit 'rein? Paß' auf, die schnappen sie Dir bestimmt fort", da brachten ihm diese Worte ein blaues Auge ein. Seitdem machten sich seine Kameraden immer ein Vergnügen daraus, Thorbjörn mit Synnöve zu necken, weil sie genau wußten, daß nichts anderes ihn so ärgern und in Wut versetzen konnte. Schließlich kam es, nach vorheriger Verabredung, in einem Walde beim Pfarrhof deswegen zu einer tüchtigen Rauferei, die sich so zuspitzte, daß Thorbjörn es mit einem ganzen Haufen Angreifer auf einmal zu tun kriegte. Die Mädchen waren schon vorausgegangen, und daher niemand da, der dazwischen treten und die Burschen trennen konnte; immer hitziger und hitziger wurden die Gemüter. Thorbjörn wollte auch der Übermacht gegenüber nicht klein beigeben und war nicht wählerisch in der Art seiner Verteidigung; dabei hagelte es Hiebe, die später selber den Vorfall kundtaten. Nun kam auch die Veranlassung heraus und wurde überall viel besprochen.