Kaum war die Mutter außer Sehweite, da überlegte Synnöve, woher sie am schnellsten einen Boten nach Granliden bekommen könne; sie rief Thorbjörns jüngeren Bruder, um ihn hinunterzuschicken; aber als er kam, meinte sie, daß es doch zu heikel sei, sich ihm anzuvertrauen, und sagte: "Laß nur, Du kannst wieder gehen." Sie wollte selbst hinunter; Gewißheit mußte sie haben; es war eine Sünde von Ingrid, daß sie ihr gar keine Nachricht zukommen ließ. Die Nacht war hell, der Granlidener Hof nicht so entfernt, daß sie den Weg nicht machen konnte, wenn ihr Herz sie trieb. Während sie nun noch dasaß und darüber nachsann, faßte sie in Gedanken alles zusammen, was ihr die Mutter gesagt hatte, und fing wieder an zu weinen; aber jetzt zauderte sie nicht mehr, wie sie es den ganzen Tag über getan hatte, band sich ein Tuch um und stahl sich über einen Schleichweg hinunter, damit es die Jungen nicht merkten.
Je weiter sie kam, desto mehr eilte sie; zuletzt sprang sie den Fußsteig hinab; dabei lösten sich kleine Steine und rollten hinunter. Sie erschrak. Obgleich sie wußte, daß das Geräusch nur von den rollenden Steinen kam, war es ihr doch, als befinde irgendein Wesen sich in der Nähe; sie mußte stehen bleiben und lauschen. Es war aber nichts; schneller sprang sie talwärts; ihr Fuß stieß nun gegen einen großen Stein, der mit dem einen Ende aus dem Wege hervorstak, herausgedrängt wurde und hinunterflog. Das gab ein Getöse, es prasselte in den Büschen; ihr wurde bange, und um so mehr, als sie nun genau wahrnahm, daß etwas unten auf dem Wege sich aufrichtete und bewegte. Zuerst glaubte sie an ein Raubtier; sie blieb mit verhaltenem Atem stehen; die Gestalt dort unten stand gleichfalls still. "Hoi—ho!" hörte sie rufen. Ihre Mutter! Das erste, was Synnöve tat, war, sich schleunigst zu verstecken. Sie wartete dann eine ganze Zeit, um sich zu vergewissern, ob die Mutter sie auch nicht erkannt habe und zurückkomme; aber das war nicht der Fall. Dann wartete sie noch länger, um die Mutter recht weit voraus zu lassen; als sie sich nun wieder auf den Weg machte, ging sie vorsichtig, und bald näherte sie sich dem Hof.
Ihr wurde wieder etwas beklommen ums Herz, als sie ihn erblickte, und das nahm mehr und mehr zu, je näher sie kam. Der Hof lag in tiefer Stille; die Arbeitsgeräte standen an die Wände gelehnt, Holz lag gehauen und aufgestapelt, und die Axt war in den Hackeklotz getrieben. Sie ging vorbei und hin bis zur Tür; dort machte sie noch einmal Halt, sah sich um und lauschte; nichts rührte sich. Und als sie noch dastand und sich überlegte, ob sie in die Bodenkammer zu Ingrid hinaufgehen solle oder nicht, da mußte sie daran denken, daß in ebensolcher Nacht Thorbjörn vor einigen Jahren in Solbakken gewesen war und ihr die Blumen eingepflanzt hatte. Hastig zog sie die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf.
Ingrid bekam einen großen Schreck, als sie erwachte und sah, daß es Synnöve war, die sie geweckt hatte.—"Wie geht es ihm?" flüsterte Synnöve. Da wurde Ingrid ganz wach, erinnerte sich an alles und wollte sich erst anziehen, um nicht sofort antworten zu müssen. Aber Synnöve setzte sich auf die Bettkante, bat liegen zu bleiben und wiederholte ihre Frage.
"Jetzt geht's besser," antwortete Ingrid im Flüsterton, "ich komme bald nach oben zu Dir."—"Liebe Ingrid, Du mußt mir nichts verhehlen; Du kannst mir nichts so Schlimmes erzählen, das ich mir nicht schon schlimmer vorgestellt habe." Ingrid versuchte noch sie zu schonen; aber die Furcht ihrer Freundin zwang ihr die Worte heraus und ließ keine Zeit zu Ausflüchten. Geflüsterte Fragen, geflüsterte Antworten; die tiefe Stille ringsumher machte beides noch ernster; die Zeit der Unterredung wurde zu einer feierlichen, zu einer Weihestunde, in der man auch der herbsten Wirklichkeit gerade in das Auge zu sehen wagt. Doch beide waren überzeugt, daß Thorbjörns Schuld diesmal gering war, und daß er nichts begangen hatte, das sich zwischen ihn und ihr Mitgefühl stellen konnte. Da weinten sich beide frei aus, aber leise,—und Synnöve weinte am stärksten; sie saß ganz zusammengekauert auf der Bettkante. Ingrid suchte sie durch Erinnerungen aufzuheitern: wie froh und vergnügt waren sie alle drei so manchesmal gewesen! Aber nun passierte es wie so oft, daß jede winzige Erinnerung an Tage voll Sonnenschein in Kummer und Tränen zerrann.
"Hat er nach mir gefragt?" flüsterte Synnöve.—"Er hat fast gar nicht gesprochen."—Plötzlich erinnerte sich Ingrid des Zettels, und das fiel ihr arg auf die Seele.—"Fällt's ihm zu schwer, zu sprechen?"—"Das weiß ich nicht—er denkt wohl desto mehr."—"Liest er in der Bibel?"—"Mutter liest ihm vor; jetzt muß sie es alle Tage tun."—"Was sagt er dann?"—"Er spricht fast gar nicht, hab' ich Dir ja gesagt; er liegt still da und sieht vor sich hin."—"Liegt er in der bunten Stube?"—"Ja."—"Mit dem Kopf zum Fenster?"—"Ja." Sie blieben eine Weile stumm; dann sagte Ingrid: "Das kleine Sankthans-Spiel, das Du ihm geschenkt hast, hängt am Fenster und dreht sich."
"Jetzt ist mir alles ganz gleich," sagte Synnöve plötzlich und entschieden; "nichts auf der Welt soll mich von ihm trennen; es mag kommen, wie es will." Ingrid war sehr befangen. "Der Doktor weiß noch nicht, ob er wieder ganz gesund wird", flüsterte sie.
Da hob Synnöve ihren Kopf und sah Ingrid mit verhaltenem Weinen und stumm an; dann ließ sie ihn wieder sinken und saß in tiefen Gedanken da; die letzten Tränen rannen über ihr Gesicht; es folgten keine mehr, sie faltete die Hände, verharrte aber sonst regungslos; sie schien einen großen Entschluß zu fassen. Mit einemmal stand sie auf, lächelte, beugte sich über Ingrid und gab ihr einen langen, heißen Kuß. "Bleibt er siech, so werde ich ihn pflegen. Jetzt rede ich mit meinen Eltern."
Das rührte Ingrid tief, aber bevor sie sprechen konnte, fühlte sie, wie ihre Hand erfaßt wurde: "Leb' wohl, Ingrid, ich gehe nun wieder allein zurück."—Und Synnöve wandte sich schnell der Tür zu.
"Der Zettel!" flüsterte Ingrid ihr nach.—"Was für ein Zettel?" fragte Synnöve. Ingrid war schon aufgestanden, suchte ihn hervor und brachte ihn der Freundin; aber während sie ihn mit der linken Hand ihr unter das Brusttuch schob, umschlang sie den Hals Synnöves mit der rechten, gab ihr den Kuß wieder, und ihre großen warmen Tränen fielen auf das Gesicht der Wartenden. Dann drängte Ingrid sie sanft hinaus und schloß die Tür; sie hatte nicht den Mut, das weitere zu sehen.