Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors
Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und öffnete ihr den
Schlag.
Er ließ sie stehen, trostlos, wie gelähmt in seinem Denken. Da kam Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte sie ihm ab.
* * * * *
Am dritten Tage nach diesem Ereignis ließ er sich bei Alice melden. Sie sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann mußte er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurückkam, meldete er sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein.
Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von Kunstgegenständen, die auf Tischen und Stühlen lagen oder standen. "Aber Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als habe er nichts gesagt, und trat näher.
Die Kunstgegenstände wurden beiseite gestellt; Franz Röy half dabei. Der Vater verließ das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Röy nun vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschließen? Und gerade, wo ich so unglücklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als daß es uns trennen könnte?"—"Es muß doch Grenzen geben", hörte er sie sagen.—Er bedachte sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hören Sie mal, Alice, zwischen uns ist doch nichts."—Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein: "Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war feuerrot.—"Ja, was meinen Sie—?" Er verstand sie nicht. Sie wandte sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln …" ergänzte sie. "Was muß Mary denken?"—Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, daß er sich auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schämte er sich. Schämte sich ganz entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice, ich war so froh, daß ich nichts überlegt habe. Erst jetzt kommt mir das zum Bewußtsein. Verzeihen Sie mir armem Sünder! Nein, sehen Sie mich an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren unglücklich und standen voll Tränen; sie begegneten den seinen, die auch unglücklich, aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie küssen; aber das durfte er nicht. "Alice, liebe, süße Alice, Sie wollen mir doch wieder helfen?"—"Es hat keinen Zweck. Sie zerstören alles."—"Ich will fortan jedes bißchen tun, was Sie wünschen."—"Das haben Sie früher auch schon versprochen."—"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es. Auf Ehre!"—"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn Sie haben eben kein Verständnis."—"Kein Verständnis?"—"Nein, Sie ahnen ja nicht, wie sie ist!"—"Ich gebe zu, daß ich mich getäuscht haben muß; denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worüber sie so böse wurde."—"Das kann ich mir denken."—"Ja, denn als sie alles hinwarf und fortlief, glaubte ich tatsächlich, sie tue es, damit ich hinterherlaufe."—"Hörten Sie denn nicht, daß ich zweimal rief: 'Tun Sie's nicht!'"—"Ja; aber ich verstand auch das nicht."—Alice setzte sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er nahm ihr gegenüber Platz: "Erklären Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"—"Haben Sie noch nicht begriffen, was für ein kolossaler Abstand zwischen ihr und uns andern ist?"—"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht übermütig. Nicht im geringsten."—"Nein, das ist sie nicht. Sie verstehen mich schon wieder falsch. Während wir andern gewöhnliche Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefaßt werden können, lebt sie in einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter nähergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."—"Nein, nein!"—"So ist sie eben. Wäre sie nicht so, dann wäre sie längst gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, daß es ihr an Bewerbern gefehlt hat?"—"Nein, das laßt sich denken."—"Fragen Sie Frau Dawes! Sie führt in ihren tausend Briefen Buch darüber. Sie schreibt jetzt von nichts anderem."
"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"—"Das ist ganz leicht zu verstehen. Sie ist freundlich und umgänglich und gefällig, was sie wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf. Darüber wacht sie mit der unverbrüchlichsten Sorgfalt und dem feinsten Takt!"—"Also unberührbar?"—"Absolut! Daß Sie das noch nicht einmal gemerkt haben!"—"Ich hatte es gemerkt,—aber ich vergaß es."
Franz Röy saß da, als lausche er in die Ferne. Er hörte wieder diesen hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr näher kam; er sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fühlte ihren zitternden Körper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit einemmal begriff er! Was für ein dummer, brutaler Verbrecher er doch war!
Er blieb sitzen, stumm und tief unglücklich.
Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich sein Gesicht. "Schließlich war es doch nur ein Spiel, liebe Alice."—"Für sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht mehr?"—"Ihr ist schon öfter nachgestellt worden, meinen Sie?"—"Auf alle mögliche Weise!"—"Darum ging die Phantasie mit ihr durch?"—"Natürlich. Das sahen Sie doch?"—Er schwieg. "Aber hören Sie mal, lieber Franz,—war es für Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es nicht das Entscheidende?"