Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den Rücken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stöße und wieder eine Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfließend. O, wie schön das war! Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu. Aber sie mußte doch wohl einmal dahin sehen, wo das Mädchen saß. Ach, was kümmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch dadurch bewirkt, daß das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte sie hinter dem großen Stein—Jörgen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr über der Schulter! Das kleine Mädchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne sich zu rühren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt.

Eine heiße Blutwelle durchflutete Mary—Zorn und Abscheu. War er schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Äußerlich tat sie, als habe sie nichts gesehen,—warf sich kopfüber in die See und schwamm auf die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,—und verschwand.

Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiß, daß sie vergaß, sich abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer größere Hitze, schließlich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Jörgen Thiis wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war.

Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Überfall herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortführten. Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fühlte wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,—als sie einen Schrei des Kindes da oben hörte. In ihrer Erregung war sie nahe daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging kein Fenster hinaus. Aus der Tür zu sehen, wagte sie nicht, denn sie hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Länge. Sie mochte nicht halbangekleidet vor Jörgen Thiis hintreten.

Als sie eben soweit war, daß sie daran denken konnte, die Tür aufzumachen, hörte sie auf der Landungsbrücke das Tripp-Trapp der kleinen Nanna. Mary riß die Tür auf, die Kleine kam hereingestürzt und warf sich ihr gleich in den Schoß. Da versteckte sie den Kopf und weinte und schluchzte, daß sie kein Wort herausbringen konnte.

Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie dürfe jetzt ihr Haar kämmen. Da erzählte sie, der Herr Leutnant habe hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hören. Er habe ihr gedroht. Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so böse ausgesehen! Ach, so böse habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei er hinuntergestürmt, direkt auf das Haus zu!

"Jörgen Thiis?"

"Dann schrie ich aus Leibeskräften! Da stand er still. Aber dann drehte er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den Wald——" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf in Marys Schoß und weinte.

Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum fassen.

Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf—er mochte ein anderer sein.
Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker
Rücksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um…?