Die Krähen rasten schlimmer als bisher. "Hören Sie nur! Da wird Gericht gehalten! Daß Sie dem armen Sünder nicht zu Hilfe kommen!"—"Da haben Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, daß er loskam. Er bückte sich nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine Anhöhe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Bäume herum tobten die grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen Mann mit einer Flinte, als sie krächzend nach allen Seiten auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet.

Und richtig: zwischen den beiden großen Bäumen lag zerzaust und blutig eine ungewöhnlich große Krähe in den letzten Zuckungen. Jörgen wollte sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hörte ihn nicht nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte. Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"—Sie lächelte: "O danke, den Umstanden nach recht gut."

Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Höhe. Vornehm wirken die Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die großen Gärten zu beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als hätten die Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als werde es sich im nächsten Augenblick in die Lüfte heben. "Haben Sie lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja für eine Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"—"O danke, ich bin häufiger hier gegangen als Sie."

Es wurde eine stille Mahlzeit. Jörgen aß immer sehr langsam, aber nie so langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und saß und sah ihn an. Sagte dies und das und bekam höflich Antwort. Seine Augen, die sonst gleich Wogen über sie hinspülten, die sie in sich aufsaugen wollten … heute hoben sie sich kaum vom Teller. Plötzlich hörte er auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"—"Doch, danke; aber ich bin satt."—

Wenige Minuten später kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer geöffnet. Jörgen Thiis sagte: "Ich finde, gnädiges Fräulein, Ihrem Vater geht es viel besser."—"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm etwas bewegen."—Jörgen hörte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr Zimmer?—Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"—"Darf ich?"—"Bitte sehr!" Er ging bis an die Schwelle und überschritt sie langsam; Mary folgte ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das Zimmer mit Spitzen überzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden. Das Bett, die Möbel, weiß mit blau, oder blau mit weiß, die Amoretten an der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schönen Mutter, mit Blumen geschmückt. Und der Duft … nicht allein von den Blumen, nein, von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,—es war das mit den kurzen Ärmeln,—neben ihm. In diesem reinen Duft, in diesem Farbenzauber schämte er sich. Er schämte sich so, daß er am liebsten aus dem Zimmer gestürzt wäre. Er konnte nicht Herr seiner Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu schluchzen; ein Zittern überkam ihn. Ihm war, als müsse er in Tränen ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weißen Armen, und er hörte etwas Leises, das auch blau und weiß und weiß und blau war. Die Tür wurde hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder die weißen Arme und er hörte deutlich: "Aber Jörgen!—Aber Jörgen!" Er fühlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich "Jörgen" gesagt, zweimal "Jörgen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus der Stirn. So weich, so blütenzart. Es löste sich etwas in ihm; alles Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem unsäglichen Gefühl von Wärme. Die sich da über ihn beugte, war eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er hatte sich so verlassen gefühlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem Händedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm träumte, er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Mächte. Das Weiße und Blaue wölbe ein Zelt über ihm. Unter diesem Zelt nähmen diese großen, guten Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise: "Ich konnte es nicht länger aushalten." Was er nicht länger aushalten konnte, verstand sie; sie prallte zurück.

"Mary", flüsterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurück von ihm, ihre Augen wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,—und ehe sie es ahnte, ehe er selbst es wußte, war er bei ihr. Er umschlang sie und preßte sie an sich. Er wurde wild, als er ihren Körper an seinem fühlte, und küßte sie, küßte sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer Seite, bald nach der ändern. Da bedeckte er ihren Hals mit Küssen. Sie fühlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stieß sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, daß sie fast gefallen wäre. Dadurch kam er über sie, das zündete, und er wollte es sich zu Nutzen machen. Aber er mußte seinen rechten Arm lösen, um sie umschlingen zu können. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei, stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, daß sie sich nach der Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach ein Wort. Ihre Atemzüge gingen kurz und scharf.

"Mary!" ertönte ein Schrei draußen auf dem Gange. Das war Frau Dawes! Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,—stand auf dem Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor ihrer offnen Tür an der Wand. Sie war am Umsinken, als Jörgen Thiis herzugestürzt kam und sie unter den Arm faßte. Die Treppe herauf kam ein Mädchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Jörgen stand und hielt Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Kräften aufhoben und hineintrugen. Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen sie knapp über die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkörper ins Bett hineinheben; denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkörper auf dem Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder hinunter; sie selbst half nicht ein bißchen, sie stöhnte nur. Ehe Jörgen richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Größe abermals am Boden. Als sie den Oberkörper wieder einmal hochgehoben hatten, aber nicht weit genug, daß er durch seine eigene Schwere liegen geblieben wäre, waren sie ganz verzweifelt; sie wußten nicht, was sie machen sollten. Das kleine Mädchen lachte laut auf und lief weg; Jörgen sandte ihr einen wütenden Blick nach. Das war selbst für Mary zuviel. Vor drei Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekämpft,—und nun überkam sie eine so unbegreifliche Lachlust, daß auch sie hinauslaufen mußte. Da stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und krümmte sich vor Lachen, als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum auseinandersetzen, wie nämlich Frau Dawes dalag und was für Anstrengungen Jörgen und die Mädchen machten. Ihren Vater quälte die Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte Marys Lachen. Ein Mädchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete, jetzt liege die gnädige Frau im Bett. Sie möchte das gnädige Fräulein sprechen.

Im Zimmer stand Jörgen am Fußende des Bettes; Frau Dawes lag und stöhnte und weinte und rief nach Mary. Kaum ließ Mary sich in der Tür blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich überkam eine schreckliche Angst,—was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Jörgen anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.—"Was ist denn? Was ist denn? Was macht Dich so unglücklich?" jammerte Frau Dawes und strich ihr immer und immer wieder mit der Hand über das herrliche Haar. Schließlich blickte Mary auf; Jörgen Thiis war fort. Aber sie schwieg. "Nie habe ich solch ein Gefühl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit Jörgen Thiis?" Mary sah sie an.—"O Gott, das habe ich mir gedacht!—Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst Du.—Und kein einziges Mal hat er Dir gegenüber etwas wie eine Andeutung gemacht,—oder doch?"—Mary schüttelte den Kopf. "Das ist viel. Das zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er Dich,—ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter ——ja, was war denn eigentlich los?"—Mary zögerte eine Weile; dann sagte sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er plötzlich toll."—"Ach, ich könnte Dir auch etwas erzählen … Ja, ja, ja!" Sie versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so herumgeht…"—"Wir wollen nicht darüber reden!" unterbrach Mary sie und stand auf.—"Nein, das ist …"—"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary. Sie trat ans Fenster. Da hörte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit mir gesprochen, mußt Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen dürfe. Er könne sich nichts Schöneres denken. Einspringen, wenn wir nicht weiterkönnen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte unwillkürlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu streng, Mary! Weißt Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide …" —"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um—nicht gerade unwillig, aber doch so, daß das Gespräch nicht weitergehen konnte.

Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Jörgen Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung leistete, sagte diese: "Du weißt, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Jörgen glaubt, Onkel Klaus wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr hinein, zum andern hinaus.

Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie durchdachte die ganze Szene noch einmal und glühte vor Aufregung, aber sie war verwundert, daß sie eigentlich nicht erzürnt war. Es war ja doch ganz entsetzlich.