Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen Stadt heraus. Da lag ein hübsches kleines Haus in einem Garten. "Wem gehört das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fräulein Röy, der Ärztin", antwortete Jörgen eifrig. "Ich habe über all dem Ärger und der Enttäuschung doch vergessen, Dir zu erzählen, daß ich Franz Röy in der Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu wollen, wurde sie rot. "Franz Röy?" fragte sie und blickte starr vor sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weißt, Irgens ist tot."—"Der Ingenieur? Der ist tot?"—"Und jetzt heißt es, Hauptmann Röy wird das übernehmen."—"Ist das eine Arbeit für einen Mann wie ihn?"—"So fragt gewiß mancher.—Alle fragen, was er hier will?" lachte Jörgen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er näher an sie heran: "Aber jetzt kommt er zu spät." Er hatte als Antwort einen verständnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bißchen Glück lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen.
Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen. "Weißt Du, Jörgen, daß Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen stehen hat?"—"Zweihundertfünfzigtausend", antwortete Jörgen. Sie war sehr erstaunt,—einmal darüber, daß Jörgen Bescheid wußte, dann über die fünfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend." —"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde, hat er Onkel fünfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden waren."—"Woher weißt Du das?"—"Onkel hat es mir gesagt."—"Ich habe nichts darüber gefunden."—"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Außerdem—," hier stockte Jörgen, "kennst Du alle Geschäfte Deines Vaters?" Sie wollte darauf nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte Jörgen—? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die Röcke hoch, löste ihr eine Haarsträhne und riß ihr den Schal ab. "Herrgott, wie entzückend Du aussiehst!" rief er.—"Aber dann steht ja nichts im Wege, Jörgen?"—"Wir können heiraten, meinst Du?"—"Ja", und damit ging's weiter.—"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu nichts ein."—"Ja, was tut das? Wir müssen drauflosgehen, Jörgen!" Sie strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er verzagt.—Sie stand wieder still: "Würde er Dich enterben?"—Ohne direkt zu antworten, sagte er schwermütig: "Wenn Du wüßtest, Mary, was ich mit Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepaßt hat. Bis auf diesen Tag bin ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglück, daß Mary unwillkürlich rief: "Armer Jörgen,—jetzt fange ich an zu verstehen!" Sie gingen weiter. Sie dachte daran, daß seine Fähigkeit, sich zu beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch gelernt, sich zu verstellen. Seine Zähigkeit mußte sie bewundern; was hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewöhnliche Höflichkeit. Jetzt verstand sie seine Sentimentalität. Sie verstand, wodurch er so streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen.
Sie sah ein, daß auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm nur eine Last mehr aufgebürdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes Wort gegönnt; im Gegenteil! Was Wunder, daß er schließlich wie verhext war? "Armer Jörgen", sagte sie noch einmal und faßte seine Hand. Das erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewährt hatte. Sie mußte es gleich wieder zurücknehmen, weil sie die Röcke festhalten mußte, denn um die Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der Fjord mit den roten Wimpeln überall.
Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er würde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"—"Wir haben nichts, woraufhin wir heiraten können, Du Liebe!"—"Wir können doch diese Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns heiraten zu können, daß wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."—Aber sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben: "Und unser Wald?"—"Der muß erst jahrelang stehen."—
Wie gut Jörgen Bescheid wußte! Wie genau er alles überlegt hatte!
Sie kamen auf die Strandstraße, die auf die letzte Landzunge bei Krogskog zuführte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war gut Freund mit ihm. Er kläffte ja immer ein bißchen, wenn jemand in seine Nähe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er wie toll.
"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wütend?" Jörgen antwortete nicht, sondern bückte sich nach einem kleinen Stein. Als der Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort. "Laß ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, daß Jörgen die Schußlinie berechnete. "Es wäre doch spaßig, wenn er sich genau auf die Stelle zurückzöge, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein nämlich gerade auf den Rücken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund setzte davon,—da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf den Rücken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Jörgen triumphierend. "Es gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."—"Kannst Du ebenso gut schießen?"—"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit ich mich befasse—viel ist es ja nicht,—das tue ich gründlich." Das mußte sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestätigte es auch.
Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau Dawes oder Deinem Vater etwas?"—"Von Onkel Klaus?"—"Ja. Es würde sie nur betrüben. Können wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis zum Frühjahr warten?"—Sie blieb stehen. Sie war nicht für so etwas. Aber Jörgen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit einem anderen Vorschlag kommen, ungefähr mit so etwas, wie ich jetzt meine:—er möchte, wir warteten bis zum Frühjahr."
Mary war sich längst darüber klar, wie gut Jörgen unterrichtet sei; sie mußte deshalb auch zugeben, daß er so etwas besser verstand als sie. Aber an Schleichwege war sie nicht gewöhnt. "Laß mich nur machen," sagte er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttäuschung."
"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.—"Die Wahrheit, daß Onkel sich sehr über unsere Verlobung gefreut hat, und daß die Zeiten jetzt so schlecht seien, daß wir warten müßten. Das verhält sich doch tatsächlich so."