Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,—über den Hügelrücken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshäusern und Bäumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hörte er die Essensglocke vergnüglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustönen. Da wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefühl, als könne er nicht weiter. Er mußte ja hinunter und den frohen Tag morden.
Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen
Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertür hinein.
Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnötigte.
Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere
Natur und übernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden
Augenblick kommen mußte, die Mitteilung zu machen.
Vom Hinterzimmer aus hörte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen Aufschrei, den er nie wieder vergaß. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut auf, konnte sich aber nicht überwinden, das Zimmer zu verlassen; ein wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde stärker und stärker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube umher, bis die Schwester die Tür öffnete: "Sie möchte Dich sehen."
Da mußte er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er ließ sich kaum sehen, als sie sich aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein Vater."—Er eilte hin und beugte sich über sie; sie legte den Arm um seinen Hals und drückte ihn fest an sich; er mußte hinknien.
"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er feierlich. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr Gesicht lag feucht und glühend an seinem. "Du darfst mich nie verlassen!"—"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die Arme um sie.
Sie legte sich wie getröstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde ruhiger. Wenn die Anfälle kamen und er sich mit zärtlichen Worten über sie beugte, wirkte es besänftigend.
Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht über da. Sie konnte nicht schlafen, und er mußte bei ihr sitzen bleiben.
Erst am nächsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm höchst unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und nun beschäftigte sie das so stark, daß es sie von ihrem Schmerz ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht nötig.
Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begräbnis des
Onkels geordnet und erzählte, in welcher Weise. Er erbot sich, das
Geschäft und den Besitz des Onkels zu übernehmen.