Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhängen zu sehen. Sie wurde eine breite, altmodische Treppe hinaufgeführt; es war die ganze Stilart der alten Stadthäuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.
Mary saß in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter unverändert geblieben war. Sie saß auf dem Sofa unter einem großen Porträt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich und mit müden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Röy wie die Verkörperung des Schmerzes, die schönste, die man sich vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach so leise, wie der Sturm draußen es irgend gestattete.
"Ich fühle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch überzeugt, daß Sie verschwiegen sind."—"Das bin ich."—Es dauerte eine Weile, bis Mary sagte: "Was für ein Mensch ist Jörgen Thiis?"—"Was für ein Mensch er ist?"
"Aus verschiedenen Gründen nehme ich an, daß Sie mir das sagen können."—"Da muß ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jörgen Thiis verlobt?"—"Nein."—"Man hat es gesagt."—Mary schwieg.—"Ja, sind Sie denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"—"Doch."—Da sagte Margrete rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"—Mary nickte.—"Das wird manchem eine Freude bereiten; Jörgen Thiis ist Ihrer nicht würdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen etwas?" fragte sie.—"Ein Frauenarzt, liebes Fräulein, weiß mehr, als er erzählen kann."—"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte Mary, um sich zu entschuldigen.—"Das haben wir alle gemerkt", antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und sie fügte hinzu: "Das war nicht zu verwundern … Aber in Kristiania habe ich ein junges, süßes Mädel gekannt, die damals seine Einzige war! Sie war ganz aus dem Häuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten, gab sie sich ihm hin."—"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht gehört? Es stürmte draußen so sehr, daß man einander schwer verstehen konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."—"Sie konnten sich nicht heiraten?"—"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab sie sich ihm hin."
Mary fuhr in die Höhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen, hielt aber inne.
"Erschrecken Sie nicht so, Fräulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiß in solchen Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fräulein Krog."—Mary schüttelte den Kopf.—"Dann wundert es mich, daß Sie beizeiten von Jörgen Thiis losgekommen sind; der hat Routine."—Mary antwortete nicht. "Wir nahmen an, Sie würden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und Frau Dawes krank wurden."—"Das wollten wir auch, aber es stellte sich als unmöglich heraus."
Margrete konnte nicht ergründen, was hinter dieser rätselhaften Antwort steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine Begierde ganz bedeutend?"—Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder. "Sie scheinen ihn zu kennen?"—Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja," sagte sie, "ich bin ja älter als Sie,—auch älter als er. Aber—zu meiner Schande sei's gesagt,—in Kristiania vergaffte ich mich auch in ihn. Das merkte er—und versuchte sein Heil." Sie lachte.
Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draußen peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie mußten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in das Unwetter hinaus, kam dann zurück und stellte sich aufgeregt und unruhig vor Margrete hin.
"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worüber wir heute geredet haben?—Unter keinen Umständen?"—Margrete sah sie verwundert an: "Ich soll niemandem erzählen, daß Sie mich nach Jörgen Thiis gefragt haben?"—"Ich wünsche absolut, daß keiner es erfährt."—"Auf wen geht das?"—Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, daß Jörgen Thiis Ihrer nicht würdig sei. Er kam zu spät. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren, daß Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was für ein Mensch Jörgen Thiis ist."—Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem können Sie es sagen.—So ist er deshalb gekommen?" fügte sie langsam hinzu. "Es ist mir lieb, daß Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war nämlich … (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen zu sagen hatte, war … Sie sollen Ihren Bruder grüßen. Von mir."—"Das will ich tun. Und ich danke Ihnen dafür! Sie wissen, was Sie meinem Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kämpfte eine Weile mit sich. "Ich bin eine von den Unglücklichen," sagte sie, "die ihr eigenes Leben nicht ins Lot bringen können,—nicht das, was geschehen ist. Ich kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil daran habe."—Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht. Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das Unwetter draußen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie förmlich nach ihr. "Herrgott, was für ein Wetter", sagte Margrete mit lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!" antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestümes sagen. Sie hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stürmte empor in ihre Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, daß sie die Arme in die Luft reckte und mit einem lauten Aufstöhnen auf das Sofa ihrer Mutter niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary ließ sich umarmen und wie ein müdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rührend und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank auf die Schulter der Freundin.