Sie gelangte glücklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und von dort in die Ebene zwischen diesem Hügel und dem nächsten. Hier war einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das Geröll, über das jetzt der Weg führte. In diesem verwitternden Geröll stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm mußte sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, daß Mary jeden Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder in die Höhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten, so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge Birke aber, die so hoch emporragte und eine so üppige Krone hatte und selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener Kraft; an ihr prallte alles ab.

Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach nein, dachte sie, solch Gefühl wäre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu trotzen, der meiner harrt.

Die Lichter auf den Höfen, das einzige, was sie sah, verkündeten
Frieden. Aber sie wußte, was der Friede ihr bringen werde.

Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde allmählich müde. Sie merkte es daran, daß die Bilder überhand nahmen; die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus Büchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brüllten, hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest; aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnäßte ganz. Es sind also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus. Glücklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung nach der nächsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz verschwunden, so würden alle sagen, sie habe den Tod gesucht—und dann auch nach dem Grunde forschen.

Jetzt aber hörte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen. Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war ja schon beim Nachbargehöft, Jetzt sah sie auch die Lichter.

Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, daß sie so untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrüchigen, der am Ufer Menschen sieht.

Als sie über das Gehöft ging, verließ der Hund seinen Posten und kam kläffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrüßung zu holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied über den Kopf und eilte weiter. Kurz darauf hörte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel heftiger. Sie mußte unwillkürlich an Jörgen denken. Wie überhaupt auf dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jörgen verschandelt. Sie konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben mehr ohne ihn.

Sie blickte unwillkürlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen.

Ganz erschöpft rüstete sie sich, den letzten Hügelrücken zu überschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefühl, daß es das letztemal war; aber auch ohne Bangen.

Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren Gedanken wie der Weg unter ihren Füßen. Der führte über die Feldmark von Krogskog auf die Landungsbrücke. Es war so finster, daß ihre Augen, die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die weißen Mauern der Kapelle erst dicht an der Landungsbrücke wahrnahmen. Ihre Gedanken schweiften hinüber zu den Gräbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen sie zurück, um sich zu sammeln für das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zögern setzte sie den Fuß auf die Brücke und ging hinunter. Hier dräute kein Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu freundlich gesinnten Mächten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog betreten hatte. Die Höhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern Umständen hätte sie eine Erleichterung gefühlt, und vielleicht den Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,—jetzt war jeder Gedanke abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein paar Knöpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlüssel herauszuholen; mechanisch steckte sie ihn ins Schloß und öffnete die Badehaustür. Erst als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewußtsein und erschrak. Der Südwestwind, der hier noch übrig geblieben war, schlug die Tür zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein.