Am nächsten Tage war Synnöve vor allen andern gekommen und ging mit einer der Damen und einem jungen Herrn im Garten. Das Fräulein grub Blumen aus und gab sie Synnöve, der Herr war dabei behilflich, und Thorbjörn stand draußen unter den andern und sah zu. Sie erklärten ihr so laut, daß alle es hörten, wie diese Blumen eingepflanzt werden müßten, und Synnöve versprach, es eigenhändig zu tun, damit es genau so würde, wie sie es ihr gesagt hatten. – »Allein kannst du es nicht,« sagte der fremde Herr, und das merkte sich Thorbjörn. – Als Synnöve wieder zu den andern herauskam, erzeigten ihr diese noch mehr Achtung als sonst; Synnöve aber ging zu Ingrid hin, begrüßte sie freundlich und bat sie, mit ihr zusammen auf den Grasplatz hinauszukommen. Dort setzten sie sich hin, denn es war lange her, seit sie vertraulich miteinander geredet hatten. Thorbjörn stand wieder unter den andern und betrachtete Synnöves schöne, ausländische Blumen.
An diesem Tage ging Synnöve mit den andern zusammen nach Hause. – »Soll ich dir nicht die Blumen tragen?« fragte Thorbjörn. – »Das kannst du gern tun,« erwiderte sie sanft, aber ohne ihn anzusehn, dann nahm sie Ingrid bei der Hand und ging voran. In der Nähe von Solbakken blieb sie stehn und sagte Ingrid Lebewohl. »Das kleine Stück kann ich sie sehr gut noch selber tragen,« sagte sie und nahm den Korb auf, den Thorbjörn niedergesetzt hatte. Den ganzen Morgen lang hatte er darüber nachgedacht, daß er sich erbieten wollte, ihr die Blumen einzupflanzen, aber nun kam er nicht dazu, denn sie wandte sich rasch um. Er dachte aber an nichts andres danach, als daß er ihr doch bei den Blumen hätte helfen sollen. – »Worüber habt ihr beiden denn gesprochen?« fragte er Ingrid. – »Über nichts.«
Als die andern alle zu Bette gegangen waren, kleidete er sich leise wieder an und ging hinaus. Es war ein schöner Abend, warm und still; über den Himmel lag ein leichter Schleier von blaugrauen Wolken ausgebreitet, der hie und da zerrissen war, so daß es aussah, als ob jemand aus dem tiefen Blau wie aus einem Auge hervorluge. Niemand war zu sehn in der Nähe des Gehöfts und auch nicht in der Ferne, aber auf allen Seiten zirpten die Heuschrecken im Grase, rechts schlug eine Wachtel, eine andre antwortete ihr von links her, worauf ein Gesang im Grase hin und her anhub, so daß es ihm zuletzt war, wie er dahinging, als habe er ein großes Gefolge um sich, obwohl er nichts sehn konnte. Der Wald zog sich blau, dann dunkel und immer dunkler zum Gebirge hinauf und glich einem großen Nebelmeer. Drinnen aber hörte er den Auerhahn spielen und balzen; eine einsame Eule schrie, und der Gießbach sang seine alten, harten Reime lauter als je – jetzt, wo sich alles niedergelassen hatte, um ihn anzuhören. Thorbjörn schaute nach Solbakken hinüber und schritt weiter. Er bog von den gewöhnlichen Wegen ab, kam schnell hinüber und stand bald in dem kleinen Garten, der Synnöve gehörte und der gerade unter dem einen Giebelfenster lag, gerade unter dem, hinter dem sie schlief. Er lauschte und spähte, aber alles war still. Da sah er sich im Garten nach Arbeitsgerät um und fand auch richtig Spaten und Rechen. Mit der Umgrabung des einen Beetes war schon begonnen worden, aber nur eine kleine Ecke war fertig geworden, in die aber schon zwei Blumen gesetzt worden waren, wahrscheinlich um zu sehn, wie es sich ausnehmen würde. – Sie ist müde geworden, die Ärmste, und hat die Arbeit aufgeben müssen, dachte er; hier ist eine männliche Kraft nötig, dachte er weiter und nahm die Arbeit in Angriff. Er fühlte keine Lust zum Schlafen, ja es war ihm, als habe er niemals eine so leichte Arbeit verrichtet. Er erinnerte sich, wie die Blumen gepflanzt werden sollten, er erinnerte sich auch des Pfarrgartens und richtete nun das eine nach dem andern. Die Nacht verstrich, aber er merkte es nicht, er ruhte kaum, und es gelang ihm auch, das ganze Beet umzugraben, die Blumen einzupflanzen und die eine und die andre wieder umzusetzen, um es noch schöner zu machen, und dabei warf er von Zeit zu Zeit einen Blick nach dem Giebelfenster hinauf, ob nicht vielleicht doch jemand ihn bemerke. Aber weder dort noch anderswo war jemand, auch hörte er nicht einmal einen Hund bellen. Endlich begann der Hahn zu krähen und weckte die Vögel des Waldes, die nun einer nach dem andern aufflogen, um ihre »Guten Morgen« zu singen. Während er so dastand und die Erde glattklopfte, fielen ihm die Märchen ein, die ihm Aslak früher erzählt hatte, und daß er ehemals geglaubt hatte, drüben auf Solbakken wüchsen Kobolde und Hexen. Er schaute zum Giebelfenster hinauf und lächelte bei dem Gedanken, was Synnöve wohl sagen würde, wenn sie in der Morgenstunde herunterkäme. Es war schon ganz hell geworden, die Vögel machten schon einen großen Lärm, deswegen schwang er sich über die Gartenhecke und eilte nach Hause. Ja, nun sollte nur einer sagen, daß er es gewesen wäre, der drüben in Synnöve Solbakkens Garten die Blumen eingepflanzt hätte!
3
Bald erzählte man sich allerlei im Kirchspiel, niemand aber wußte etwas Bestimmtes. Niemals mehr sah man Thorbjörn auf Solbakken, seit sie beide eingesegnet worden waren, und gerade das konnten die Leute gar nicht verstehn. Ingrid kam oft hinüber; dann pflegten Synnöve und sie einen Spaziergang im Walde zu machen. – »Bleibt nicht so lange fort!« rief ihnen die Mutter nach. – »Ach nein!« antwortete Synnöve – und kam vor Abend nicht wieder nach Hause. Die beiden Freier meldeten sich von neuem. »Sie muß selber entscheiden,« sagte die Mutter, der Vater war derselben Ansicht. Als man aber Synnöve beiseite nahm und sie fragte, bekamen beide eine Absage. Es meldeten sich noch mehr Freier, aber niemand hörte, daß einer das Glück von Solbakken mit heimgetragen hätte. Einmal, als die Mutter und sie mit dem Scheuern der Milchkübel beschäftigt waren, fragte die Mutter sie, an wen sie eigentlich denke. Die Frage kam Synnöve so unerwartet, daß sie rot wurde. »Hast du irgend jemand ein Versprechen gegeben?« fragte sie weiter und sah sie forschend an. – »Nein,« antwortete Synnöve schnell. Es wurde nicht weiter über die Sache gesprochen.
Da sie weit und breit die beste Partie war, so folgten ihr lange Blicke, wenn sie zur Kirche kam, dem einzigen Orte, wo sie außer zu Hause zu sehn war. Man sah sie, da die Eltern Haugianer waren, weder beim Tanz noch bei andern Festlichkeiten. Thorbjörn saß ihr im Kirchenstuhl gerade gegenüber, aber sie sprachen, soweit die Leute sehn konnten, niemals miteinander. Daß irgendein Verhältnis zwischen ihnen bestehe, glaubte aber alle Welt zu wissen, und da sie nicht auf dieselbe Weise miteinander verkehrten wie andre junge Brautleute im Tal, fing man an, allerlei über sie zu schwatzen. Thorbjörn wurde unbeliebt. Er hatte wohl selber ein Gefühl davon, denn er kehrte seine rauhe Seite nach außen, wenn er mit andern zusammen war, wie beim Tanz oder auf Hochzeiten, und dann geschah es wohl zuweilen, daß er sich auf Schlägereien einließ. Dies nahm jedoch ab, als man erst merkte, wie stark er war; Thorbjörn gewöhnte sich deswegen früh daran, nicht zu dulden, daß ihm irgend jemand in den Weg trat. – »Jetzt kannst du dich auf deine eigne Faust verlassen,« sagte sein Vater Sämund zu ihm; »vergiß aber nicht, daß meine doch vielleicht stärker ist als die deine.«
Der Herbst und der Winter gingen dahin, der Frühling kam, und noch immer wußten die Leute nichts Bestimmtes. Es waren so viele Gerüchte im Umlauf über die Körbe, die Synnöve Solbakken ausgeteilt hätte, daß sie fast ganz allein dastand. Ingrid aber blieb ihr treu; die beiden sollten in diesem Jahre zusammen auf die Alm, da die Leute von Solbakken einen Anteil an der Granlider Alm gekauft hatten. Man hörte Thorbjörn oben an den Felsabhängen singen, denn er brachte dort allerlei für sie in Ordnung.
Eines schönen Tages, als es schon gegen den Abend zu ging und er mit seiner Arbeit fertig war, setzte er sich hin und sann über dies und das nach, besonders aber dachte er an das, was man sich im Kirchspiel erzählte. Er legte sich auf den Rücken in das rote und braune Heidekraut, und die Hände unter dem Kopf schaute er zum Himmel hinauf, der sich blau und schimmernd über den dichten Laubkronen wölbte. Das grüne Laub und die Tannenzweige flossen in einen wogenden Strom zusammen, und die dunkeln Zweige, die ihn durchschnitten, zeichneten wilde, phantastische Figuren hinein. Der Himmel selbst war aber nur zu sehn, wenn ein Blatt zur Seite wehte; weiterhin, zwischen den Kronen, die nicht zueinander hinreichten, brach er hervor wie ein breiter Bach in launenhaften Windungen. Dies versetzte sein Gemüt in Stimmung, und er begann über das nachzudenken, was er sah.
– – Die Birke lachte wieder mit tausend Augen zu der Tanne hinauf, die Föhre stand da mit stiller Verachtung und spreizte ihre Nadeln nach allen Seiten hin aus; denn je kosender die Luft wehte, desto mehr schwache Schößlinge erstarkten, schossen empor und steckten ihr frisches Laub der Föhre gerade unter die Nase. »Ich möchte wissen, wo ihr diesen Winter gewesen seid,« sagte die Föhre, fächelte sich und schwitzte Harz in der unerträglichen Hitze. »Das ist wirklich zu arg! So hoch im Norden – pfui!«