Das Gebiet zwischen Rovuma und Rufidschi ist von nun an ganz und gar in der Herrschaft der Rebellen geblieben; der Sultan von Sansibar machte Ende September einen letzten Versuch, seiner Autorität Geltung zu verschaffen; allein man antwortete seinem Abgesandten Nasr ben Soliman: Said Khalifa habe nichts mehr zu sagen; er habe sein Land den Deutschen verkauft und werde deswegen nicht mehr als Herrscher anerkannt.

So war anfangs October ganz Deutsch-Ostafrika mit Ausnahme von Bagamoyo und Dar-es-Salaam den Händen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft entwunden worden. Denn wenn auch das Binnenland sich nicht am Aufstand betheiligte und die Stationen in Usungula, Mbambwa und Moschi unangefochten blieben, so hatte die Erhaltung einer dürftigen Autorität im Innern zur Zeit gar keinen Werth, da jede Verbindung vollkommen abgeschnitten war.

Daß aber nicht die ganze Küste den Deutschen verloren ging, namentlich daß Bagamoyo als wichtigster Platz noch erhalten blieb, das ist der Anwesenheit und dem Eingreifen der deutschen Kriegsmarine zu verdanken. Man hat ihr im Mutterlande den Vorwurf gemacht, daß sie ihre Kräfte beim Beginn des Aufstandes nicht voll eingesetzt und mit einigen wuchtigen Schlägen die doch geringe Anzahl rebellischer Araber zu Paaren getrieben hätte. Diesen Vorwurf verdient sie selbst aber nicht. Es scheint, daß der Marine durch höhere Befehle die Hände gebunden waren: sie sollte wol der persönlichen Sicherheit der Deutschen Schutz bieten, aber nicht Schutz ihrer Herrschaft durch kriegerische Actionen. Daraus ließe sich erklären, weshalb in Pangani am 19. August nur eine Wache von zwei Unteroffizieren und 16 Mann von der „Carola” zurückgelassen und weshalb diese vier Tage darauf bei etwas eingetretener Ruhe sofort wieder abgeholt wurden; ferner daß Bagamoyo erst nach dem Angriff vom 23. September eine ständige Garnison von 1 Offizier und 20 Mann erhielt; daß endlich der stellvertretende Commandant der „Möwe” am 23. und 24. September vor Kilwa es nicht wagte, Mannschaften ans Land zu setzen trotz des wahrnehmbaren Kampfes, mit Rücksicht auf die Rüge, welche sich die „Möwe” wegen ihres Streifzuges gegen Tanga am 5. September zugezogen.

Um übrigens die angestrengte Thätigkeit der Marine richtig zu würdigen, muß man sich Folgendes vergegenwärtigen. Das Geschwader bestand beim Ausbruch des Aufstandes aus 4 Schiffen, der „Leipzig”, „Carola”, „Olga” und „Möwe”. Am 8. September kam die „Sophie” dazu; dafür schied die „Olga” sehr bald aus; sie war nach Samoa beordert worden. Mit diesen wenigen Schiffen mußte eine Küstenstrecke von 110 deutschen Meilen, gleich der der ganzen deutschen Nord- und Ostseeküste, beobachtet werden. Man war gezwungen, um überhaupt wirksam auftreten zu können, die drei südlichen Plätze, Kilwa, Lindi und Mikindani, gerade an den schlimmsten Tagen ihrem Schicksal zu überlassen. Man hatte eben nicht Schiffe genug, um im regelmäßigen Turnus die vielen bedrohten Punkte anzulaufen und rechtzeitig Nachricht von bevorstehenden Kämpfen zu erhalten.

Das Eingreifen der einzelnen Schiffe zum Schutze der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft während des Aufstandes bis Ende November ergibt sich aus folgender nach den Consulatsberichten gemachten Zusammenstellung.

„Leipzig” am 21.August vor Bagamoyo. Flaggenhissung.
7.September bei Tanga.
20.bis 23. September vor Bagamoyo. Abwehr des Angriffs.
„Carola” am 16.August vor Bagamoyo. Flaggenhissung.
18.und 19. August vor Pangani. Landung einer Wachtruppe.
28.November vor Windi. Beschießung.
„Olga” am 7.September vor Tanga.
„Möwe” am 16.August vor Pangani. Flaggenhissung.
20.und 21. August vor Bagamoyo. Flaggenhissung.
23.August vor Pangani. Einholen der Wachtruppe der „Carola”.
5.und 7. September vor Tanga. Befreiung der deutschen Beamten.
22.bis 24. September vor Kilwa.
„Sophie” am 8.September vor Tanga.
22.October vor Bagamoyo. Landung einer Wachtruppe.
31.October vor Windi. Beschießung.
28.November vor Windi. Beschießung.
29.November vor Saadani.

Die Brandreden des Cardinal Lavigerie, Erzbischofs von Karthago, in den Monaten August und September gegen die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels und die dadurch aufgeregte öffentliche Theilnahme in ganz Europa boten für den deutschen Reichskanzler eine günstige Handhabe, mit England und Portugal Anfang November ein Abkommen über eine Blokade der ostafrikanischen Küste zu vereinbaren, wodurch einerseits die Sklavenausfuhr gehemmt oder aufgehoben, andererseits durch die Verhinderung der Munitionseinfuhr die Mittel zur Fortsetzung des Aufstandes abgeschnitten werden sollten.

Das Blokadegeschwader, bestehend aus sechs deutschen Schiffen mit 54 Geschützen und 1337 Mann und aus sieben englischen Schiffen mit 52 Geschützen und 1510 Mann, erreichte den einen Zweck, Unterdrückung des Sklavenexports, ziemlich vollständig, soweit sich dies aus der Entfernung beurtheilen läßt. Der Aufstand selbst aber erlitt dadurch keine wesentliche Schwächung. Die angesammelten Massen von Gewehren und Munition, sicherlich heimlich verstärkt durch fortwährende geringere Zufuhr, genügten immer noch zur Ausführung der wenigen Unternehmungen im Charakter des kleinen Krieges.

Um den Aufstand niederzuwerfen, das Ansehen der Deutschen wiederherzustellen und den Handelsverkehr nach dem Innern wieder zu eröffnen, mußte unbedingt die Küste erobert werden. Das vermochte die Marine nicht, man bedurfte einer eigens hierzu bestimmten und geeigneten Landtruppe. Wer sollte sie aufbringen und bezahlen? Der Sultan von Sansibar, der als Souverän der Küste in erster Linie hierzu berufen gewesen wäre, hatte mit seinen Truppen bisher vollständig Fiasco gemacht. Diese fraternisirten lieber mit den Rebellen, als daß sie zu Gunsten der Deutschen den Befehlen ihres Kriegsherrn gehorchten. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, auf sich selbst angewiesen, verfügte über zu geringe finanzielle Mittel, um die Ausgaben zur Lösung einer so unerwartet ihr gestellten Aufgabe zu bestreiten. Sie mußte entweder liquidiren oder die Hülfe des Deutschen Reiches anrufen. Sie wählte das Letztere und mit vollem Recht. Haben doch auch andere europäische Colonien und Colonialgesellschaften, vor allem die englischen, an das Mutterland appellirt, wenn sie in der Bedrängniß durch uncivilisirte Völkermassen die Rettung des eigenen Besitzes und das Ansehen der eigenen Nation in höchster Gefahr und sich dieser gegenüber machtlos sahen. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft wandte sich Anfang Januar 1889 an den Deutschen Reichstag. Der Deutsche Reichstag beschloß durch Gesetz vom 2. Februar 1889 die deutschen Interessen in Ostafrika zu schützen. Hauptmann Wißmann, der berühmte Erforscher des südlichen Kongobeckens, der gründliche Kenner des Araber- und Negercharakters, wurde von S. M. dem Deutschen Kaiser mit der Ausführung des Unternehmens betraut. Eine militärische Expedition wurde ausgerüstet: 14 Offiziere, 4 Aerzte, 4 Verwaltungsbeamte und 100 Unteroffiziere der deutschen Armee traten freiwillig bei ihr ein; 600 Sudanesen und Zulus wurden angeworben und 6 Dampfer in deutschen Häfen gechartert.