»Soweit ich sehen konnte, war es klein und flach und mit einem verblichenen gelben Band zusammengebunden. Haben Sie den großen Kasten ausgepackt? Dann wollen wir jetzt daran gehen.«
Nach wenigen Augenblicken indessen lehnte sich Sherriff mit allen Zeichen der Erschöpfung in seinen Stuhl zurück und meinte, daß er sich niederlegen müsse, wolle er einem zweiten Ohnmachtsanfall vorbeugen. Leath geleitete den alten Herrn sorgsam in sein Zimmer, blieb noch eine Weile an seinem Bette sitzen und begab sich dann wieder an die Arbeit. Nach einer halben Stunde war der Inhalt des größeren Kastens geordnet, und während er sich eine Zigarre anzündete, blickte er unschlüssig auf den kleineren.
»Soll ich den auch in Angriff nehmen? Es wäre wohl das beste. Er wird kaum ein zweites Geheimnis des Barons bergen.«
Er schloß den Kasten auf und packte ihn aus. Der Inhalt war augenscheinlich lange nicht berührt worden, denn ihm entströmte ein dumpfiger Geruch. Mit den alten, vergilbten Papieren war entschieden nicht viel anzufangen.
Was war dies hier? Ein Pachtvertrag. Und dies? Irgendein gerichtliches Dokument über das Recht, einen Weg anzulegen. Und wieder dieses zusammengefaltete ölige Pergament, zwischen dessen Falten noch etwas anderes steckte, das sich hineingeschoben haben mochte? Er schlug es langsam auseinander, und ihm fiel ein kleines, flaches Päckchen, das von einem vergilbten gelben Bande zusammengehalten wurde, entgegen.
Noch eines! Gab es denn wirklich noch eines? In demselben Augenblicke wurde er rot und starrte erstaunt auf die Papiere nieder. Dann aber lachte er, und mit den Worten: »Ein zufälliges Zusammentreffen, natürlich!« löste er das Band und breitete den Inhalt des Päckchens vor sich aus. Woraus bestand er? Aus einem Bündel Briefe, die mit demselben gelben Bande zusammengebunden waren, einem kleinen, amtlich aussehenden Schriftstück, das für sich allein lag, und einer Photographie. Er nahm sie auf und hielt sie so, daß das Licht darauffiel.
Ihm entfuhr kein Schrei, aber die Zigarre entfiel seinen Lippen, seine Augen erweiterten sich, und er saß mit starrem, tieferblaßtem Antlitz da. Während zwei oder drei Minuten verrannen, verharrte er regungslos und stumm, dann erhob er sich mühsam und trat ans Fenster. Der warme frische Luftstrom belebte ihn ein wenig, und er kehrte an seinen Platz zurück. Mit plötzlich wiederkehrender, natürlicher Energie und einem Laut, der wie ein Lächeln klang, ergriff er das kleine Dokument, las es schnell durch, warf es auf den Tisch und streifte das Band von den Briefen.
Es war ungefähr ein Dutzend. Alle außer einem trugen die Handschrift einer Frau, und der eine war zerknittert und mitten durchgerissen, wie von zornigen Händen. Die Tinte war verblaßt, die Daten lagen um mehr als dreißig Jahre zurück. Einen nach dem andern, von Anfang bis zu Ende, las Everard Leath, dann ließ er die geballte Faust schwer auf sie niederfallen und saß mit auf die Brust gesenktem Haupte, gerunzelter Stirn und aufeinandergepreßten Lippen in finsterem Brüten da. Er war so in seine Gedanken vertieft, daß er die Schritte draußen auf dem Kies nicht hörte, noch merkte, daß sie auf den Steinfliesen der Veranda anhielten. Erst als sein Name mehr als einmal genannt worden, sprang er auf, die Briefe noch immer in der Hand haltend, und sah Gräfin Florence draußen vor dem offenen Fenster stehen.