»Inwiefern? Was weiß ich!« Sie zuckte die Achseln. »Was meint man gewöhnlich, wenn man von einem Menschen als von einem schrecklichen Tunichtgut spricht? Wohl, daß er’s in jeder Beziehung ist. Mehr habe ich nie darüber gehört, Robert Mortlake ist verfemt in Turret Court.«
»Sir Jasper spricht nicht von ihm?«
»Nein — und duldet auch nicht, daß irgendein anderer es tut. Selbst sein unschuldiges Bild hängt verkehrt an der Wand. Ich war indiskret genug, es umzudrehen und mir anzuschauen — es ist noch gar nicht lange her — und Sir Jasper war schrecklich — war furchtbar böse. Ich, o — o —«
Sie trat zurück, ihre grauen Augen hingen mit einem plötzlichen Ausdruck der Bestürzung und Verwunderung an Leaths Antlitz; die frische Farbe wich aus ihren Wangen, und sie wurde bleich.
Verwundert über ihr schreckensvolles Erstaunen, das ihm auffallen mußte, blickte er sie an und sagte: »Was ist Ihnen?«
»Nichts — nichts!« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Ich muß gehen, Herr Leath; es ist später, als ich dachte. Nein — kommen Sie nicht mit mir — bitte, nicht! Leben Sie wohl!«
Sie reichte ihm zum Abschiede die Hand, obgleich sie schon zu sich gesagt, daß das eigentlich ganz überflüssig sei, und eilte leichtfüßig über das kurze, braune Gras dahin. Sie warf noch einen Blick über die Schulter zurück und fand bestätigt, was sie schon gewußt, als sie ihn noch auf dem Flecke, wo sie ihn verlassen, stehen und ihr nachblicken sah. Sie ahnte freilich nicht, daß, obwohl seine Augen unverwandt an ihrer hellen Gestalt hingen, er sich dessen nicht bewußt war. Er hatte die Wahrheit gesprochen, als er Sherriff in bitterem Tone erklärte, daß ihn anderes beschäftigte als der Gedanke an die Schönheit einer Frau.
»Welch ein dummer Einfall mir da gekommen ist!« sagte sie halblaut in vorwurfsvollem Tone zu sich selbst. »Und doch kam er mir in einem Augenblick und traf mich wie ein Schlag. Natürlich kann es nur Einbildung sein! Natürlich! Und doch würde es erklären —. Bah! Welcher Unsinn! Weshalb sollte ich nach einer Erklärung suchen, wo mir weder an der ganzen Sache noch an dem Manne selbst das mindeste liegt! Es war dumm von mir, so mit ihm zu reden; die Angelegenheit von Turret Court geht ihn gar nichts an. Ich wollte mitunter, ich wäre nicht eine solche Plaudertasche, aber was kann man von einem irischen Mädchen wohl anderes erwarten?« Sie lachte mit einem Anfluge von Ungeduld und fuhr dann in strengem Tone fort: »Auf alle Fälle etwas Besonnenheit. Deshalb, Florence Esmond, solltest du besagtem Individuum wieder auf der Halde begegnen, so wirst du die Güte haben, daran zu denken, daß du nicht mit ihm reden darfst.«
Solch einen Entschluß zu fassen, war eine Sache — ihn auszuführen, eine andere. Möglicherweise waren die Schicksalsgöttinnen ihm abhold, denn es geschah, daß in den zwei oder drei nächsten Wochen weitere Begegnungen auf der Halde stattfanden, und es trug sich ebenfalls zu, daß Gräfin Florence sich meistens am Ende und nicht am Anfang dieser Zusammenkünfte ihres Entschlusses, sich nicht mehr mit Everard Leath zu unterhalten, erinnerte. Es war sehr langweilig in Turret Court, was vielleicht eine Entschuldigung für sie war.