Es ist, wie mir scheint, bezeichnend, dass der Autor im Kapitel über den introvertierten Mann, um den es sich hier handelt, tatsächlich nicht mehr sagt, als ich hier auszugsweise angegeben habe. Am meisten wird eine Schilderung der Passion vermisst, um derentwillen er doch als „impassioned“ bezeichnet wird. Gewiss muss man in diagnostischen Mutmassungen vorsichtig sein — aber dieser Fall scheint zu der Annahme einzuladen, dass der Abschnitt über den introvertierten Mann wohl aus subjektiven Gründen so mager ausgefallen ist. Man hätte nach der ebenso eingehenden wie ungerechten Schilderung des extravertierten Typus eine ähnliche Gründlichkeit der Beschreibung auch für den introvertierten Typus erwartet. Warum ist sie ausgeblieben?
Setzen wir den Fall, Jordan sei selber auf der introvertierten Seite, so wäre es begreiflich, dass ihm eine ähnliche Beschreibung, wie er sie für seinen Gegentypus mit unbarmherziger Schärfe gibt, wohl kaum gelegen hätte. Ich möchte nicht sagen, wegen Mangels an Objektivität, sondern wegen Mangels an Kenntnis seines eigenen Schattens. Wie der Introvertierte seinem Gegentypus erscheint, das kann der Introvertierte unmöglich wissen oder erdenken, es sei denn, dass er es sich vom Extravertierten vorsagen liesse auf die Gefahr hin, dass er ihn zum Duell fordern müsste. Denn ebensowenig, wie der Extravertierte ohne weiteres gewillt ist, die oben gegebene Charakteristik als ein wohlwollendes und zutreffendes Bild seines Charakters anzunehmen, ist der Introvertierte geneigt, seine Charakteristik von einem extravertierten Beobachter und Kritiker zu empfangen. Sie wäre nämlich ebenso entwertend. Denn in derselben Weise, wie der Introvertierte den Extravertierten zu erfassen versucht und dabei gänzlich daneben gerät, so versucht der Extravertierte das geistige Innenleben des Andern vom Standpunkt der Äusserlichkeit zu verstehen und gerät ebenso gründlich daneben. Der Introvertierte macht immer den Fehler, das Handeln aus der subjektiven Psychologie des Extravertierten ableiten zu wollen, der Extravertierte aber kann das geistige Innenleben immer nur als eine Folge äusserer Umstände begreifen. Ein abstrakter Gedankengang muss für den Extravertierten eine Phantasie, eine Art Hirngespinnst sein, wenn eine objektive Beziehung nicht ersichtlich ist. Und tatsächlich sind introvertierte Gedankengespinnste oft nichts weiteres als solche. Jedenfalls wäre vom introvertierten Mann vieles zu sagen, und ein ebenso vollständiges wie ungünstiges Schattenbild zu geben, wie Jordan dies im frühern Abschnitt über den Extravertierten getan hat.
Von Wichtigkeit scheint mir die Bemerkung Jordans zu sein, dass das Vergnügen des Introvertierten „genuiner Natur“ sei. Das scheint überhaupt eine Eigentümlichkeit des introvertierten Gefühls zu sein: es ist genuin, es ist, weil es aus sich selber da ist, es wurzelt in der tiefern Natur des Menschen, es steigt gewissermassen als sein eigener Zweck aus sich selber empor; es will keinem andern Zwecke dienen, leiht sich auch keinem und begnügt sich damit, sich selbst zu erfüllen. Das hängt zusammen mit der Spontaneität des archaïschen und natürlichen Phänomens, das sich bis dahin noch nicht den Zweckabsichten der Zivilisation gebeugt hat. Zu Recht oder Unrecht, jedenfalls ohne Rücksicht auf Recht oder Unrecht, auf Zweckmässigkeit oder Unzweckmässigkeit, manifestiert sich der affektive Zustand, dem Subjekt aufgedrängt, auch gegen seinen Willen und seine Erwartung. Er hat nichts an sich, was auf gedachte Motivation schliessen liesse.
Auf die weitern Abschnitte des Buches von Jordan möchte ich hier nicht eintreten. Er zitiert historische Persönlichkeiten als Beispiele, wobei vielerlei schiefe Gesichtspunkte herauskommen, die auf dem bereits erwähnten Übelstande beruhen, dass der Autor das Kriterium des Aktiven und des Passiven hereinbringt und mit den andern Kriterien vermengt. Daraus ergibt sich öfters der Schluss, dass eine aktive Persönlichkeit auch zum leidenschaftslosen Typus gerechnet wird und umgekehrt eine leidenschaftliche Natur auch immer passiv sein sollte. Meine Ansicht sucht diesen Irrtum zu vermeiden, indem sie das Moment der Aktivität als Gesichtspunkt überhaupt ausscheidet.
Jordan gebührt aber das Verdienst, zum ersten Mal (meines Wissens!) eine relativ zutreffende Charakterschilderung der emotionalen Typen gegeben zu haben.
V
Das Typenproblem in der Dichtkunst.
Carl Spittelers Prometheus und Epimetheus.
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Das Typenproblem in der Dichtkunst.
Carl Spittelers Prometheus und Epimetheus.