Abwesend auch mir immer gegenwärtig,

So haben meine Kräfte sich entwickelt

Mit jedem Atemzug aus deiner Himmelsluft.“

Auch Goethes Prometheus ist abhängig von seiner Seele. Die Ähnlichkeit mit der Beziehung des Spittelerschen Prometheus zur Seele ist gross. So sagt Spittelers Prometheus zu seiner Seele: „Und ob sie alles mir geraubt, so bleib’ ich über alle Massen reich, so lange einzig Du mir bleibst und nennest mich „mein Freund“ aus deinem süssen Mund und blickest auf mich nieder aus dem stolzen gnadenreichen Antlitz.“ Trotz der Ähnlichkeit der beiden Figuren und ihrer Beziehung zur Seele besteht aber doch ein wesentlicher Unterschied: Goethes Prometheus ist ein Schöpfer und Bildner, und Minerva belebt seine Tongestalten. Spittelers Prometheus ist nicht schaffend, sondern erleidend, nur seine Seele ist schaffend, aber ihr Schaffen ist verborgen und geheimnisvoll. Sie sagt beim Abschied zu ihm[109]: „Und nun, so scheide ich von Dir, denn siehe, meiner harrt ein grosses Werk, ein Werk gewaltger Arbeit voll, und viele Eile tuet not, damit ich es vollende.“ Es scheint, dass bei Spitteler der Seele die prometheiische Schöpferarbeit zufällt, während Prometheus selber bloss die Qual einer schöpferischen Seele erleidet. Goethes Prometheus aber ist selbsttätig, und zwar schöpferisch-tätig in erster Linie und ausschliesslich, und auf Grund seiner eigenen Schöpferkraft den Göttern trotzend:

„Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverey?

Hast du nicht alles selbst vollendet,