Der erneuerte Gott bedeutet eine erneuerte Einstellung, d. h. die erneuerte Möglichkeit intensiven Lebens, eine Wiedererlangung des Lebens, weil psychologisch Gott immer den grössten Wert, also die grösste Libidosumme, die grösste Lebensintensität, das Optimum der psychologischen Lebenstätigkeit bedeutet. Bei Spitteler erweist sich demnach die prometheische Einstellung sowohl wie die epimetheische als unzulänglich. Die beiden Tendenzen dissoziieren sich, die epimetheische Einstellung harmoniert mit dem gegebenen Zustand der Welt, die prometheische dagegen nicht, weshalb letztere auf eine Erneuerung des Lebens hinarbeiten muss. Sie erzeugt auch eine neue Einstellung zur Welt (das der Welt geschenkte Kleinod), allerdings ohne damit bei Epimetheus Anklang zu finden. Trotzdem erkennen wir unschwer im Pandorageschenk bei Spitteler einen symbolischen Lösungsversuch des Problems, das wir schon bei der Besprechung der Schillerschen Briefe hervorgehoben haben, nämlich das Problem der Vereinigung der differenzierten und der undifferenzierten Funktion.

Bevor wir uns aber noch weiter mit diesem Problem beschäftigen, müssen wir zurückkehren zu Goethes Prometheus. Wie wir bereits sahen, bestehen unverkennbare Unterschiede zwischen dem schöpferischen Prometheus Goethes und der erleidenden Figur Spittelers. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die Beziehung zu Pandora. Bei Spitteler ist Pandora ein jenseitiges, der göttlichen Sphäre angehöriges Duplikat der Seele des Prometheus; bei Goethe dagegen ist sie ganz Geschöpf und Tochter des Titanen, also in einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis zu ihm. Schon die Beziehung des Goetheschen Prometheus zu Minerva rückt ihn an Stelle des Vulkan, und die Tatsache; dass Pandora ganz sein Geschöpf ist, und nicht als von den Göttern geschaffen erscheint, macht ihn zum Schöpfergott und entrückt ihn damit der menschlichen Sphäre. Daher sagt Prometheus:

„Und eine Gottheit sprach,

Wenn ich zu reden wähnte,

Und wähnt’ ich, eine Gottheit spreche,

Sprach ich selbst.“

Bei Spitteler dagegen ist alle Gottheit von Prometheus abgestreift, selbst seine Seele ist nur ein inoffizieller Dämon; die Gottheit ist für sich gesetzt, abgetrennt vom Menschlichen. Insofern ist die Goethesche Fassung antik, als sie die Göttlichkeit des Titanen unterstreicht. Dementsprechend muss auch Epimetheus stark daneben abfallen, während er bei Spitteler viel positiver hervortritt. In der „Pandora“ Goethes besitzen wir nun glücklicherweise ein Stück, das uns eine vollständigere Charakterisierung des Epimetheus übermittelt als das bis jetzt besprochene Fragment. Epimetheus führt sich dort folgendermassen ein:

„Nicht sondert mir entschieden Tag und Nacht sich ab,

Und meines Namens altes Unheil trag ich fort;