„Wer, dass er des Geschlechtes Faden fortspinne, pflanzt ihm Samen ein, wer häufte auf ihn Geisteskräfte, gab Stimme ihm und Mienenspiel?“
Auch die Macht des Menschen stammt aus Brahman. Aus diesen Belegen, deren Zahl sich um ein Vielfaches vermehren liesse, geht unzweideutig hervor, dass der Brahmanbegriff übereinstimmt, vermöge aller seiner Attribute und Symbole mit jener Idee einer dynamischen oder schöpferischen Grösse, die ich als „Libido“ bezeichnet habe. Das Wort „Brahman“ bedeutet: 1. Gebet, 2. Zauberspruch, 3. heilige Rede, 4. heiliges Wissen (veda), 5. heiliger Wandel, 6. das Absolutum, 7. der heilige Stand (der Brahmanen). Deussen hebt als besonders charakteristisch die Gebetsbedeutung hervor.[160] Brahman leitet sich von barh, farcire, „die Anschwellung“[161], d. h. das „Gebet“, aufgefasst als „der zum Heiligen, Göttlichen emporstrebende Wille des Menschen.“
Diese Ableitung weist auf einen gewissen psychologischen Zustand hin, nämlich auf eine spezifische Konzentration der Libido, welche durch überfliessende Innervationen einen allgemeinen Spannungszustand hervorruft, der mit dem Gefühl der Anschwellung verknüpft ist. Daher man auch in der Umgangssprache von einem solchen Zustand gerne Bilder von Überfliessen, nicht mehr halten können, zerplatzen usw. gebraucht. („Wess’ das Herz voll ist, dess gehet der Mund über.“) Die indische Praxis sucht diesen Zustand der Stauung oder Anhäufung der Libido planmässig durch Abziehung der Aufmerksamkeit (der Libido) von den Objekten und von den psychischen Zuständen, den „Gegensätzen“, herbeizuführen. Die Abspaltung der Sinneswahrnehmung und die Auslöschung des Bewusstseinsinhaltes führt gewaltsam zu einer Heruntersetzung des Bewusstseins überhaupt (genau wie in der Hypnose) und belebt dadurch die Inhalte des Unbewussten, d. h. die urtümlichen Bilder, die wegen ihrer Universalität und ihres unbeschränkten Alters kosmischen und übermenschlichen Charakter haben. Auf diese Weise kommen dann alle jene Gleichnisse von Sonne, Feuer, Flamme, Wind, Atem, usw. herein, welche von jeher als Symbole für die zeugende, schöpferische, weltbewegende Kraft galten. Da ich mich mit diesen Libidogleichnissen in einer speziellen Untersuchung[162] ausführlich beschäftigt habe, so kann ich mir hier Wiederholungen ersparen. Die Idee eines schöpferischen Weltprinzipes ist eine Projektion der Wahrnehmung des lebenden Wesens im Menschen selbst. Man tut wohl am besten, dieses Wesen abstrakt als Energie aufzufassen, um alle vitalistischen Missverständnisse von vornherein auszuschliessen. Allerdings muss man aber auch auf der andern Seite jene Hypostasierung des Energiebegriffes, welche sich die modernen Energetiker leisten, strikte zurückweisen. Mit dem Begriffe der Energie ist auch der Begriff der Gegensätzlichkeit gegeben, indem ein energetischer Ablauf notwendig die Existenz eines Gegensatzes, d. h. zweier verschiedener Zustände voraussetzt, ohne welche überhaupt kein Ablauf stattfinden kann. Jedes energetische Phänomen (es gibt überhaupt kein Phänomen, das nicht energetisch wäre) manifestiert Anfang und Ende, oben und unten, heiss und kalt, früher und später, Ursprung und Ziel, usw., d. h. die Gegensatzpaare. Die Untrennbarkeit des Energiebegriffes vom Gegensatzbegriff haftet auch dem Libidobegriff an. Die Libidosymbole mythologischer oder philosophisch-spekulativer Natur sind daher entweder durch Gegensätze direkt dargestellt, oder lösen sich zu allernächst in Gegensätze auf. Ich habe auf diese innere Spaltung der Libido schon früher hingewiesen und bin damit auf Widerstand gestossen, zu Unrecht, wie mir scheint, denn die unmittelbare Association eines Libidosymbols mit dem Gegensatzbegriff gibt mir recht. Wir finden diese Association auch beim Brahmanbegriff oder -Symbol. In höchst merkwürdiger Weise findet sich die Form Brahmans als Gebet und zugleich als vorweltliche Schöpferkraft, letztere dabei in die Geschlechtsgegensätze aufgelöst, in einem Hymnus des Rigveda[163]:
„Und dies Gebet des Sängers, aus sich breitend,
Ward eine Kuh, die vor der Welt schon da war;
In dieses Gottes Schoss zusammenwohnend,
Pfleglinge gleicher Hegung sind die Götter.
Was ist das Holz, was ist der Baum gewesen,
Aus dem sie Erd und Himmel ausgehauen,