2. „Es hat ein Unbestimmbares, Vollkommenes gegeben, das wirkte vor Himmel und Erde. Wie still war es und wie formlos, für sich allein, unveränderlich, alles umfassend und unerschöpflich! Es kann als die Mutter aller Dinge betrachtet werden. Ich kenne seinen Namen nicht, aber ich bezeichne es als Tao.“[193]

3. Lao-tsze vergleicht das Tao dem Wasser, um sein Wesen zu kennzeichnen: „Der Segen des Wassers zeigt sich darin, dass es allen gut tut und dabei doch ohne Widerstreben immer den niedrigsten Ort aufsucht, den alle Menschen meiden. So hat es etwas vom Tao an sich.“ — Der Gedanke des „Gefälles“ könnte wohl nicht besser ausgedrückt sein.

4.

„Wer stets begierdelos, der schaut seine Wesenheit,

Wer stets begierdehaft, der schaut seine Aussenheit.“[194]

Die Verwandtschaft mit dem brahmanischen Grundgedanken ist unverkennbar, ohne dass eine direkte Berührung braucht stattgefunden zu haben. Lao-tsze ist ein durchaus origineller Denker, und das urtümliche Bild, das dem rita-Brahman-Atman und Taobegriff zu Grunde liegt, ist allgemein menschlich und findet sich als primitiver Energiebegriff, als „Seelenkraft“ oder wie es sonst bezeichnet werden mag, überall wieder.

5. „Wer das Ewige kennt, ist umfassend; umfassend, daher gerecht; gerecht, daher König; König, daher des Himmels; des Himmels, daher Taos; Taos, daher fortdauernd: er büsst den Körper ein ohne Gefährde.“[195]

Die Kenntnis des Tao hat also dieselbe erlösende und erhöhende Wirkung, wie das Wissen des Brahman: man wird eins mit Tao, mit der unendlichen „schöpferischen Dauer“, um diesen neuesten philosophischen Begriff seinen ältern Verwandten passend anzureihen, denn Tao ist auch der Gang der Zeit.

5. Tao ist eine irrationale, daher durchaus unfassbare Grösse: „Tao ist Wesen, aber unfasslich, aber unbegreiflich.“[196]

6. Tao ist auch nicht seiend: „Alle Dinge unter dem Himmel sind entsprungen aus ihm als dem Seienden, aber das Sein dieses Seienden ist wiederum aus ihm als dem Nichtseienden entsprungen.“[197] „Tao ist verborgen, namenlos.“[198] Tao ist offenbar eine irrationale Vereinigung von Gegensätzen, daher ein Symbol, das ist und nicht ist.