6. „Aber auch Gott wird und vergeht.“[217]

7. „Da alle Kreaturen ihn aussprechen, da wird Gott. Als ich noch im Grunde und Boden der Gottheit weilte, in ihrem Strome und Quell, da fragte mich niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: da war niemand, der mich hätte fragen können. Erst indem ich ausströmte, kündeten alle Kreaturen Gott. — Und warum reden sie nicht von der Gottheit? — Alles, was in der Gottheit ist, ist Eines, und von dem kann man nichts reden. Nur Gott tut etwas; die Gottheit tut nichts, sie hat nichts zu tun, und umgeschaut darnach hat sie sich auch nie. Gott und Gottheit sind unterschieden als Tun und Nichtstun.“ — Wenn ich wieder heim komme in Gott, erbilde ich da nichts mehr in mir, so ist dieser mein Durchbruch viel herrlicher als mein erster Hervorgang. Denn ich — der Eine — bringe ja alle Kreaturen, aus ihrem eigenen in mein Empfinden erhoben, auf dass in mir auch sie das Eine werden! Wenn ich dann zurückkomme in den Grund und Boden der Gottheit, in ihren Strom und Quell, so fragt mich niemand, woher ich komme, oder wo ich gewesen sei: es hat mich niemand vermisst. — Das heisst es: „Gott vergeht.“[218]

Wie aus diesen Zitaten hervorgeht, unterscheidet Eckehart zwischen Gott und Gottheit, wobei Gottheit das sich selbst nicht wissende und nicht habende All ist, während Gott als eine Funktion der Seele erscheint, wie letztere als eine Funktion der Gottheit. Die Gottheit ist offenbar die allverbreitete Schöpfermacht, psychologisch: der zeugende, schaffende Trieb, der sich selbst nicht weiss und nicht hat, vergleichbar der Schopenhauerschen Konzeption des Willens. Gott aber erscheint als das aus Gottheit und Seele Gewordene. Die Seele als Kreatur „spricht“ ihn aus. Er ist, insofern die Seele vom Unbewussten unterschieden ist und insofern sie die Kräfte und Inhalte des Unbewussten wahrnimmt, und er vergeht, sobald die Seele in dem „Strom und Quell“ der unbewussten Kraft untertaucht. So sagt Eckehart an anderer Stelle: „Als ich aus Gott heraustrat, da sprachen alle Dinge: „Es gibt einen Gott!“ Nun kann mich das nicht selig machen, denn hierbei fasse ich mich als Kreatur. Aber in dem Durchbruche, da ich ledig stehen will im Willen Gottes, und ledig auch von diesem Gotteswillen, und aller seiner Werke, und Gottes selber — da bin ich mehr als alle Kreaturen, da bin ich weder Gott noch Kreatur: ich bin, was ich war und was ich bleiben werde, jetzt und immerdar! Da erhalte ich einen Ruck, dass er mich emporbringt über alle Engel. In dem Ruck werd’ ich so reich, dass Gott mir nicht genug sein kann, nach allem, was er als Gott ist, nach allen seinen göttlichen Werken: denn ich empfahe in diesem Durchbruche, was ich und Gott gemeinsam sind. Da bin ich, was ich war, da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da ein Unbewegliches, welches alle Dinge bewegt. Hier findet Gott keine Stätte mehr im Menschen, denn hier hat der Mensch durch seine Armut wieder errungen, was er ewiglich gewesen ist und immer bleiben wird. Hier ist Gott in den Geist hineingenommen.“

Das „Hervorgehen“ bedeutet eine Bewusstmachung des unbewussten Inhaltes und der unbewussten Kraft in der Form einer aus der Seele geborenen Idee. Dieser Akt ist eine bewusste Unterscheidung von der unbewussten Dynamis, eine Trennung von Ich als Subjekt von Gott (d. h. der unbewussten Dynamis) als Objekt. Dadurch „wird“ Gott. Wenn diese Trennung durch den „Durchbruch“, d. h. durch eine „Abscheidung“ des Ich von der Welt und durch eine Identifikation des Ich mit der treibenden Dynamis des Unbewussten wieder aufgehoben wird, dann verschwindet Gott als Objekt und wird zu dem vom Ich nicht mehr unterschiedenen Subjekt, d. h. das Ich als relativ spätes Differenzierungsprodukt wird wieder vereinigt mit der mystischen, dynamischen Allbezogenheit („participation mystique“ der Primitiven). Dies ist das Eintauchen in den „Strom und Quell“. Die zahlreichen Analogien mit den Vorstellungen des Ostens sind ohne weiteres einleuchtend. Berufenere als ich haben sie in ausführlicher Bearbeitung hervorgehoben. Dieser Parallelismus ohne direkte Beeinflussung aber beweist, dass Eckehart aus einer Tiefe des collektiven Geistes denkt, die dem Osten und dem Westen gemeinsam ist. Dieser gemeinsame Grund, für den keine gemeinsame Geschichte verantwortlich gemacht werden kann, ist der Urgrund der primitiven Geistesveranlagung mit seinem primitiven energetischen Gottesbegriff, wo die treibende Dynamis noch nicht im Kristall der abstrakten Gottesidee erstarrt ist. Dieser Rückgriff auf ursprüngliche Natur, diese religiös organisierte Regression zu psychischen Bedingungen der Vorzeit, ist allen im tiefsten Sinne lebendigen Religionen gemeinsam, angefangen mit den Rückidentifikationen bei den Totemzeremonien der Australneger[219] bis zu den Ekstasen christlicher Mystiker unserer Zeit und unserer Kultur. Durch diesen Rückgriff wird wieder ein Anfangszustand hergestellt, die Unwahrscheinlichkeit der Identität mit Gott und vermöge dieser Unwahrscheinlichkeit, die doch zum eindrucksvollsten Erlebnis geworden ist, ergibt sich ein neues Gefälle; die Welt wird wieder geschaffen, indem die Einstellung des Menschen zum Objekt sich erneuert hat.

Es ist eine Pflicht des historischen Gewissens, an dieser Stelle, wo wir von der Relativität des Gottessymboles sprechen, auch jenes in seiner Zeit einsamen Mannes zu gedenken, der, wie es ein tragisches Geschick wollte, zu seiner eigenen Vision kein Verhältnis zu finden vermochte:

Angelus Silesius. Was Meister Eckehart mit grosser Anstrengung des Denkens und vielfach in schwer verständlicher Sprache sich auszudrücken bemühte, das spricht Silesius in kurzen, rührend innigen Versen aus, die aber, gedanklich, dieselbe Relativität Gottes schildern, die schon Meister Eckehart erfasst hat. Ich setze eine Reihe dieser Verse her. Sie mögen für sich selbst sprechen:

1.

Ich weiss, dass ohne mich

Gott nicht ein Nu kann leben,