Wie gehet es doch zu,

Das beide beides sind.

12.

Ich selbst muss Sonne sein,

Ich muss mit meinen Strahlen

Das farbenlose Meer

Der ganzen Gottheit malen.

Es wäre lächerlich, anzunehmen, dass derart kühne Gedanken, wie die des Meister Eckehart nichts als leere Erfindungen bewusster Spekulation wären. Solche Gedanken sind immer historisch bedeutsame Phänomene, welche getragen sind von unbewussten Strömungen in der Collektivpsyche: Tausende von Andern, Namenlosen, stehen dahinter mit ähnlichen Gedanken und Gefühlen unter der Schwelle des Bewusstseins, bereit die Tore einer neuen Zeit zu öffnen. In der Kühnheit dieser Gedanken spricht sich die Unbekümmertheit und unerschütterliche Sicherheit des unbewussten Geistes aus, der mit der Konsequenz eines Naturgesetzes eine geistige Wandlung und Erneuerung herbeiführen wird. Mit der Reformation erreichte die Strömung allgemein die Oberfläche des Taglebens. Die Reformation beseitigte in hohem Masse die Kirche als Vermittlerin des Heiles und stellte wieder die persönliche Beziehung zu Gott her. Damit war der Gipfel der grössten Objektivation der Gottesidee überschritten und von da an subjektiviert sich der Gottesbegriff wieder mehr und mehr. Die Aufsplitterung in Sekten ist logische Konsequenz dieses Subjektivierungsprozesses. Die äusserste Folge davon ist der Individualismus, der eine neue Form der „Abgeschiedenheit“ darstellt und dessen unmittelbare Gefahr das Untertauchen in die unbewusste Dynamis ist. Der Kult der „blonden Bestie“ stammt aus dieser Entwicklung und noch vieles andere, was unsere Zeit vor andern Zeiten auszeichnet. Sobald aber dieses Untertauchen in den Trieb stattfindet, so erhebt sich auf der andern Seite auch immer wieder der Widerstand gegen das rein Gestaltlose, Chaotische der blossen Dynamis, das Bedürfnis nach Form und Gesetz. Indem die Seele in den Strom taucht, muss sie auch das Symbol schaffen, das die Kraft in sich fasst, festhält und ausdrückt. Diesen Prozess in der Collektivpsyche fühlen oder ahnen diejenigen Dichter und Künstler, welche hauptsächlich aus den Wahrnehmungen des Unbewussten, also aus unbewussten Inhalten schaffen, und deren geistiger Horizont weit genug ist, um die Hauptprobleme der Zeit, in ihrer äussern Erscheinung wenigstens, zu fassen.

Spittelers Prometheus setzt an einem psychologischen Wendepunkt ein: er schildert das Auseinanderfallen der Gegensatzpaare, die früher noch beisammen waren. Prometheus, der Bildner, der Diener der Seele, verschwindet aus dem Kreis der Menschen; die menschliche Gesellschaft selber, seelenloser Moralroutine gehorchend, verfällt dem Behemoth, den gegensätzlichen, destruktiven Folgen eines überlebten Ideals. Zu rechter Zeit schafft Pandora (die Seele) im Unbewussten das rettende Kleinod, das die Menschheit nicht erreicht, weil letztere es nicht versteht. Die Wendung zum Bessern erfolgt erst durch das Eingreifen der prometheischen Tendenz, die vermöge der Einsicht und des Verstehens, erst wenige, dann viele Menschen zur Besinnung bringt. Es kann natürlich nicht anders sein, als dass dieses Werk seine Wurzeln im intimen Erleben des Schöpfers hat. Wenn es aber nur in einer poetischen Elaboration dieser rein persönlichen Erlebnisse bestünde, so würde ihm die Allgemeingültigkeit und Dauerhaftigkeit in hohem Masse mangeln. Weil es aber nicht nur Persönliches, sondern in der Hauptsache collektive Probleme unserer Zeit auch als persönliche erlebt, darstellt und behandelt, so kommt ihm Allgemeingültigkeit zu. Zugleich musste es aber auch bei seinem ersten Erscheinen auf die Teilnahmlosigkeit der Zeitgenossen stossen, denn die Zeitgenossen sind jeweils in der grossen Mehrzahl dazu berufen, die unmittelbare Gegenwart aufrecht zu erhalten und zu preisen und auf diese Weise jenen fatalen Ausgang herbeizuführen, dessen Verwicklung der vorausahnende schöpferische Geist schon zu lösen versucht hat.

5. Die Natur des vereinigenden Symbols bei Spitteler.