Die Tatsache, dass gelegentlich schon Kinder in den ersten Lebensjahren die typische Einstellung mit Sicherheit erkennen lassen, nötigt zu der Annahme, dass es keineswegs der Kampf ums Dasein, so wie man ihn allgemein versteht, sein kann, der zu einer bestimmten Einstellung zwingt. Man könnte allerdings, und zwar mit triftigen Gründen, einwenden, dass auch das unmündige Kind, ja sogar der Säugling schon eine psychologische Anpassungsleistung unbewusster Natur zu machen habe, indem besonders die Eigenart der mütterlichen Einflüsse zu spezifischen Reaktionen beim Kinde führe. Dieses Argument kann sich auf unzweifelhafte Tatsachen berufen, wird aber hinfällig durch die Erwähnung der ebenso zweifellosen Tatsache, dass zwei Kinder derselben Mutter schon frühe den entgegengesetzten Typus aufweisen können, ohne dass auch nur im geringsten eine Änderung der Einstellung der Mutter nachzuweisen wäre. Obschon ich unter keinen Umständen die fast unabsehbare Wichtigkeit der elterlichen Einflüsse unterschätzen möchte, so nötigt diese Erfahrung trotzdem zum Schlusse, dass der ausschlaggebende Faktor in der Disposition des Kindes zu suchen ist. Es ist wohl in letzter Linie der individuellen Disposition zuzuschreiben, dass bei möglichster Gleichartigkeit der äussern Bedingungen, das eine Kind diesen, und das andere jenen Typus annimmt. Ich habe hiebei natürlich nur jene Fälle im Auge, welche unter normalen Bedingungen stehen. Unter abnormen Bedingungen, d. h. wo es sich um extreme und daher abnorme Einstellungen bei Müttern handelt, kann den Kindern auch eine relativ gleichartige Einstellung aufgenötigt werden unter Vergewaltigung ihrer individuellen Disposition, die vielleicht einen andern Typus gewählt hätte, wenn keine abnormen äussern Einflüsse störend eingegriffen hätten. Wo eine solche, durch äussern Einfluss bedingte Verfälschung des Typus stattfindet, wird das Individuum später meistens neurotisch, und seine Heilung ist nur möglich durch Herausbildung der dem Individuum natürlicherweise entsprechenden Einstellung.
Was nun die eigenartige Disposition betrifft, so weiss ich darüber nichts zu sagen, als dass es offenbar Individuen gibt, die entweder eine grössere Leichtigkeit oder Fähigkeit haben, oder denen es zuträglicher ist, auf die eine und nicht auf die andere Weise sich anzupassen. Dafür dürften unserer Kenntnis unzugängliche, in letzter Linie physiologische Gründe in Frage kommen. Dass es solche sein könnten, wurde mir wahrscheinlich infolge der Erfahrung, dass eine Umkehrung des Typus das physiologische Wohlbefinden des Organismus unter Umständen schwer beeinträchtigen kann, indem sie meistens eine starke Erschöpfung verursacht.
B. Der extravertierte Typus.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Klarheit der Darstellung ist es nötig, bei der Beschreibung dieses und der folgenden Typen die Psychologie des Bewussten und des Unbewussten auseinanderzuhalten. Wir wenden uns daher zuerst der Beschreibung der Bewusstseinsphänomene zu.
I. Die allgemeine Einstellung des Bewusstseins.
Wie bekannt, orientiert sich jedermann an den Daten, die ihm die Aussenwelt vermittelt; jedoch sehen wir, dass dies in einer mehr oder weniger ausschlaggebenden Weise der Fall sein kann. Der eine lässt sich durch die Tatsache, dass es draussen kalt ist, sofort veranlassen, seinen Überzieher anzuziehen, der andere aber findet dies aus Gründen seiner Abhärtungsabsicht überflüssig; der eine bewundert den neuen Tenor, weil alle Welt ihn bewundert, der andere bewundert ihn nicht, nicht etwa darum, weil er ihm missfiele, sondern weil er der Ansicht ist, was alle bewunderten, brauche noch lange nicht bewundernswert zu sein; der eine ordnet sich den gegebenen Verhältnissen unter, weil, wie die Erfahrung zeige, etwas anderes doch nicht möglich sei, der andere aber ist der Überzeugung, dass, wenn es schon tausendmal so gegangen sei, das tausend und erstemal ein neuer Fall vorliege, usw. Der erstere orientiert sich an den gegebenen äussern Tatsachen, der letztere reserviert sich eine Ansicht, welche sich zwischen ihn und das objektiv Gegebene hineinschiebt. Wenn nun die Orientierung am Objekt und am objektiv Gegebenen vorwiegt in der Weise, dass die häufigsten und hauptsächlichsten Entschlüsse und Handlungen nicht durch subjektive Ansichten, sondern durch objektive Verhältnisse bedingt sind, so spricht man von einer extravertierten Einstellung. Ist diese habituell, so spricht man von einem extravertierten Typus. Wenn einer so denkt, fühlt und handelt, mit einem Wort, so lebt, wie es den objektiven Verhältnissen und ihren Anforderungen unmittelbar entspricht, im guten wie im schlechten Sinne, so ist er extravertiert. Er lebt so, dass ersichtlicherweise das Objekt als determinierende Grösse in seinem Bewusstsein eine grössere Rolle spielt als seine subjektive Ansicht. Gewiss hat er subjektive Ansichten, aber ihre determinierende Kraft ist geringer, als die der äussern objektiven Bedingungen. Er erwartet daher auch nie, in seinem eigenen Innern auf irgend welche unbedingten Faktoren zu stossen, indem er solche nur aussen kennt. In epimetheischer Weise erliegt sein Inneres dem äussern Erfordernis, gewiss nicht ohne Kampf; aber das Ende fällt immer zu Gunsten der objektiven Bedingung aus. Sein ganzes Bewusstsein blickt nach aussen, weil ihm die wichtige und ausschlaggebende Determination immer von aussen zukommt. Sie kommt ihm aber so zu, weil er sie von dort erwartet. Aus dieser Grundeinstellung ergeben sich sozusagen alle Eigentümlichkeiten seiner Psychologie, insofern diese nicht entweder auf dem Primat einer bestimmten psychologischen Funktion oder auf individuellen Besonderheiten beruhen.
Interesse und Aufmerksamkeit folgen den objektiven Vorkommnissen, in erster Linie denen der nächsten Umgebung. Es sind nicht nur die Personen, sondern auch die Dinge, welche das Interesse fesseln. Dementsprechend richtet sich auch das Handeln nach den Einflüssen von Personen und Dingen. Es ist direkt auf objektive Daten und Determinationen bezogen und aus ihnen sozusagen erschöpfend erklärbar. Das Handeln ist in erkennbarer Weise auf objektive Verhältnisse bezogen. Insofern das Handeln nicht bloss reaktiv ist in bezug auf Reize der Umgebung, so hat es doch stets einen auf reale Verhältnisse anwendbaren Charakter und findet innerhalb der Schranken des objektiv Gegebenen genügenden und angemessenen Spielraum. Es hat keinerlei irgendwie ernsthafte Tendenzen, darüber hinauszugehen. Dasselbe gilt vom Interesse: die objektiven Vorkommnisse sind von fast unerschöpflichem Reiz, sodass das Interesse normalerweise nie nach anderm verlangt. Die moralischen Gesetze des Handelns decken sich mit den entsprechenden Anforderungen der Societät, resp. mit der allgemein geltenden moralischen Auffassung. Wäre die allgemein geltende Anschauung eine andere, so wären auch die subjektiven moralischen Leitlinien andere, ohne dass damit am psychologischen Gesamthabitus irgend etwas geändert wäre. Diese strenge Bedingtheit durch objektive Faktoren bedeutet nun keineswegs, wie es etwa den Anschein erwecken könnte, eine völlige oder gar ideale Anpassung an die Lebensbedingungen überhaupt. Einer extravertierten Ansicht muss allerdings eine solche Einpassung in das objektiv Gegebene als eine völlige Anpassung erscheinen, denn dieser Ansicht ist ein anderes Kriterium überhaupt nicht gegeben. Es ist aber, von einem höhern Standpunkt aus, gar nicht gesagt, dass das objektiv Gegebene auch unter allen Umständen das Normale sei. Die objektiven Bedingungen können zeitgeschichtlich oder lokal abnorme sein. Ein Individuum, das in diese Verhältnisse eingepasst ist, macht zwar den abnormen Stil der Umgebung mit, ist aber, zugleich mit seiner ganzen Umgebung in einer abnormen Lage hinsichtlich der allgemein-gültigen Lebensgesetze. Der Einzelne kann dabei allerdings florieren, aber nur solange, bis er mit seiner ganzen Umgebung an der Versündigung gegen die allgemeinen Lebensgesetze zugrunde geht. Diesen Untergang muss er mit derselben Sicherheit mitmachen, mit der er vorher dem objektiv Gegebenen eingepasst war. Er hat Einpassung, aber nicht Anpassung, denn die Anpassung verlangt mehr als ein bloss reibungsloses Mitgehen mit den jeweiligen Bedingungen der unmittelbaren Umgebung. (Ich verweise auf Spittelers Epimetheus.) Sie verlangt eine Beobachtung jener Gesetze, welche allgemeiner sind als lokale und zeitgeschichtliche Bedingungen. Die blosse Einpassung ist die Beschränktheit des normalen extravertierten Typus. Seine Normalität verdankt der extravertierte Typus einerseits dem Umstande, dass er den gegebenen Verhältnissen relativ reibungslos eingepasst ist und natürlicherweise keine andern Ansprüche hat, als die objektiv gegebenen Möglichkeiten auszufüllen, also z. B. den Beruf zu ergreifen, der an dieser Stelle und zu dieser Zeit aussichtsreiche Möglichkeiten bietet, oder gerade das zu tun oder zu verfertigen, wessen die Umgebung momentan bedarf, und was sie von ihm erwartet, oder sich aller Neuerungen zu enthalten, welche nicht durchaus auf der Hand liegen, oder sonstwie über die Erwartung der Umgebung hinausgehen. Andererseits aber beruht seine Normalität auch auf dem wichtigen Umstand, dass der Extravertierte die Tatsächlichkeit seiner subjektiven Bedürfnisse und Notwendigkeiten in Rechnung zieht. Das ist nämlich sein schwacher Punkt, denn die Tendenz seines Typus geht dermassen nach aussen, dass leicht auch die sinnenfälligste aller subjektiven Tatsachen, nämlich das Befinden des Körpers, als zu wenig objektiv, als zu wenig „aussen“ nicht genügend in Betracht fällt, sodass die zum physischen Wohlbefinden unerlässliche Befriedigung elementarer Bedürfnisse nicht mehr zustande kommt. Infolgedessen leidet der Körper, geschweige die Seele. Doch von diesem letztern Umstand merkt der Extravertierte in der Regel wenig, desto mehr aber seine intime häusliche Umgebung. Fühlbar wird ihm der Gleichgewichtsverlust erst dann, wenn sich abnorme Körperempfindungen melden.
Diese tastbare Tatsache kann er nicht übersehen. Es ist natürlich, dass er sie als concret und „objektiv“ ansieht, denn für seine Mentalität gibt es nun einmal nichts anderes — bei ihm. Bei andern sieht er die „Einbildung“ sofort. Eine zu extravertierte Einstellung kann auch dermassen rücksichtslos gegen das Subjekt werden, dass letzteres den sog. objektiven Anforderungen ganz aufgeopfert wird, z. B. durch ein beständiges Vergrössern des Geschäftes, weil doch Bestellungen vorliegen und weil doch die Möglichkeiten, die sich aufgetan haben, ausgefüllt werden müssen.
Die Gefahr des Extravertierten ist, dass er in die Objekte hineingezogen wird und sich selbst darin ganz verliert. Die daraus entstehenden funktionellen (nervösen) oder wirklichen körperlichen Störungen haben eine compensatorische Bedeutung, denn sie zwingen das Subjekt zu einer unfreiwilligen Selbstbeschränkung. Sind die Symptome funktionell, so können sie durch ihre eigentümliche Artung symbolisch die psychologische Situation ausdrücken, z. B. bei einem Sänger, dessen Ruhm rasch eine gefährliche Höhe erreicht, die ihn zu unverhältnismässigen Energieausgaben verführt, versagen aus nervöser Hemmung plötzlich die hohen Töne. Bei einem Manne, der sehr rasch aus bescheidensten Anfängen zu einer sehr einflussreichen und aussichtsvollen sozialen Stellung gelangt ist, stellen sich psychogen alle Symptome der Bergkrankheit ein. Ein Mann, der im Begriffe steht, eine von ihm vergötterte und masslos überschätzte Frau von sehr zweifelhaftem Charakter zu heiraten, wird von einem nervösen Schlundkrampf befallen, der ihn zwingt, sich auf zwei Tassen Milch pro Tag zu beschränken, deren Aufnahme je drei Stunden erfordert. Damit ist er wirksam verhindert, seine Braut zu besuchen und kann sich nur noch mit der Ernährung seines Körpers beschäftigen. Ein Mann, der der Arbeitslast seines durch eigenen Verdienst enorm ausgedehnten Geschäftes nicht mehr gewachsen ist, wird von nervösen Durstanfällen heimgesucht, infolge deren er rasch einem hysterischen Alkoholismus verfällt. Wie mir scheint, ist die weitaus häufigste Neurose des extravertierten Typus die Hysterie. Der hysterische Schulfall ist immer durch einen übertriebenen Rapport mit den Personen der Umgebung charakterisiert, ebenso ist die geradezu imitatorische Einpassung in die Verhältnisse eine bezeichnende Eigentümlichkeit. Ein Grundzug des hysterischen Wesens ist die beständige Tendenz sich interessant zu machen und bei der Umgebung Eindrücke hervorzurufen. Ein Correlat dazu ist die sprichwörtliche Suggestibilität, die Beeinflussbarkeit durch andere Personen. Eine unverkennbare Extraversion zeigt sich auch in der Mitteilsamkeit der Hysterischen, welche gelegentlich bis zur Mitteilung rein phantastischer Inhalte geht, woher der Vorwurf der hysterischen Lüge stammt. Der hysterische „Charakter“ ist zunächst eine Übertreibung der normalen Einstellung, dann aber kompliziert durch compensatorische Reaktionen von Seiten des Unbewussten, welche der übertriebenen Extraversion entgegen die psychische Energie durch körperliche Störungen zur Introversion zwingen. Durch die Reaktion des Unbewussten entsteht eine andere Kategorie von Symptomen, die mehr introvertierten Charakter haben. Hieher gehört vor allen Dingen die krankhaft gesteigerte Phantasietätigkeit. Nach dieser allgemeinen Charakterisierung der extravertierten Einstellung wenden wir uns nun der Beschreibung der Veränderungen, welche die psychologischen Grundfunktionen durch die extravertierte Einstellung erleiden, zu.