EINFÜHRUNG IN DAS ERSTE BUCH.
Die englische Presse.
WENN die Presse in dem Zeitabschnitt von der dritten bis zur vierten Jubelfeier der Buchdruckerkunst einen derartigen Aufschwung nahm, dass man ihr einen Platz unter den Grossmächten einräumte, so hat man dies ganz besonders England zu verdanken. Nirgends hat man, nachdem schon frühzeitig der schwere, jedoch erfolgreiche Befreiungskampf der Presse gegen ihre Feinde geführt war, es in gleichem Masse verstanden, die Unabhängigkeit derselben von aller Despotie von oben und unten zu schützen, wie dort. Nirgends ist der Einfluss der Presse auf die öffentliche Meinung ein grösserer und wohlthätigerer gewesen; nirgends ist sie in gleicher Weise von dem Vertrauen des Publikums getragen worden, und nirgends hat sie sich eines solchen Vertrauens durch ihre Festigkeit und ihr Fernhalten von unreinen Tendenzen würdiger gezeigt, als in England. Kein Volk war so, wie das englische, von dem Bewusstsein durchdrungen, welch ein Palladium es in seiner freien Presse besass, ein Bewusstsein, welchem der bekannte Staatsmann und Dichter Sheridan in den stolzen Worten Ausdruck verlieh: „Gebt mir meinetwegen einen Tyrannen zum König, ein widerhaariges Oberhaus und ein demoralisiertes Unterhaus, lasst mir aber die Presse und ich will sie alle über den Haufen werfen“.
Verdienste der Engländer.
Kein Wunder, dass die Engländer, als einmal dies Bewusstsein von der Wichtigkeit der Presse bei ihnen Wurzel gefasst hatte, nun auch vor allen anderen Völkern es sich angelegen sein liessen, der Buchdruckerkunst ihre Teilnahme zu bekunden und sie derartig auszubilden, dass sie die ihr zu teil gewordene grosse Aufgabe auch vollständig zu erfüllen imstande war. Während in dem XVI. Jahrhundert druckende und zeichnende Kunst in so glänzender Weise auf dem Kontinente sich verbunden hatten, leisteten die Engländer auch nicht annähernd das, was Deutschland, Italien, Frankreich oder selbst die Niederlande schafften. Als jedoch mit dem XIX. Jahrhundert die Aufgaben der Presse für das politische und praktische Leben immer grössere Dimensionen annahmen, da waren es die Engländer, die mit dem ihnen innewohnenden praktischen Sinn, verbunden mit ihrer Energie, allen anderen voran ihr Augenmerk auf die technische Vervollkommnung der Kunst richteten, so dass von nun an der Schwerpunkt der typographischen Geschichte mehr in der Geschichte der mechanischen Erfindungen als in der der ausübenden Buchdrucker liegt.
Und da werden wir sehen, wie fast alle Verbesserungen und weitgehenden Reformen in der Technik der Druckkunst, der Schriftgiesserei, der Xylographie, der Farbenfabrikation, der Stereotypie und des Pressenbaues aus England stammen. Ja, selbst die rasche Einführung der deutschen, alle anderen weit hinter sich lassenden Erfindung der Schnellpresse haben wir, nach des Erfinders eigenen Worten, nur England zu verdanken, nicht minder die Dienstbarmachung des Dampfes für die Zwecke der Typographie.
Nordamerika.
Nordamerika gebührt der Ruhm, neben dem Mutterlande sehr vieles zur Vervollkommnung des typographischen Apparats beigetragen zu haben. Hinsichtlich des Pressenbaues, der Stereotypie und der Schriftgiesserei zahlte es seine typographische Schuld mit Zins vom Zins an das Mutterland redlich zurück, und nicht selten hatten die Erfindungen, welche in letzterem geschäftlich ausgebeutet wurden, ihre Heimat jenseit des Ozeans, nicht selten wurden auch wieder englische Erfindungen dort der Vollkommenheit nähergebracht.