„Das wäre keine Strafe für mich,“ entgegnete das Sandrohr. „Im Gegenteil. Ich fühle mich sogar am allerwohlsten, wenn du über mich hinwehst. Aber nun hört zu!“
Der Sand lag ganz still da mit seinen feinen Runzeln und Falten, und auch die Erde lauschte. Die Spinne blieb auf ihren langen zottigen Beinen stehen, die Fliegenmaden krochen unter dem toten Goldbutt hervor, die Möwe stand auf einem Stein dicht am Ufer, und der Wind und das Sandhaargras hörten auf zu flüstern. Sie waren alle so gespannt darauf, ob das Sandrohr etwas zu erzählen wüßte, das die prahlerische Erde zum Schweigen bringen könnte.
Und dann begann das Sandrohr:
„Ihr müßt wissen, daß es eigentlich eine große Schande ist, wenn das Sandhaargras in dem Rufe steht, den Sand in den Dünen zu binden; denn das besorge ich weit mehr.“
„Da sehen wir es!“ rief das Sandhaargras verletzt.
„Ich finde, ihr habt keinen Grund zum Zanken,“ sagte die Erde. „Aber wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde.“
„Es ist so, wie ich sage,“ fuhr das Sandrohr fort, „und ich finde, ihr sollt es wissen, weil mein Schicksal so unglücklich ist. Wenn ich aus meinem Samen hervorwachse, dann versende ich meine feinen Wurzeln weit und tief durch den Sand hin. Da, wo ich heraufkomme, treibe ich einen kleinen Büschel von Blättern, und von ihm aus kriechen meine Wurzelstöcke weit, weit über den Sand hin, schlagen wieder feine Wurzeln, bauen neue Blattbüschel usw., solange ich lebe.“
„Das ist ja gewiß sehr interessant,“ sagte das Sandhaargras höhnisch. „Aber diese Geschichte hätte ich ebensogut erzählen können, denn ich mache es genau so.“
„Interessant kann man es nicht nennen,“ verkündete die Erde. „Aber es ist rührend. Die Vorstellung, daß das Sandrohr in dem kläglichen Sande wachsen und wachsen soll, ist geradezu herzzerreißend.“