Reise
eines
Erdbewohners
in
den Mars
— — Pictoribus atque Poetis
Quodlibet audendi semper fuit
æqua potestas.
HORAT.
Philadelphia,
1790
Inspicere tamquam in speculum —
— — — — suadeo
TERENT.
Lange sah ich aus einem fremden Welttheile mit Aergerniß dem kindischen Spiele zu, das Europa, in unserem tändlenden Jahrhunderte, mit Luftballen und Luftschiffen trieb; und lachte über das wichtige Ansehn, das man sich dabei gab, und über das Zettergeschrei, das man als über eine nützliche und wichtige Erfindung erhob: ohngeachtet die Sache an sich nichts mehr und nichts weniger ist, als was uns die Kinder alle Tage mit ihren Saifenblasen und ihren papiernen Drachen sehen lassen, die hoch in der Luft fliegen, wohin sie der Wind treibt; nur mit dem Unterschiede, daß unsere Luftschiffe mit buntem Taffet überzogen, und mit zierlichen Fränzchen verbrämt sind, und darin ein französischer Windbeutel sitzt, luftig genug, um von der Luft getragen zu werden. Mehr noch lachte ich, als ich darüber in meinen Büchern nachschlug, und in Sturmii colleg. curios. fand, daß bereits im Jahre 1670 ein Jesuite in China, P. Lana, und ein gewisser P. Bartholomeo in Spanien, die Kunst in der Luft zu schiffen ans Licht gebracht, und daß ersterer sogar ein Werk unter dem Titel: Prodromo della arte maestra, über diese Kunst, und über die Einrichtung dieser Maschinen herausgegeben habe, worin er bewieß, wie man ein Schiff in der Luft steuern und lenken könnte, wohin man wollte.
Abermal — sagt’ ich — eine Erfindung aus dem Alterthume, die unser pralerisches Jahrhundert als seine eigene ausgiebt, und auch diese noch dazu verstümmelt!
Ich dachte indeß der Erfindung des P. Lana nach, und sann auf Mittel, sie ausführbar zu machen. Ich zog darüber andere Gelehrte zu Rathe, verschrieb sogar derer aus entfernten Ländern, und da mir das Glück beträchtliche Reichthümer beschert hatte: so sparte ich keine Kosten, meinen Zweck zu erreichen. Es gelang uns. Mein Muth wuchs dadurch. Ich verfiel nun darauf, daß es auch nicht unmöglich seye, eine Reise ausser unserm Planeten zu machen, und beschloß ein- für allemal, den Versuch zu wagen: denn in dem Unsrigen schien mir überdieß alles, durch die vielen Reisenden und Reisebeschreibungen zu Wasser und zu Lande, so ganz erschöpft, daß nicht ein Plätzchen handgros mehr übrig blieb, wovon sich noch was hätte sagen lassen, das nicht schon hundertmal satirisch, moralisch, politisch, geographisch, historisch, statistisch &c. &c. gesagt worden wäre.
Da nun aber die größte Schwierigkeit, die, wie man bisher glaubte, die Reise nach einem fremden Planeten unmöglich macht, darin besteht, daß wir, aus Mangel an Luft, uns nicht ausser unserer Athmosphäre empor schwingen können: so hatt’ ich, mit Hülfe meiner Gelehrten, Mittel erfunden, wodurch das Schiff mit einem solchen Vorrathe von Luft versehen werden konnte, daß wir damit gar leichtlich in den oberen Regionen auszureichen im Stande waren.
Wie dieß geschah — und wie überhaupt das Schiff, das ich dazu errichten ließ, gebaut war: hievon werd’ ich noch einen besonderen Abriß, samt der weitläufigen Beschreibung, veranstalten; um nicht, wie irgend ein teutscher Reisebeschreiber, durch die Beschreibung meines Fahrzeuges, beinahe den halben Raum meines Buches auszufüllen.
Da ich irgendwo gelesen hatte, daß ein gar gelehrter Mann in Preussen hinten an seinen Reisewagen einen Meilenmesser hatte anbringen lassen, so ließ ich nicht minder so ein Ding an den Schwanz meines Luftschiffes befestigen: und nachdem mir ein großer Astrologe die Videnda im Monde und in der Venus in meine Schreibtafel notirt hatte, so trat ich mit meinem ältesten Sohne, einem Paare geschickter Naturkundiger — die hier die Luftsteuermänner waren — und einigen Ruderknechten, im Zutrauen auf Gott, mutig und getrost meine Reise an; eine Reise, die dem Publikum vielleicht unglaublich scheinen dürfte, weil sie ihm noch unbekannt seyn wird; welches aber davon kömmt: daß wir in meinem Welttheile weniger öffentliche Neuigkeitstrompeter, als in Europa, haben, und ich nicht vor der Zeit ein Geschrei davon — wie die Europäer von ihrem Luftballen — mit vollen Pausbacken in die Welt erheben wollte.