Ich selbst? Ach, ich bin ein armes, suchendes, zagendes Menschenkind, aber ich besitze wenigstens so viel Verstand, froh auszusehen, auch wenn mir das Herz in der Kehle steckt. Und schon das rechne ich mir zur Ehre an.
Aber ....
Dann kommt das Totengerippe klappernd Deine Treppe hinauf. Du schlägst die Tür ins Schloß und hältst zu. Näher und näher kommt es. Es faßt an die Klinke und zieht, stärker und stärker; Du vermagst nicht länger .... Die Spalte wird größer und größer, jetzt kannst Du ihm in seine unergründlichen Augen schauen, die Dir alles und nichts sagen.
Welch’ eine Welt! Deine Kräfte sind zu Ende. Du warst eben im Begriff, Deinen Griff loszulassen, weil Deine Finger erstarren ...
Da geht er. So ganz ohne weiteres!
Sie ist gerettet! — „Alle Gefahr vorüber!“ sagt der Arzt, und ich finde ihn herrlich und mächtig, ich würde seine Knie umfassen, dürfte ich meinen Gefühlen nachgeben. Aber das, was ich küsse, sind ihre, meines geliebten, armen, kleinen, abgemagerten Weibes schmale Fingerspitzen, die Ärmelspitzen und der von der Pflegerin geflochtene Zopf, der sich so schwarz abhebt von dem weißen Bett.
Mit welcher bezaubernden Pracht schimmert einem das Leben wieder!
Und Du gehst auf den Zehenspitzen, und Du flüsterst, aber Du fühlst, daß Du vor Glückseligkeit strahlst, und Du ziehst Dich in die Einsamkeit zurück, setzt Dich hin und läßt es unbehindert heruntertropfen in das Gesangbuch, an der Stelle, wo Du gestern lasest:
„Siehe, das Grab wird geöffnet und in dessen Tiefe verschwindet Dein Freund. Er kehret nicht zu Dir zurück, aber bald wirft Du ihm nachfolgen. Bald ruhen unsere erstarrten Glieder, und weder Sommerwind noch Sonnenschein wird ihnen wieder Leben spenden.“