Zweites Kapitel.
In Aberdeen und Edinburg.

Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre kannte Alexander keinen anderen Lehrer als seinen Vater und keine andere Schule als das Elternhaus. Der vielbeschäftigte Prediger konnte jetzt die Studien seines Sohnes nicht mehr überwachen und sandte ihn auf eine Schule zu Aberdeen, der Hauptstadt von Nordschottland. Dort studierte Alexander mit allem Fleiß zur völligen Zufriedenheit der Lehrer. In der freien Zeit besuchte er entweder ein photographisches Atelier, um Photographieren zu lernen, oder die Schiffswerft, um sich in die Kunst des Schiffbaues einführen zu lassen. Wer hätte damals geahnt, daß er diese Kenntnisse später an dem Riesensee Viktoria Niansa in Ostafrika so gut verwerten könne!

Wie die meisten großen Männer in der Welt, so hatte auch der Held von Uganda eine tüchtige Mutter. Sie erkannte früh nicht nur die großen Vorzüge ihres hochbegabten Kindes, sondern auch die damit verbundenen Gefahren für das Seelenleben. Ihr war vor allem darum zu tun, daß Alexander ein Gotteskind werde, und sie betete stets um seine Bewahrung vor Stolz und Eitelkeit. Denn den Demütigen gibt Gott Gnade, und Hochmut führt zum Fall. Nach Gottes unerforschlichem Rat sollte Mackay die betende Mutter früh verlieren. Während er in Aberdeen weilte, entschlief sie unter heißen Wünschen für die Bekehrung ihres lieben Sohnes. Im tiefsten Schmerz stand er an der Bahre. Da reichte ihm eine Verwandte, die treue Pflegerin der Verklärten, das Vermächtnis der Mutter. Es war ihre Lieblingsbibel, das Hochzeitsgeschenk ihres Mannes. Eigenhändig hatte die Sterbende darin mehrere Stellen zur besonderen Beherzigung angemerkt. Sie ließ ihm sagen, er solle nur fleißig in der Schrift lesen und forschen, damit sie ihn unterweise zur Seligkeit durch den Glauben an Christum Jesum. Dann werde er die Mutter wiedersehen in der Herrlichkeit. Alexander preßte das teure Andenken an die bewegte Brust und weihte sich ganz dem Heiland seiner Seele. Die Bibel wurde sein größter Schatz und die Richtschnur seines ganzen Lebens. Der Held von Uganda empfing das Schwert des Geistes aus der Hand seiner sterbenden Mutter.

Im Jahre 1867 nahm der Vater eine Stelle in der schottischen Hauptstadt Edinburg an und siedelte mit der Familie über in diese unvergleichlich schöne Stadt. Der siebzehnjährige Alexander besuchte hier die freikirchliche Hochschule. Dank seiner guten Vorbildung errang er sich bei der Aufnahmeprüfung das beste Stipendium. Ein Studiengenosse gibt zwanzig Jahre später folgende Charakterschilderung von dem jungen Studenten: »Sein Benehmen war sehr ruhig und zurückhaltend. Er hat wenig Umgang gehabt. Wer aber den Vorzug näherer Bekanntschaft mit ihm genoß, fand ihn außergewöhnlich belesen und durch sein Wissen weit über den Durchschnitt der Studenten hervorragen. Er war sehr energisch, sehr eifrig und gründlich in der Arbeit und voller Ausdauer, wenn Schwierigkeiten zu überwinden waren. Es war keine Spur von Strohfeuer oder hohlem Schein in ihm, sondern eine tiefe, stille Begeisterung.« Nach zwei Jahren erwarb er sich das Diplom durch ein gutes Examen und vier verschiedene Preise in Freihand-, Perspektive- und Modellzeichnen.

Die Berufswahl, welche er nun vor dem Weiterstudieren treffen mußte, ergab sich ihm von selbst. Er wurde mit der Einwilligung des Vaters Ingenieur und studierte noch weitere drei Jahre, um in jeder Richtung vorwärtszukommen. Was einst ein Lehrer über den deutschen Dichter Lessing sagte, kann man auch auf den Studenten Mackay anwenden: »Er war ein Pferd, das doppelt Futter brauchte.« Ein Jahr war noch den alten Sprachen, der Mechanik, der höheren Mathematik, der Naturphilosophie und dem Festungsbau gewidmet. Die übrigen beiden Jahre unterrichtete er morgens in einer Schule, um sich etwas zu verdienen, und nachmittags stand er im Arbeitskittel in einer mechanischen Werkstatt, um sich praktisch zu üben. Abends besuchte er Vorlesungen über Chemie und Geologie, die in der Kunsthalle gehalten wurden. Man kann nie zuviel lernen. Als Missionar schrieb er später seinem Vater in bezug auf die Ausbildung: »Ich bin soweit davon entfernt, meine Erziehung für verfehlt zu halten, daß ich mir das doppelte Wissen sowohl an Gelehrsamkeit als auch an praktischen Fertigkeiten wünsche. Man kann nie genug wissen oder verstehen, um ein brauchbarer Missionar zu sein im Inneren Afrikas.«

Der Sonntag war aber ganz geistlicher Erquickung und Arbeit geweiht. Gewöhnlich saß er morgens unter der Predigt des gesalbten Geistlichen Horatius Bonar, während der Nachmittag und Abend dem Helferdienst in Sonntagschule und einer sogenannten Armenschule gehörte. In dieser Arbeit lernte er einen anderen jungen Streiter, Dr. Smith, kennen und lieben. Beide Freunde fanden später im Dienste des himmlischen Königs am Viktoria Niansa ihr frühes Grab.

Drittes Kapitel.
Als Ingenieur in Berlin.

Im November 1873 reiste Mackay nach Deutschland, um hier praktisch tätig zu sein und die deutsche Sprache zu lernen. In Berlin-Moabit fand er bald eine gute Anstellung in einer Maschinenfabrik, die später einging. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, aber der Umgang mit den ungläubigen Kollegen bereitete ihm manche bittere Stunde. Daß auch dies eine Vorbereitung für ihn war, erkannte er später mit Dank. Der klugen Schwester, die später seine Biographie schrieb, schüttete er brieflich das Herz aus: »Ich lebe hier unter den reinen Heiden. Fast alle sind Gottesleugner und geben das Dasein Gottes nur durch den ständigen Ausruf: ›Ach Gott!‹ zu. Da es ihnen nicht gelungen ist, mir die Torheit meines Glaubens zu beweisen, fangen sie an, sich in den entsetzlichsten Gotteslästerungen zu gefallen, um ihren Spott über Religion wirksamer an den Mann zu bringen. Man schaudert, wenn man sie hört. Das zwingt mich, so wenig als möglich mit ihnen zu reden. Ich kann also nicht soviel Deutsch sprechen, wie ich möchte.«

In seiner Berufsarbeit hatte er großen Segen. Er wurde befördert und als erster Werkführer aus dem Zeichensaal in die Abteilung für Lokomotiven berufen, wo er unter den Arbeitern einen willkommenen Wirkungskreis fand. Der Geist suchender Liebe ließ den Vorgesetzten vor allem an das Seelenheil seiner Untergebenen denken. In seinem Tagebuch seufzt er in dieser Zeit aber oft über innere Dürre und Kraftlosigkeit. Er geht ins Selbstgericht und fragt sich: »Bin ich ein Licht? Ich liege im Sündenschlaf und bin ein untreuer Haushalter. O Herr, vergib mir! O, daß ich die rechten Worte fände, ein Zeugnis abzulegen vom Herrn!« In einem Briefe wiederum: »Eins ist mir vor allem klar geworden: mein Christentum muß lebendig werden.«

An der Förderung seines inneren Lebens haben neben den Stürmen im Zeichenbureau noch andere Dinge mitgewirkt und schließlich dazu beigetragen, daß er sich der Mission widmete. Wie Israel in der Wüste ein Elim mit Wasser und Palmen, so fand Mackay im Babel an der Spree eine Oase im Hause des gottseligen Hofpredigers Dr. Baur. Die Predigerfamilie gewann ihn lieb, nahm ihn auf in ihr Haus und hielt ihn wie einen Sohn. Hier pflegte sich allwöchentlich ein Kreis ernster Christen und warmer Missionsfreunde zu einer Bibelbetrachtung zu versammeln, darunter eine Schwester Bismarcks, die Frau von Arnim, Gräfin Hake und Graf und Gräfin Egloffstein. Die letztere interessierte sich sehr für den jungen, frommen Ingenieur und blieb mit ihm später während seiner Kämpfe in Afrika auch in regelmäßigem Briefwechsel. Als er dort gefallen war, schrieb sie an seine Schwester in England: »Bei der unerwarteten, traurigen Nachricht von dem Tode Ihres hochherzigen Bruders rufe ich mir die Zeit ins Gedächtnis, in welcher wir seine Bekanntschaft machten bei Hofprediger Baur, wo wir mit lieben Freunden zusammen die Bibel lasen. Da lernten wir Ihres Bruders Bibelkenntnis wie das warme Interesse schätzen, mit dem er nach der Weisheit trachtete, die Gott denen gibt, die Ihn fürchten und lieben. Er war ein echter Christ und erinnerte uns oft an Miß Havergals Worte: