Ein Weibel des Raths erschien, und überbrachte dem Senator die Weisung, am folgenden Tage Punkt neun Uhr auf dem Rathhause zu erscheinen.

»Ist denn morgen eine außerordentliche Sitzung?« fragte Müssinger verwundert; »warum eine Stunde früher, als sonst?«

»Der wohlehrsame und weise Herr Senator sollen zuvor vor Sr. Magnificenz dem amtirenden Herr Bürgermeister privatim vernommen werden,« lautete die Antwort des abgehenden Rathsboten. Der Senator schwieg sinnend und staunend; die Senatorin wurde bald bleich, bald roth, und sah ihren Mann scheu von der Seite an. Georg sah sich hier überflüssig, und empfahl sich, nicht minder gedankenvoll.

Er begab sich nach seinem Gasthofe zurück. Die Reden der Senatorin, das Betragen der Braut hatten auf den geraden Mann einen gefährlichen Eindruck gemacht. Das Ideal häuslicher Glückseligkeit, das er sich in einsamen Stunden entworfen, das er an Justinens Seite zu finden gehofft, schien ihm plötzlich eben nur Ideal zu sein und zu bleiben. So manche schielende Bemerkung, die er aus dem Munde der Gastwirthin über Justine sowohl, als das Hauswesen des Senators überhaupt vernommen und bis jetzt überhört, gewann mit einem Male Gewicht und Bedeutung. Ein schmeichelnder Traum, der seine Sinne und sein Urtheil umzogen, fiel stückweis vor ihm, der zu erwachen vermeinte, zusammen. In großen Mißmuth versunken, betrat er sein Zimmer, und suchte an seinem Fenster, das die Aussicht auf die vom Abendstrahl beleuchtete unferne Mailbahn mit ihren Spaziergängern gewährte, Unterhaltung, Zerstreuung. Ein leises Klopfen an der Thüre erregte seine Aufmerksamkeit, zog sie von der Aussicht ab. Auf sein »Herein!« kam demüthig grüßend und gebückt, ein ältlicher Mann mit kummervollen Zügen, in schwarzen Kleidern, mit einem schüchternen: »Guten Abend, mein Herr!« in das Zimmer.

Georg hatte nicht so bald den unbekannten Besuch mit dem Blicke gemessen, als er auch in ihm einen jener reducirten Schullehrer oder grau gewordenen vacirenden Candidaten zu sehen glaubte, die dazumal häufig von Stadt zu Stadt wanderten, ein ärmlich Stück Brod suchten, und sowohl auf den Kanzleien, bei Pfarrern und Gutsbesitzern, als auch in Gasthäusern bei wohlhabenden Fremden ein Viaticum zu erbetteln pflegten. Der Amerikaner, dem ähnliche Figuren bereits in Deutschland vorgekommen waren, griff mitleidig in die Westentasche. Der Fremde verstand diese Geberde, und eine versagende Bewegung seines Kopfes und seiner Hand verrieth dem Freigebigen, daß es hier auf seine Geldwohlthat nicht abgesehen sei. Er ließ daher die milde Hand sinken, und fragte artig und zuvorkommend, was denn wohl zu den Diensten des Schwarzgekleideten stehe. Der Mann richtete sich besser empor, trat näher, und fragte mit einer sehr weichen Stimme entgegen, ob er die Ehre habe, mit Herrn Georg Birsher von New-York zu sprechen.

»Ich bin's, Herr. Ihr Anliegen?...«

»Ist lediglich ein Anliegen, das sich an Ihre Großmuth richtet. Ich frage nicht nach Ihrem Gelde, mein Herr; ich erkundige mich nur nach Ihrem Herzen.«

Birsher staunte, und wies dem Fremden einen Sessel. Der Mann setzte sich und fuhr fort: »Man hat Sie als einen wackern, streng rechtlichen Herrn geschildert, der wenig Worte zu machen, aber desto mehr zu handeln pflegt. Da habe ich den Muth gefaßt, Sie auf die Probe zu stellen.«

»Sonderbar! wie so?«