»O, daß ich mich in diese mißliche Speculation eingelassen habe!« sagte der Senator mißmuthig, und achtete nicht der zornig aufsteigenden Wolke auf des Superiors Stirne, noch des bekümmerten Angesichts des Doctors. »Wenn Sie es vermögen, meine Brüder, beweisen Sie mir den Ernst Ihrer Worte. Rathen Sie mir in meinem äußerst kritischen Verhältnisse.« — Er erzählte von dem Verhöre des Morgens.
Der Doctor schüttelte mitleidig und besorgt den Kopf. Der Superior lächelte aber gleichmüthig und erwiderte, fast spöttisch: »das versetzt Sie in Unruhe? Gilt das Zeugniß eines verlaufenen Ladenburschen gegen Ihr Rathsherrnwort? Und hat man nicht Mittel, den Nothbehelf der Erbschaft klar darzuthun, als wäre er wahr wie die Sonne? Ich verpflichte mich, Ihnen Zeugen zu schaffen, und der Pater Münzner, der zugleich Doctor beider Rechte ist, wird Ihnen mit einem in allen Formen ausgestellten Testamente auszuhelfen nicht ermangeln.«
»Pater Superior!« versetzte der Doctor stutzig: »bedenken Sie! ein fingirtes Testament! ein falsum!«
»Nun?« fragte der Superior kalt: »was weiter? Es gilt hier, einen christlichen Bruder aus der Verlegenheit zu ziehen. Ich behaupte sogar, daß ein Testament, dessen Aussteller eine persona fictitia ist, gar kein falsum darbietet. Es sei übrigens Ihre Ansicht, welche sie wolle, so wird hoffentlich der Befehl Ihrer Obern hinreichend sein, alle Bedenklichkeiten zu heben.«
Der Doctor bückte sich mit unterdrücktem Widerwillen. Der Senator schauderte ein wenig vor der Leichtigkeit, womit der Superior eine so trügliche Maßregel durchgehen ließ; aber da sein System, sollte es ihn vor Schande retten, auf Lügen beruhen mußte, ließ er sich's gefallen, daß es der kühne Pater übernahm, eine Zusammenstellung von Begebenheiten und Dokumenten — beide in der Ferne geschehen und aus der Ferne gesendet — zu erdichten, die dem Unbefangenen jeden Zweifel an des Senators Aufrichtigkeit rauben mußte, da man der Verschwiegenheit des Correspondenten in Hamburg versichert sein konnte.
»Sie unterscheiden jetzt, bester Sohn,« sagte der Superior, »wie redlich wir es mit Ihnen meinen, und werden uns eine kleine Bitte Ihrerseits nicht abschlagen. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich gefunden, daß unsre Handelsbücher und Register über kirchliche Angelegenheiten im Hause des ehrwürdigen Paters Münzner zu exponirt erscheinen. Ich ersuche Sie deshalb, diese acta in Ihren Verschluß zu nehmen, und zu erlauben, daß der Pater sich täglich etwa eine Stunde in irgend einem abgelegenen Winkelchen Ihres Hauses damit beschäftige, wenn es einzutragen oder abzuschließen gibt. In einem Lokale, wie das Ihrige sich darstellt, wird solches Ab- und Zugehen unbemerkt bleiben; Sie sind außer Gefahr, und wir können völlig ruhig sein.«
Der Senator antwortete: »Da ich mich bereits so offen in Ihre Hände gegeben habe, meine Väter, so mag es darum sein. Ich will Ihnen auch im gegebenen Falle meine Bereitwilligkeit nicht entziehen. Ich will in aller Stille ein Cabinet, an den Hof stoßend, zum Gebrauch des Herrn Doctors einrichten lassen, und die nöthige Sorge tragen, daß er nicht gestört werde.«
»So werde ich noch heute Abend die Bücher herbringen lassen,« setzte der Doctor bei: »da der ehrwürdige Pater Superior sie bei mir nicht sicher glaubt.«
»Quidquid agas, respice finem!« bemerkte der Superior mit dem schlauesten Gesichte: »ich danke Ihnen für die schöne Bereitwilligkeit, womit Sie unserem Antrage entgegengekommen. Ich gestehe, daß derselbe mich mit dem Mangel an Aufrichtigkeit versöhnt, den Sie meinem würdigen Freunde, dem Pater Münzner beweisen.«