»Justine!« bat der Senator mit all' der Lebendigkeit, die ihm sonst zu Gebote gestanden, »wenn du die Worte des Freundes nicht hörst, so vernimm die des Vaters. Was Georg Birsher nicht sagt, muß ich sagen. Deine heftige Begeisterung führt dich und uns in's Verderben! Geh hin! verrathe durch deine vergebliche und unbesonnene Fürbitte deinen besten Freund, deinen Bräutigam. Weihe ihn dem Tode, weil er an dir hing, und nicht weiter vor seinen Widersachern floh. James Unschuld muß an den Tag kommen. Sein Regiment wird ihn nicht erkennen, seine Täuschung entdecken: die Menschlichkeit des Statthalters ihn mit leichter Strafe belegen. Alles wird dann gut, und des Jünglings Bewußtsein versüßt ihm tausendfach die Haft. Du willst das gefährliche Spiel umkehren. Um den wenig bedrohten Freund zu retten, schleppst du den biedern Georg in's Grab; Georg, den du achtest und ehrst, — Georg — dessen Weib du werden sollst, — Georg, den du liebst, innig liebst, — wenn sich auch dein Gefühl hinter die Maske der gleichgültigen Förmlichkeit flüchtet.«

Justine stand wie eine Bildsäule, mit niedergeschlagenen Augen. »Nicht so hart!« bat Georg den Vater. Müssinger fuhr jedoch, wie oben, fort: »Ich weiß, daß ich dein Herz verwunde; aber es ist von Erz, und muß stark berührt werden, soll die Glocke wohlthätigen Klang geben. Sieh, Justine, welchen Jammer du mir bereitest. Ich habe Alles verloren: Habe, bürgerliche Ehre, mein eigenes Bewußtsein. Alles gut zu machen, habe ich nur Dich. Von der Heimath, dem lieblosen Weibe und meinen Gütern geschieden, ist mein einzig Glück noch in der Hoffnung auf deinen Ehebund gegründet. Willst du durch den raschen, unüberlegten Schritt uns Alle verderben? dich zur Beute des Soldaten, — ihn« auf Georg deutend, — »zum Schlachtopfer, und mich zum verwaisten Greis machen?«

Die heftige Rede erschütterte die Tiefen in Justinens Brust. Eine Fluth von Thränen schoß aus ihrem Auge, sie warf sich an des Senators Brust, und schluchzte: »Vergeben Sie, grausamer Vater, ich hatte das nicht bedacht! ich bin ja nicht böse; um Gotteswillen; wie möchte ich, ohne zu schaudern, daran denken, den Herrn hier zu opfern, der mir so — werth, so achtbar ist? Glauben Sie das von mir?« setzte sie fragend, und zu Birsher gewendet, bei, und mitten durch den Schmerz ihres Antlitzes zuckte ein anmuthiges Lächeln, das Georgs trüben Ernst besiegte, daß er ihre Hand ergriff, und sagte: »Bewahre mich der Allmächtige, daß ich solches von meiner Braut glauben könnte. Diese Stunde hat von der Vortrefflichkeit Ihres Herzens ein neues Zeugniß gegeben, und für James bin ich unbesorgt, denn aus den Wolken hat der Herr Ihren — den heiligsten — Schmerz gesehen. Des jungen White Angedenken folge Ihnen unverkümmert in meine Heimath! Fern sei es von mir, es zu verwischen, meines Retters Gedächtniß, und wenn wir zur Heimath gelangen, und wenn Gold seine Fesseln brechen kann: mein ganzes Vermögen sei nicht zu viel, die Riegel seines Kerkers aufzuschließen: mein Haus nicht zu klein, den Vertriebenen auf ewig aufzunehmen!«

»Nicht also, Herr Birsher,« sagte Justine gemäßigt; »es sei uns eine Freude, in der Ferne sein Glück zu begründen; doch in unserer Familie weile er nicht. Ich würde Sie und mein eigen Gefühl beleidigen, wollte ich, indem ich dieses sage, einer eingebildeten, unmöglichen Schwäche mißtrauen. Ich bin eisern fest und eisern treu, mein Herr! aber James würde unglücklich, und — Sie werden sehen, — ich müßte seinen Charakter nie gekannt haben, — oder er schlägt unsern Antrag rund aus dem Felde, ginge es ihm noch so schlimm.«

»Es ist beinahe sonderbar,« versetzte Müssinger mit leichtem Lächeln, »daß wir hier so ernsthaft bereden, wie wir das Glück eines Menschen machen wollen; und uns selbst umschließt ja noch die Wüste, uns selbst blüht nicht die Hoffnung, jemals in den sichern Port von New-York zu gelangen, .... wir selbst sind eher dem Schicksale unterworfen, unter der Portugiesen Säbel zu fallen, als jemals frei zu werden! Der gute, arme Münzner ist uns wahrscheinlich auf dem Wege zum Himmel vorangegangen, und uns fehlt noch die Heimath!«

»Ach, das süße Vaterland!« seufzte Georg in seinem vaterländischen Idiome.

»Gesegnet sei es!« antwortete ihm eine Mannsstimme in denselben Lauten. Georg erkannte beim Schimmer der Laterne den Landsmann und Schulfreund, Harry Haverly. Dessen Gefährten traten vorsichtig und leise auch herbei.

»Gott sei gedankt, daß ich Euch hier finde,« fuhr Harry fort, »das weissagt uns ein gutes Glück, das wir nicht gehofft.«

»Was soll die räthselhafte Rede?« fragte Georg entgegen. »So wißt Ihr denn nicht,« sagte Harry, »daß seit länger als einer halben Stunde der alte Bettelmönch mit seiner ganzen Schaar in aller Stille abgezogen? Vor einigen Minuten kam, nachdem sich unsere Wache verloren, ein Neger, der uns die Kunde brachte, unsere Bande löste, und sich eiligst davon machte. Wir gingen auf's Gerathewohl umher, berathend, was wohl anzufangen sei, als ich das englische Wort hörte, das mein Herz erbeben machte. Wie kommt es jedoch, daß Ihr nicht zu den Abgezogenen gehört?«

»Man hat uns mit Vorbedacht zurückgelassen!« entgegnete Georg nach einigem Ueberlegen: »in's Himmels Namen denn! Wer bis hierher half, wird auch weiter helfen.«