Bei dieser unverhofften drohenden Bewegung entsetzte sich van den Höcken zum Tode. »Herr! Sie wollen doch nicht ...« lallte er, vom Stuhle auffahrend.


Nothhaft, der Comptorist, hatte die Kirche umgangen, seine Zeit in einer versteckten Spielstube zugebracht, und kehrte, nach manchem Verluste, nach Hause zurück, um seine letzten Thaler zu sich zu stecken, und auf's Neue sein Glück zu versuchen. Zweimal hatte er schon an der verschlossenen Hausthüre geklingelt, niemand ihm aufgethan. Die haushütende Magd hielt am Dachfenster des Hintergebäudes eine gewichtige Unterredung mit der Dienerin im Nachbarhause. Der Knecht war auswärts zu seinem Schätzchen geschlichen. Demnach brannte dem lockern Kaufdiener die Ungeduld auf den Nägeln, und, als nehme er sich vor, Sturm zu läuten, zog er kräftig und unausgesetzt an der volltönenden Schelle. Sein Bemühen ermangelte nicht des gewünschten Erfolges. Schritte kamen, das Schloß ging langsam und zögernd auf.

»Taubes, ungeschicktes Murmelthier!« grollte der Eintretende, erschrack aber über die Maßen, als er nicht die Hausmagd, die er gemeint, sondern den Prinzipal selbst vor sich sah, der das Amt eines Pförtners verrichtet hatte. Seine Unbesonnenheit verwünschend, und den Jähzorn des Senators aus Erfahrung fürchtend, bückte er sich verlegen, und stotterte eine Entschuldigung her, die nicht schlechter hätte ausfallen können.

Wunderbarer Weise genügte sie gerade heute dem wenig duldsamen Prinzipal. »Schon gut, mein lieber Nothhaft,« versetzte er mit leiser Stimme: »Er meint es nicht böse. Darum,« — hier schloß er die Thüre wieder sorgfältig, — »darum ist mir's auch lieb, daß Er gerade heimkömmt. Ist etwa die Kirche schon zu Ende?« fragte er hastig nach. —

Nothhaft war innerlich erschrocken ob der Todtenblässe, die auf des Senators Antlitz lag, und nicht minder ob der raschen Unsicherheit in seiner leisen Rede; er erwiderte daher kleinlaut: »Nein, hochgeehrter Herr, ich konnte aber vor Uebelsein nicht in der Kirche ausdauern. Deshalb ... so eben schlug es zehn Uhr.« — »Zehn Uhr erst?« fragte der Senator wieder mit schleppendem Tone: »wie die Zeit schleicht! ich dachte, es müsse Mittag vorüber sein. Komm' Er mit in's Comptoir.«

»Soll ich nicht die Fensterladen öffnen?« sagte Nothhaft, als sie in der finstren Stube standen. — »Nicht doch,« erwiderte Müssinger hastig, »drinnen ist es schon heller. Nicht wahr, Nothhaft, Er hat nicht Furcht, noch Grauen?«

»Ich habe Beides nie gekannt,« betheuerte Nothhaft, sehr aufmerksam werdend.

»Desto besser!« setzte der Senator bei: »so wird Er doch Rath wissen. Mich hat es stark angegriffen.« — »Was denn Herr Senator?« — »Rede Er nicht laut. Es hat sich vor einer halben Stunde, — es kann vielleicht auch eine Stunde sein, — ein Unglück im Hause begeben.«

»Ein Unglück? hier im Hause?«