»Sehr wohl, Herr Senator;« antwortete Nothhaft, bereitwillig nach dem Hute greifend: »wollten Sie indessen einen Rath nicht verschmähen? Schaffen Sie die Pistole weg, die drinnen auf dem Boden liegt.«
Der Senator fuhr zusammen. »Eine Pistole?« stotterte er: »es muß ein Zufall dieselbe ... laßt doch sehen!«
Sich an den Diener haltend ging er nach dem Cabinete, wendete aber alsobald der Stelle, wo der Holländer lag, den Rücken, und stierte auf die Waffe nieder, die Nothhaft dienstwillig und eifrig aufhob. — »Wir wollen sie zu der andern legen,« sagte derselbe leise und hastig; »sie könnte übeln Effekt machen, und wenn Sie's erlauben, bringe ich auch die Halsbinde des armen Schelmen hier wieder in Ordnung. Es läßt gerade, als ob sich drei Finger hinein verwickelt hätten, um sie zusammenzuschnüren.«
Ohne Regung kehrte der Senator dem Diener, der ohne Scheu an van den Höcken die besagte Aenderung vornahm, den Rücken fortwährend zu.
»Ich wollte ihm die Binde öffnen,« sagte er halblaut: »aber es ist möglich, daß ich in der Alteration sie fester zuzog ...«
»Ja, ja,« stimmte Nothhaft, sein Geschäft vollendend ein: »es geschieht wohl öfters, daß die Hand ungeschickter ist, als der Kopf. So. Das wäre gut, und ich will laufen, was ich kann. Haben Sie noch etwas hier mitzunehmen, Herr Prinzipal, so nehmen Sie es jetzt. Es wird schicklich sein, daß die Herren von Gericht das Cabinet verschlossen finden.«
Der Senator wurde wieder regsam, und begann, ohne eine Sylbe zu sprechen, aber mit einer beunruhigenden Hast, auf seinem Schreibtische Papiere und Bücher untereinander zu werfen, ohne in der beklagenswerthen Zerstreuung, die ihn fesselte, dasjenige zu finden, was er zu suchen schien. Nothhaft trat hinter ihn, und sein Auge fiel auf ein Packet von Wechselbriefen, nach welchen des Senators linke Hand immer tappte, während seine Rechte sie immer wieder verschob. Der Diener ergriff sie. »Sie suchen wohl diese Papiere mit Ihrer Unterschrift?« fragte er dringend. »Da! da! Herr — sechs — sieben — neun Tratten auf sie selbst, von van den Höcken in Cours gesetzt und endossirt.« — »Endossirt?« fragte der Senator, heftig nach den Briefen haschend. »Endossirt auf die Ordre des Georg Birsher zu New-York!« fuhr Nothhaft fort, indem er sie überlieferte: »und — wahrhaftig quittiert von demselben.«
»Birsher?« fragte der Senator, betäubt auf die Blätter schauend. Nothhaft lächelte betäubend: »Stecken Sie ein, Herr Prinzipal. Daß Sie bezahlt haben, beweisen ja schon die Wechsel in Ihrer Hand,.... das "Quitta" hätte wegbleiben können. Die Dinte ist gar zu frisch. Lägen vielleicht noch andere Dokumente in der Brieftasche, die ich bei dem Holländer wahrnahm?«
»Was geht mich van den Höcken's Portefeuille an?« fuhr Müssinger stutzig werdend auf. Nothhaft machte einen entschuldigenden Katzenbuckel, und trieb zum Fortgehen an. Wie ein Kind folgte der Senator seinen Worten, schloß das Kabinet, ohne sich einmal umzusehen, und ging, an Nothhaft's Arme, zu seiner Stube, wo er sich, an allen Gliedern zitternd, zu Bette legte. Wie ein guter Geist erschien ihm die aus der Kirche zurückkehrende Justine, die, von des Vaters Unpäßlichkeit hörend, mitleidig zu ihm eilte. Der Vater konnte und wollte nicht reden, sondern versuchte nur in einzelnen Lauten sein Kind zu beruhigen. Justine erschöpfte sich in Muthmaßungen über des Rathsherrn Zustand, bis die Schelle des Hauses wieder sehr stark geläutet, und vieles Geräusch hörbar wurde. Die Thüre des Zimmers sprang auf, und Frau Müssinger, weiß wie die Wand, und schwerfällig, wie noch nie, schwankte in's Zimmer. — »Was ist das?« kreischte sie, ohne des Kranken zu achten: »Das Haus wimmelt von Gerichtspersonen und Schergen! Ach, das Unglück! Der Holländer soll sich erhängt haben, höre ich! Ach, welch eine Schande! Gieb die Schlüssel her, du gottvergessener Mann, der mir durch seine sauberen Freunde so viel Schrecken verursacht!«
»Justine wird öffnen,« versetzte der Senator unter Fieberschauern, indem er dem Mädchen die Schlüssel reichte: »Stecke diese Wechsel zu dir,« flüsterte er demselben zu; »bewahre sie sorgfältig!« — Justine schob, nicht minder blaß vor Schrecken, die Papiere ein, und entfernte sich eilends. Die Mutter dagegen blieb zurück, um den Mann ferner zu quälen. — »Welch ein abscheulicher Spektakel!« ächzte sie, in den Lehnstuhl am Bette sinkend: »In diesem Hause halte ich's nicht mehr aus. Der Holländer wird umgehen, in seinem weißen Mantel, ein schreckhaftes Gespenst! O Herr, gehe nicht mit uns in's Gericht! Was ich erleben muß! Pfui, abscheulich! Die Steuercommissärin hatte Recht, obgleich schon Sie mich in der Kirche zum Entsetzen gebracht hat. Sie hat gestern gesehen, was wir alle nicht sahen. Wir saßen Abends zu Dreizehn am Tische, und Einer von den Dreizehn muß binnen Jahresfrist sterben! Wie mich das schon alterirte! Man sieht aber: Wahr ist's! der Holländer hat bereits die Welt gesegnet.«