»Geb' Er her,« befahl der Senator, und winkte alsdann den Dienern sich zu entfernen. Sie gehorchten; gähnend und schmollend schloß sich Frau Jacobine, die Langeweile des Krankendienstes fürchtend, an die Subalternen an, um ohne Gefahr nach ihrem Zimmer zu gelangen. Der Senator gab aber der Tochter die Briefe, und sagte leise zu ihr: »Nimm, mein Kind; mir schwimmt und flirrt es vor den Augen. Es frommt jedoch viel, sich vor dem Comptoirgesindel rüstiger zu stellen, als man ist. Dir verberge ich mich nicht. Lies du mir daher vor, und unterstütze meine Schwäche.«
Bereitwillig erbrach Justine das erste Schreiben. »Von Amsterdam!« sagte sie, und der Senator zuckte hoch auf. »Hochedelgeborner Herr!« fuhr sie lesend fort: »Ew. Edeln will ich nicht ermangeln, nach abgethaner fataler Differenz mit denen Verschreibungen Ew. Edeln in Wechselform, anzuzeigen, daß wieder bereit bin, auf Garantie des werthen Freundes, der sich jetzo bei Denselben befindet, in Allewege Credit obwalten zu lassen. — Wir Kaufleute stehen ja in Gotteshand, und können wanken. Wohl dem jedoch, der einen Bürgen und Stützen findet, wie den aller Orten geachteten Herrn Birsher von New-York.«
»Was soll das?« fuhr der Senator auf, da Justine verwundert inne hielt: »Der Teufel verstehe, was der Schreiber will. Sieh nach der Unterschrift.«
Justine that es, stutzte, wischte sich die Augen, und sagte endlich leise: »Ich weiß nicht.... aber doch stehts da; — van den Höcken heißt die Unterschrift.«
»Van den Höcken!« schrie der Senator: »Sind wir beide toll?«
»Das Datum ist vier Tage alt,« versetzte Justine mit schwankender zweifelhafter Stimme.
»O mein Kopf, mein Kopf!« jammerte Müssinger, die Stirne mit beiden Händen haltend: »ich werde närrisch, rasend! Laß den Brief sehen! Gott sei mir gnädig! es ist Höckens Schrift ...! O du mein lieber starker Gott und Herr!« — Er weinte fast in der fürchterlichen Wallung seines heftigen Gemüths. — »Dieser Brief!« stöhnte er, — »und jene Wechsel, das Endossement, das Acquit, — ich erinnere mich erst jetzt, — von Birsher's Hand ...! o mein armes Gehirn!« —
»Mein Vater! was haben Sie, was ist?« fragte Justine schluchzend in der höchsten Angst. Der Senator riß ihr statt der Antwort den andern Brief aus der Hand. »Gib!« stammelte er außer sich: »Gib! vielleicht macht mich dies Papier vollends wahnsinnig!« Er riß es, trotz Justinens Widerstreben, auf, überflog es mit dem starrenden Blick,.... ein krampfhaftes schreckliches Lachen erschütterte seine Brust, und mit den trostlosen Worten: »Auch das noch! Einen Tag früher, und — ich elender, elender Mensch!« sank er ohnmächtig aufs Lager zurück.
Schaudernd raffte Justine das fallende Blatt auf. In wenig Zeilen meldet darinnen ein Hamburger Correspondent ein großes Glück. Die Hamburger Lotterie war gezogen worden, und das große Loos auf den Senator gefallen.