Der Senator sagte darin mit bebend gezeichneten Schriftzügen: »Mein einziger mitfühlender Jugendfreund! Ich verzweifle, Ew. Edeln nicht in loco zu finden. Kommen Sie eiligst, sobald Sie können, in meine Schreibstube. Wir werden ganz allein sein. Ich stehe am Rande einer Seelen-Crida; Sie nur vermögen mir zu rathen. So eben erhalte ich den Aviso: der junge Birsher von New-York ist in Person hier angekommen!«
[Zweiter Theil.]
Erster Abschnitt.
Der Freier. — Jacobinens Geheimniß. — Das Senators Tröster. — Georg Birsher. — Tischgespräche. — Häuslicher Sturm. — Justinens Opfer. — Abendunterhaltungen. — St. Sebastian und die heilige Pulcheria. — Das Gespenst. — Der Superior. — Seine Philosophie. — Wuth der Leidenschaft. — Qual der Schuld. — Neues Ungewitter. — Der Heilige unter den Myrthen. — Die Geisterbannerin. — Verlobung. — Vorträge auf der Mailbahn. — Plaudern zur Unzeit.
Nothhaft war schon seit den ersten Frühstunden im Hause des Senators herumgegangen, — glänzend, strahlend, hoffärtig wie ein Pfau. Feiertäglich geputzt, vom Tressenhute bis zur schweren Silberschnalle am Korduanschuh mit dem leuchteten Absatze, hatte er mehrere Male an die Thüre des Principals geklopft, und murrend von der Verschlossenen Abschied genommen. So hielt er Schildwachtposten und Schildwachtgang durch's ganze Haus, getraute sich aus Respekt nicht den Fuß in der Senatorin Zimmer zu setzen, und hielt es unter seiner Würde, in die Schreibstube zu treten, durch deren Fensterchen Berndt den geputzten Wandler mit neugierig neidischen Augen betrachtete. Endlich, — von mancher Priese Tabak gestärkt, und an dem Glauben haltend, daß Geduld Alles überwinde, besiegte der Commis, der nichts Geringes im Schilde führte, die schleichende Zeit und seinen Unmuth. Die Hausthüre ging auf; der Senator kam heim. Mit einer vertraulich patzigen Verbeugung empfing ihn Nothhaft an der obern Treppenstufe, und sein Herz lachte im Stillen, denn sein Benehmen schien zu wirken. Der hochfahrende Senator hatte völlig die Miene eines betretenen Kindes angenommen. Seine Stirne lag zwar glatt und freundlich, aber in den Augen saß eine gewisse unerklärliche Demuth, und seine Stimme war lammfromm und gemäßigt.
»Was verlangt Er, mein Sohn?« fragte der Senator, nachdem er den Commis in seine Stube gewinkt; und stolzer hielt Nothhaft sein Haupt, und nachlässiger spielte er mit dem Uhrbande.
»So geputzt?« fuhr Müssinger fort, mit niedergeschlagenen Augen den umherschweifenden des Dieners ausweichend: »Ich wette darauf, der junge Herr will mich besänftigen, daß ich nicht zürne, weil Er bereits zween Tage lang gefaullenzt hat? Danke Er Gott, Monsieur, daß ich nicht so strenge wie der Buchhalter bin, und mich überhaupt heute in einer Laune befinde, die mich nicht zum Zanken kommen läßt. Es sei Ihm Alles vergeben, aber continuire Er dafür in Seinem vorigen Fleiße.«
»Es hat sich hier Nichts zu vergeben, Herr Senator und geschätztester Principal,« antwortete Nothhaft ziemlich dreist und nachdrücklich; »die Ursache meiner Abwesenheit von Dero Comptoir wird mich, — so hoffe ich, — sehr genügend entschuldigen. Ich bin hier, um dieselbe gebührend vorzutragen, da Ew. Edeln Geschäfte gestern und vorgestern mir Solches unmöglich gemacht. Freilich sollte ich gebührenderweise schwarz wie ein Tintenfaß vor Ihnen stehen; allein, erstens hat der saumselige Schneider mich noch nicht mit Kleidern versorgt, — und — zweitens — will sich's wohl ziemen, — da eine fröhliche Botschaft an der traurigen hängt, daß ich ihrer im fröhlichen Kleide gedenke. Wissen Sie demnach, Hochzuverehrender, daß mein Herr Vater, — bis dato Kaufmann und Rathsherr in meiner Geburtsstadt, am verwichenen Freitage im 70sten Jahre seines Alters das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat. Ich bin sein einziger Erbe in Haus und Gewölbe geworden, und — wie mir schmeichelhafte Verwandte versichern, — würde der Magistrat sich nicht lange sperren, mir auch den Rathsstuhl des Verewigten als vollgültiges wohlerworbenes Erbe zu überlassen.«
Der Senator war unwillkürlich vom Stuhle aufgestanden, hatte einen nebenstehenden Sessel herbeigezogen, und winkte lächelnd und verbindlich dem Commis, Platz darauf zu nehmen. Nothhaft ließ sich nicht lange bitten, und indessen sprach Müssinger sehr freundschaftlich: »Sehen Sie, bester Herr Nothhaft; der Tod ist so eigentlich kein Unglück, sondern ein Soll, das früher oder später jeder Lebensnegoziant zu saldiren hat. Trösten Sie sich demnach über den herben Verlust, und genehmigen Sie den wärmsten Ausdruck meiner Theilnahme an Ihrem fernern Wohlergehen. Dieses wird nun freilich lediglich von Ihnen abhängen, denn Sie haben in meinem Geschäfte von der edeln Handels-Wissenschaft ohne Zweifel so Vieles profitirt, daß Sie ganz gut auf Dero eigenen Füßen werden stehen können. Behalte mir demnach nur die Fortdauer Ihrer freundschaftlichen Anhänglichkeit vor, und bitte mir zu nächstem Sonntag die Ehre aus, Ihnen mit einem Löffel Suppe aufwarten zu dürfen, wie ein Handelsfreund dem Andern.«