»Meinen Ueberdruß an der Welt, Vater; meinen Ekel am Dasein. Ich bin zum Unglück geboren, wie die Meinigen zum elendesten Tode. Hier lächelte mir, dem Spion, dem elenden Hehler und Helfershelfer ein Stern der Wonne; ... ich fühlte Seligkeit!«

»Die Seligkeit eines Thoren! Die Verzuckung des heidnischen Bildhauers vor einem Marmorbilde!«

»Nein, mein Vater! ich war kein Thor; ich bin es nicht! Noch jetzt erhält mich der Gedanke, daß Galathee im Innern der kalten Brust Leben für mich empfindet! Aber — wenn das Geschick befiehlt, — wenn sich erwahrt, was die Lainez mir so eben vertraute, — wenn Justine einem Andern angehören soll, — dann höre ich auf, zu leben; bei Gott! ich höre auf, zu sein!«

»Wohlan!« entgegnete der Doctor bitter und verletzt: »so höre auf, wie tausend Narren deines Nebellandes, deren leeres Gehirn sich an der Leere ihres Lebens langweilt; höre auf, wie ein insolventer betrügerischer Schuldner, und überlasse mir, dem Getäuschten, die Last, deine Schulden an deine Ernährer zu bezahlen!«

»Mein Vater!« stammelte James, von Scham ergriffen: »Was sagen Sie? O, Sie haben Recht! Ich gehöre ja nicht mehr mein. Ich bin Ihnen und den Obern verschuldet! ich bin Ihr Sklave! O, so machen Sie mich zu Gelde! Verkaufen Sie mich, damit ich mein Leben hindurch unter Blut und Thränen arbeiten muß, um das Jahr zu bezahlen, das mir Ihre Wohlthaten fristeten!«

»Undankbarer, roher Mensch!« sagte der Doctor unwillig: »So gehe hin und suche den Tod in eitlem Wahne. Du sollst mir nicht noch einmal vorwerfen, wie wenig ich für dich gethan.«

Der erschütterte Ton des Doctors machte den besten Eindruck. James stürzte reuevoll vor ihm nieder, weinte auf seine Hände. »Ich soll leben? ich will leben!« schluchzte er; »aber wie wird es möglich sein, wenn Justine des Amerikaners Weib wird?«

Den Doctor traf's durch's Herz. Er blickte nach dem Gemache, in welchem der Despot seiner Handlungen noch schlief, erinnerte sich seines qualvollen Geschäfts, neigte sich zu James und — um wenigstens eine gute Frucht aus der hinterlistigen That zu gewinnen, die er vollbringen sollte: die Beruhigung einer verzweifelnden Seele — sagte er ihm: »Justine wird nicht des Amerikaners Weib!«

Somit ging er von dem Staunenden, um den Senator zu besuchen. Ein finsterer, wolkenumzogener Tag paßte vortrefflich zu seiner Gemüthsstimmung. Während des Gehens wollte er beten, — aber dunkle Gedanken durchbrachen in Massen sein Gebet. In sich gekehrt, betrat er Müssingers Haus. — »Sind der Herr Senator oben?« fragte er mit gesenktem Auge einen Menschen, der ihm entgegenkam. — »Ja, Monsieur;« antwortete man ihm kurz und unhöflich. Der Doctor sah auf. Nothhaft war der grobe Bescheidgeber, und nicht wenig erstaunt, den Mann vor sich zu schauen, mit dem er vorgestern einen Handel hatte abschließen wollen. Auch der Doctor erinnerte sich seiner. »Sieh da, Monsieur!« sagte er: »finden wir uns hier? Sie blieben aus, Verehrter?« — »Ich weiß nicht, was Sie wollen!« schnauzte ihn der Andere überrascht, verlegen, und unerkannt zu sein wünschend, an: »Ich kenne Sie nicht, Monsieur!«

Er zum Hause hinaus; der Doctor die Treppe hinan. Des Senators Gesicht trug alle Spuren einer mühselig durchwachten Nacht, und kaum verzog sich seine Lippe zu einem matten Willkommslächeln, als der Beichtiger eintrat.