Des Senators Gesicht verzog sich düster und unwillig. »Warum diese Eile?« brauste er auf: »Alles zur Unzeit! Das Donnerwetter soll ... Welche Plage mit unbesonnenen Weibern!«
»Mein Vater ...« fragte Justine scheu: »welche Aenderung? sagten Sie nicht gestern?...«
»Heute ist nicht gestern, und gestern war nicht heute!« versetzte Müssinger: »Der Ring muß zurück! Ich wills; ich befehle es dir!«
»Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten!« — sagte Justine von kränkender Beschämung gepeinigt: »was müßte Herr Birsher glauben? Ich will nicht als wahnsinnig ausgeschrieen werden! besinnen Sie sich doch, mein Vater!«
»Ihr seid wahnsinnig; du und deine Mutter!« antwortete ihr in der höchsten Aufregung der Senator, und rannte dahin, wo die Commissarien seiner warteten.
Justine schlug staunend die Hände zusammen, fühlte sich an die Stirne, um sich zu überzeugen, daß sie in der That wache und alles Vorige gehört habe. —
»Ich soll nicht fort?« fragte sie sich schmerzhaft! »O nicht doch! fort nach Amerika, wenn das Leben daselbst hundertmal einförmiger wäre, denn hier! Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus diesem Hause, in dem sich alles Unheil vereint, um uns sammt und sonders nach und nach um den Verstand zu bringen, wie es uns schon um Herz und Gemüth und Sorglosigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden mein tägliches Brod verdienen, als es unter solcher Seelenangst verzehren zu müssen; ich wollte lieber ... gleich einer Flüchtigen ...«
Sie hielt inne. »Ei, die Lainez!« fuhr sie fort; »wo bleibt die gute Frau, deren Umgang allein jetzo meinen Geist erheitern könnte? Sollte sie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrüchig werden?...«
Sie zog langsam, zögernd und erröthend, das Medaillon der Lainez aus der Tasche, und trat, von jungfräulicher Scheu und Neugierde zugleich befallen, aus dem Vorsälchen der Mutter in einen kleinen Versteck, kaum einen Kreuzstock breit — ein Altänchen nach dem Hofe bildend, auf welchem eine Anzahl von Blumenstöcken an Geländer und Wand hingereiht war; von freierer Luft heimgesucht, und durch ein schirmendes Dach vor Sonnenhitze und Regen beschützt. Dieser Blumenwinkel am äußersten Ende des Hauses, stand mit dem, ebenfalls von Küche, Wohnstube und Gesindzimmer entlegenen Vorsaale der Senatorin vermittelst einer Thüre in Verbindung, in der eine drathvergitterte Glasscheibe angebracht, vor welcher ein Vorhang befestigt war. In der Mitte der Blumentöpfe, auf einem leeren Fleck des Gestells derselben, kauerte sich Justine nieder, und betrachtete, sich zu zerstreuen, und ihrem Vorwitze zu genügen, die Heiligenbilder der Lainez. Der heiligen Pulcheria wurde indessen kaum ein Blick geschenkt; der schöne Sebastian fesselte ihre Aufmerksamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein großes Stück geliefert, und der Beschauer wußte nicht, was er vorzüglich daran preisen sollte: die männliche Formenschönheit des Märtyrers, die zu den Sinnen sprach; oder die himmlische Verklärung, die sowohl in seinem Gesichte, als auf seinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte, ... oder den magischen geheimnißvollen Farbenzauber, der aus den Blumen hervorging, die aus den stürzenden Blutstropfen des Heiligen sproßten; oder endlich das herrliche Schauspiel des aufgeschlossenen Himmels, der seine Goldstrahlen um das jugendlich schöne Haupt des Sterbenden legte, — aus dessen Wolkenkranze die heilige Mutter sah, und der Heiland und ihre dienenden Engel!
Justine konnte sich nicht satt sehen an dem lieblichen Meisterwerke, und so oft eine seltsame innere Beklemmung sie zwang, den Blick wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurück. Sie stellte es endlich, verschämt und dennoch zu kleinem Frevel versucht, in die Zweige einer jungen, grün und glänzend aufsprossenden Myrthe. Sie dachte sich den Altar hinzu, — nicht den violettbehangenen der Johanniskirche, sondern den roth und weiß geschmückten aus der Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez gesprochen. Das Bild jener heimlichen Messe gesellte sich zu dem ganzen Begriff, und — siehe da! in blühende schmeichelnde Formen gestaltete sich vor dem Mädchen der römische verpönte Gottesdienst, und es dachte bei sich: die Mittagsländer mit ihren heitern Tempeln müßten doch schön sein, wie ihr Kirchendienst fröhlich; glänzend und begeisternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rührend und ideal. Da wurde der schweigend überlegenden und prüfenden Jungfrau plötzlich zu Muthe, als sei Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten, und frage sie mit seiner ruhigen und männlichen Stimme: »Wozu das alles, liebe Miß? Ich fürchte: was Sie da treiben, sieht einer kleinen Sünde ähnlich auf ein Haar. Lassen Sie den raschbewegten Mittagskindern ihren bunten lustigen Schauspieldienst, und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen man betet. Ihr wandelbarer Geist verlangt einen Blumenflor, auf dem er flattere und wühle, und schaue und genieße wie die Biene; denn der Süden zeugt rasches Blut und glühende Sinne. Bleiben Sie jedoch, gute Miß, in der Bahn des Nordens, des gemüthreichen, lang und beständig Empfindenden, zufrieden mit einem Gotte, mit einem treuen Herzen. Und dieses Herz — bin ich gleich nicht schön wie der pfeildurchbohrte Sebastian, — nicht Theilnahme erregend, wie ein Anderer, der mir gefährlicher wäre, als der todte Heilige — dieses treue Herz finden Sie in mir!«