Über all das hatte er schlaflose Nächte, bis er zu fester Anschauung sich durchgerungen hatte, die lautete: Es hat die Mahlzeit das Äquivalent zu sein der durch die tägliche Arbeit verausgabten Kräfte. Und so stellte er den Blick seiner Kundschaft gegenüber neu auf Feststellung dieser Tatsache ein und fand, er könne ruhigen Gewissens mit der Beschaffenheit und dem Maß der Portionen herunter gehen und leiste noch immer ein Mehr in den Magen der Speisenden. Auch Suzanne gegenüber, die ihm ein Mädchen geboren hatte und noch in derselben Stellung bei ihm war, nahm er jetzt diesen Standpunkt ein. Auf Grund seiner Erziehung war sie gewöhnt, ihren und ihres Kindes Körper gehörig mit ausgesuchter Eßware zu stopfen. Jetzt wies er sie hin, es sei Schande, den ungeheueren Nahrungsmengen, die sie genösse, ein so winziges Maß an Leistung gegenüberzustellen. Sie möge Leib und Geist mehr tummeln oder ihren Eßverbrauch einschränken.
Damit aber hatte der Prozeß in ihm kein Ende. War gegen Mitternacht das Geschäft vorbei, das Haus leer, blieb er am Herd zurück und begann, schmorend und bratend, Versuche mit Surrogaten zu machen, die er den Speisen beimischte, von der innigen Überzeugung geführt, er habe das Recht und die Pflicht, es den Verbrauchern gleichzutun, die auch an Stelle wirklichen persönlichen Wertes für das Menschengeschlecht falsches Vorgeben, hohle Gesten und Phrasen gesetzt hatten.
Langsam begann er danach, seine theoretischen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Äußerlich blieb alles, Name und Anrichtung der Speisen, beim alten. Bedachte er aber, wie ein Stück Fleisch durch Klopfen und Lockern der Atome angeschwollen, durch Beimischung scharfer Gewürze Kiefer und Gaumen jetzt weniger durch Kauen als durch Beize beschäftigte, schmunzelte er und trieb die entdeckte Kunst zu immer größerer Vollendung. Nun hatte er zwar am Schluß des Jahres die Genugtuung eines außerordentlichen Überschusses, fühlte aber, ihn befriedigten die Grundsätze, nach denen er heute Wirt sei, weder in Bezug auf die Beschaffenheit der Gäste mehr, noch hinsichtlich der Mittel, die er anwandte, ihre Erwartungen zu erfüllen.
An einem Sonntagabend lief dicht vor seinen Augen die Wendeltreppe zu den Räumen im ersten Stock des Restaurants ein Persönchen empor, das mit Rockrüschen und Volants wie ein Quirl über seiner Stirn hüpfte. Die Beine in weißseidenen Strümpfen nahmen zwei, drei Stufen auf einmal, und bei jedem Satz federte der Körper hoch auf in den Gelenken. Dazu flogen Haare, Federn, Pelzwerk um den Kopf, und ein empörtes Hundekläffen kam von ihrem vermummten Busen her. Mit einem Sprung schwang sie sich oben zu zwei Herren an den Tisch und rief klingenden Stimmchens: »Hunger!« Napoleon, der auf Zehen vor sie getreten war, durchfuhr’s, hier sei seine ganze Speisekarte fehl am Ort, und während Röte sein Antlitz malte, schlug das Herz Generalmarsch in hastiger, aussichtsloser Erregung, was er diesem Püppchen bieten könne.
Als Madame Valentine Forain stellte sie einer der Herren vor, und Napoleons Unruhe wuchs zur Verzweiflung, als er hörte, er habe die berühmte Tänzerin vor sich, die seit Wochen Paris bezaubere. »Stillen Sie meinen Hunger mit Luft,« sagte sie, »die den Leib nicht beschwert. Sie sehen aus, als verstehen Sie Ihre Kunst. Diesem süßen Ungeheuer,« sie wies auf das safranrote Hundeschnäuzchen, das aus einer Spalte ihrer Taille schnüffelte, »reichen Sie ein Schälchen zerkleinerter Kalbsmilch.«
Einen Augenblick blieb Napoleon auf dem Gang zur Küche im Dunkeln an einen Pfeiler gelehnt, als habe er einen Schlag gegen die Stirn bekommen und müsse sich erst zu neuem Leben sammeln. Gleich aber schoß die Stichflamme der Erkenntnis in ihm hoch, hier gelte es die Zukunft, und schon spürte er den aus den Kämpfen der letzten Wochen gesammelten Willen zu etwas gänzlich Neuem als ein Lichtmeer über sich fluten. An den Herd er glitt, schnitt, mischte, quirlte; hob es in kleinster Kasserole nur eben ans Feuer, nahm’s fort, als der erste Wrasen stieg, und mit vier Sprüngen die ganze Treppe nehmend, servierte er das Schüsselchen in seiner frühesten Hitze: Taubenpüree mit frischen Champignons.
Sie kostete, murmelte, schluckte und schlug ein Paar kornblumenblaue Augen lächelnd zu ihm auf. Er stürzte in die Küche zurück, setzte den Herd in größere Glut und ließ über eine Handvoll Spargelspitzen, die er den jüngsten Sprossen abgeschnitten, heißen Dampf schlagen, in dem er sie gar kochte. Im letzten Augenblick gab er eine Schwitze von Sahne und Sellerie über das Ganze. Als drittes und letztes Gericht bot er frische, geschälte Wallnüsse mit Himbeeren à la crême. Dem Hündchen aber hatte er Trüffeln an die Kalbsmilch getan.
Nun stand er unauffällig in der Nähe, sah, wie nach wenigen Bissen von jeder Platte schon die ganz sanfte Röte auf ihrer Haut lag, der Körper sich tiefer in die Kissen des Sofas drückte und aus ihrem Munde ein Fauchen, winzige Tropfen Feuchtigkeit aus den Augen kamen, ansagend, das zarte Leibchen ziehe hingegeben jetzt Kraft aus dem Genossenen. Keiner der Herren sprach in diesen Augenblicken, da auf dem Antlitz der Frau ein andächtiges Lächeln lag, mit ihr, als sei es ausgemacht. Zitternden Zwerchfells lachte Napoleon, schütternden Leibes in heller Seligkeit für sich dazu, bis ihm die Augäpfel in Tränen schwammen. Er war mit ihm eins und lobte Gott in der Höhe.
Die Begegnung wurde geänderten Lebens und neuer Ziele Anfang. Als er am gleichen Abend heimkehrend den kräftigen Leib Suzannes in den Bettkissen fand, schnitt er der Schlafenden eine angewiderte Grimasse. Wütend deckte er ein freiliegendes Rundteil von ihr zu, schloß die Augen und träumte in Wolken duftiger Seide und Band die behende Gestalt der Tänzerin. Vor seinem geistigen Auge prüfte er die schlanken Arme, eine schmale Hand, ihre ganze zierliche Erscheinung und stellte fest, wie wenig fleischliche Person die Begnadete sei, und wie geringer Kost sie bedürfe zu künstlerischer Leistung, durch die sie eine Nation zum Entzücken hinriß. Für welche Tat aber sei der Leib neben ihm derart aufgemästet, zu welchen Fortschritten brauche er seine täglichen mächtigen Rationen? Mit was für Gesindel habe er, Napoleon, sich eigentlich bis über sein dreißigstes Jahr hin abgegeben, und welch steilen Weg müsse er bis zu lohnendem Ziel noch ersteigen! Er fühlte, keine Minute sei zu verlieren, und alles Heil ruhe im Anschluß an die verehrte Gastin. So widmete er ihr vom zweiten Erscheinen an sein Trachten und Vermögen. Dachte die Stunden bis zu ihrem Kommen nichts, als was er ihr vorsetzen, wie er ihre Erwartungen übertreffen müsse. Lief morgens vom Markt in Hallen und Krämereien; suchte, tüftelte das Frischeste, Zarteste und Rarste heraus. Zur Vorstellung ihres winzigen Kerns in einer Hülle von Tüll und Tand dichtete er aus Schaum, Krusten, Farce und Saucen das assoziierende Speisengebild; schabte, preßte in Tücher, seihte und überquirlte wohl ein dutzendmal, bis das Gekochte schwebend gleich einer Wolke zum Teller niedersank. Dann sah er es entzückt zwischen zwei leuchtenden Zahnreihen auf einer schmalen Zunge zergehen.